Karen Stark atmete aus, hielt kurz inne und setzte dann den Gewichtstock behutsam ab. Die B6, eine klassische Beinpresse, war eine ihrer Lieblingsmaschinen. Befriedigt spürte sie dem Vibrieren in biceps und quadriceps femoris nach, öffnete den Sitzgurt, trocknete sich mit dem Handtuch Nacken und Stirn ab und wischte aus alter Gewohnheit einmal über Sitz und Lehne der Kraftmaschine. Auch für die Gesäßmuskulatur war die B6 ideal – wenn man keinen schlaffen Beamtenhintern kriegen wollte wie so viele ihrer Kollegen bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft. Karen streckte sich und spürte, wie die Wärme der durchbluteten Muskeln den ganzen Körper erreichte. Sie lächelte der Frau entschuldigend zu, die mißbilligend zu ihr hinübergeguckt hatte. Die Frau in den blauen Leggins war klein, schmal, dunkelhaarig und sicher weit über sechzig Jahre alt. „Ich hasse Stöhner“, sagte die Dame, aber sie lächelte glücklicherweise zurück. Karen hatte gegen das ungeschriebene Gesetz verstoßen, das Geräuschlosigkeit beim Training verordnete. „Wer stöhnt, trainiert falsch“, pflegte Manuela Wilms zu sagen, die das Studio leitete. Auch enge Hosen und Muskelshirts sah sie nicht gern – ebensowenig teure Turnschuhe oder Fahrradhandschuhe, auf die Karen nicht verzichten wollte, aus alter Gewohnheit. Nach Manuelas Meinung brauchte man gar nichts besonderes zum Krafttraining – nur heiligen Ernst und ein Handtuch. Karen sah das ähnlich. Alles Unnötige war verzichtbar. Und Stöhner waren die Pest. Männer in kurzen Hosen auch. Und all die, die mit schmerzverzerrtem Gesicht demonstrierten, wie hart sie arbeiteten. Die ältere Dame legte, wie Karen neugierig feststellte, ganz ordentlich was auf. Das gefiel ihr. Die Zeiten schienen endlich vorbei zu sein, in denen man Krafttraining für verdächtig, gefährlich oder unnatürlich hielt, eine Meinung, mit der Karen Stark seit Jahren vertraut war. Die meisten ihrer Bekannten glaubten, das sei was für Zuhälter, die ihre durch Nichtstun lädierte Kondition aufpolieren wollten. Bullen stemmten Gewichte - und die meisten Gefängnisinsassen passenderweise auch. Machos taten es, schwachsinnige Bodybuilder. Die Mafia. Aber eine Staatsanwältin? Oberstaatsanwältin Stark sagte dazu nur noch selten etwas. Höchstens, daß Menschen mit gut ausgebildeten Muskeln mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit kriminell oder blöde sind wie Blondinen dumm. Im Grunde war Karen die Antwort egal. Wenn sie nicht regelmäßig trainierte, kriegte sie schlechte Laune. Und die konnte sie nicht brauchen. Das Leben war kurz genug. Sie ging hinüber zum Pullover, zur C1. Gute Trainingsmaschinen basierten auf den Prinzipien, nach denen sich gute polizeiliche Ermittlungsarbeit organisierte: zum Erfolg führten der kürzeste Weg und die einfachste Lösung und was man dafür brauchte, waren Gleichmäßigkeit, Genauigkeit und Stetigkeit; keine Hast und keine unnötige Energieverschwendung. Also: geduldig dicke Brocken stemmen und zwar solange, bis wirklich nichts mehr ging. Und niemals dabei die Geduld verlieren oder dem Kerl eine langen – etwa so einem wie Horst Maurer, dem Hauptangeklagten im jüngsten Frankfurter Bestechungsskandal, bei dessen Anblick es ihr in den Fingern juckte. Sie lächelte beim Gedanken an die Beweislage gegen Maurer triumphierend in sich hinein, während sie die Unterarme auf die Armpolster legte und die Arme vom Gewicht nach oben und hinter den Kopf ziehen ließ. Dann drückte sie das Gewicht mit den Oberarmen langsam wieder nach unten. Hinter sich hörte sie Gelächter. Im Gang zwischen der F2 und F3 redeten zwei Frauen aufeinander ein. Auch das gehört verboten, dachte Karen. Es stört die Andacht, mit der man seinen Muskeln beim Singen zuhört – ein Sound, schöner noch als jedes Geständnis. Endlich war es ruhig. Um diese Zeit war selten viel los im Kieser-Studio. Karen ließ sich auf den Sitz der H1 fallen und zog die Handgriffe zu sich hin. Wenn ein Muskel wachsen soll, muß man ihn ermüden. Auch das eine Parallele zur Ermittlungsarbeit: Sie hatte vor, Horst Mauer, bis vor kurzem Manager eines Frankfurter Spitzenhotels, solange zu ermüden, bis er über sich hinauswuchs und die Tatsache endlich gestand, daß er von einem mittleren Reinigungsunternehmen, das auf jeden Auftrag angewiesen war, Schmiergelder für das Versprechen kassiert hatte, ihnen die Hotelreinigung zu übertragen. Sie setzte das Gewicht behutsam ab, als es hinter ihr laut stöhnte. Dann krachten mehrere Kilo Eisenplatten zurück in den Gewichtsstock. Sie schnellte hoch. „Soll ich den Arzt holen oder ist Ihnen nicht mehr zu helfen?“ Ihre Stimme klang laut und hart in der ehemaligen Fabrikhalle. Männer, verdammt. Alles Machos. Und plötzlich sehnte sie sich nach Couch-Potatoes wie Günther, dessen einzige Körperertüchtigung im abendlichen Heben des Rotweinglases bestand. Sie ging hinüber zur F1, in die Ecke, aus der das Geräusch gekommen war. Wenn Manuela Wilms schon nichts sagte – sie würde sich ja wohl mal beschweren dürfen. Der Mann saß zusammengesunken in den mit schwarzem Kunstleder bezogenen Polstern der Maschine, mit der man die schräge Bauchmuskulatur trainierte, hatte die Augen halb geschlossen und rührte sich auch nicht, als sie direkt vor ihm stand. Karen Stark atmete tief ein und wieder aus. Sie hörte ein Geräusch hinter sich, drehte sich blitzschnell um. Aber da war nichts und niemand. Sie war allein mit einem Mann, der allem Anschein nach tot war, jedenfalls spürte sie keinen Puls und die Augenbälle unter den Lidern sahen stumpf aus. Herzinfarkt oder Schlaganfall. Mitten im Leben. Mitten in der Bewegung. Kein schlechter Abgang, wenn man davon absah, daß der Mann deutlich jünger als vierzig Jahre wirkte. Karen biß sich auf die Unterlippe. War der Mann wirklich allein gewesen hier unten? Und... Sie trat näher an die Leiche heran. Zuviel Gewicht konnte nicht schuld sein am frühen Herztod oder ähnlichen. Der Mann hatte völlig normal trainiert. Sie ließ den Blick von den Armen des Mannes, die von den Ellbogenrollen herabgesunken waren, nach oben wandern. Es war nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Sie ging nach oben und ließ Manuela Wilms die Polizei anrufen. Der Mann, der an der Rezeption darauf wartete, daß man ihm den Spindschlüssel gegen den Mitgliedsausweis tauschte, schaute neugierig zu ihr herüber. „Wo haben Sie zuletzt trainiert?“ fragte Karen den Mann. „Oben oder unten?“ „Oben. Die F1 habe ich heute ausgelassen.“ Die F1. Wieso erwähnte er ausgerechnet diese Maschine? Hatte sie womöglich nicht das Stöhnen eines Sterbenden gehört, vorhin, sondern das Stöhnen – seines Mörders? Sie sah dem Mann nach, wie er durch die Drehtür verschwand, durch die soeben der Notarzt hereingekommen war. Jetzt stand die ältere Dame von vorhin am Tresen und ließ sich ihren Mitgliedsausweis geben. Sie nickte Karen zu, bevor sie ging „Sie hat sich immer mit ihm gezankt“, sagte Manuela Wilms in verschwörerischem Ton. Ihr Kopf bewegte sich zur Treppe, über die gerade der Notarzt ins untere Geschoß verschwunden war. „Schon seit Jahren.“ Die besten Lösungen sind die einfachen. „Ich hasse Stöhner.“ Karen hatte die Stimme der Frau im Ohr. Sie ließ sich von Manuela Wilms die Trainingskarten der Dame geben – und die des Toten sowie des Mannes, der offenbar wußte, in welcher Maschine der Tote gestorben war. Die Übereinstimmung fiel sofort ins Auge. Der tote Jan Verschuer und Ursula Obermaier hatten fast immer am gleichen Tag trainiert. Sie dachte einen Augenblick nach. Dann ging sie hinunter zur Leiche. „Wie sind Sie nur darauf gekommen?“ fragte der Arzt, nachdem er den Hals des Toten untersucht hatte. „Beidseitige Kompression der Carotiden. Das muß verdammt schnell gegangen sein.“ Ganz einfach. Ursula Obermaier haßte Stöhner, hatte Power. Und – „Sie war mal Ärztin“, hatte Manuela Wilms ihr zugeflüstert. Ursula Obermaier war die erste Mörderin, für die Karen Stark für ein paar Sekunden Verständnis hatte.
© Anne Chaplet 2005 Erschienen im Kundenmagazin von Kieser Training
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