Tödliche Liebe.
Ein Fußballkrimi
 

Die schwarzweißroten Fahnen mit dem Adler wehten, die Fans tobten. „Auf geht’s, Eintracht, schieß ein Tor“ klang es aus der einen Ecke, „Steht auf, wenn ihr Adler seid“ aus einer anderen. Die Ultras, der mächtigste Fanclub der Eintracht mit der unbestreitbar besten Choreographie, starteten eine gigantische Laola-Welle.

Und dann brüllten alle, füßestampfend: „Kämpfen, Eintracht, kämpfen!“ Ein Heimspiel für die Eintracht Frankfurt in der Commerzbank Arena. Dagegen kamen die Fans vom FC Kesselberg nicht an, obwohl auch sie ihre Fahnen schwangen und in aufmunternde Gesänge ausbrachen, deren Text Daniela Baumeister nicht verstand. Aber er interessierte sie auch nicht.
Sie gab nichts auf die Konkurrenz. Sie war Eintracht-Fan, immer schon gewesen, ihr ganzes Leben lang. Und erst recht, seit sie mit Mike Baumann verheiratet war. Mike mit den sensiblen Fingern. Ein Physiotherapeut, der jeden Muskel seiner Jungs persönlich kannte. Und der geschrien hatte, als es passierte, vor wenigen Stunden. Es kam ihr vor, als ob das alles Lichtjahre her wäre.
Und jetzt waren die Ränge leer und der Wind fegte eine Bierdose durch die Gegend, die den Männern mit den schwarzen Müllsäcken entgangen war. Daniela Baumeister ließ ihren Blick hoch zum Oberrang gehen. Was für ein trauriger Anblick das moderne Stadion bot, wenn niemand in ihm tobte und feierte – trotz all der bunten Werbung und des spektakulären Cabriodachs, das sich ein- und ausfahren ließ, im Prinzip jedenfalls. Im wirklichen Leben wußte man nie, ob es auch dicht hielt, wenn es regnete.
Daniela Baumeister blinzelte nach oben in den blaßblauen Himmel. Plötzlich hatte sie Sehnsucht nach dem guten alten Waldstadion. Nach den guten alten Zeiten, in denen soetwas nicht möglich gewesen wäre. Undenkbar. Unvorstellbar. Oder täuschte sie sich da?
Das heutige Spiel jedenfalls war schon nach 18 Minuten zuende gewesen. Die Ordnungskräfte hatten alle Mühe gehabt, die Fans ohne größere Krawalle aus dem Stadion zu bringen, was an ein Wunder grenzte, wenn man bedenkt, was alle gesehen hatten – hatten sehen müssen. Alle waren still gewesen, schlagartig. Aber dann – der Schrei, der durchs Stadion gegangen war, ein unfaßbarer Ton aus so vielen Kehlen, ein Laut, wie sie ihn noch nie gehört hatte. Daniela schüttelte es. Einige waren auf den Rasen gelaufen, hatten das Unglück verhindern wollen. Mike war schneller gewesen. Aber auch er hatte Kevin Marx nicht schützen können vor der Wut Eric Fabians. Kevin, den Torwart vom FC Kesselberg, „ein gefährlicher Gegner“, hatte Mike vor dem Spiel gesagt, vor Eric Fabian, dem besten Stürmer, den die Eintracht hatte. Dem Mann von Fenna Fabian, die sich aus dem Fenster ihres Hotelzimmers im 11. Stock gestürzt hatte, als Eric verhaftet worden war.
Daniela fühlte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Ihr Blick ging zum Rasen. Und zu der Stelle vor dem Tor, das die Polizei mit rotweißem Plastikband gesichert hatte.
Dann stand sie auf und stieg die Stufen hoch zu einer der Business-Lounges, wo sie mit Mike verabredet war – nach der Pressekonferenz.
Zuerst war sie enttäuscht, daß sie nicht allein war. An einem der Tische vor der holzgetäfelten Wand saßen fünf Spielerfrauen und plapperten aufgeregt aufeinander ein. Sie warteten sicher auch auf ihre Männer – und plötzlich war Daniela Baumeister froh, nicht alleine zu sein. Sie grüßte hinüber zu den Frauen, aber nur eine nahm sie überhaupt wahr – eine große, kühle Blonde. Carmen Taheri, sie managte ihren Mann und hatte einen Ruf als eiskalte Verhandlerin. Man las ab und an über sie in den einschlägigen Zeitschriften, die bei Baumeisters zu Hause stapelweise herumlagen. „Damit ich weiß, wenn einer der Jungs wieder mal eine Neue hat“, begründete Mike sein Interesse an den bunten Blättern – dabei war er derjenige, der solche Sachen immer als erster erfuhr. Seine Jungs erzählten ihm alles, wenn er sie unter seinen Fingern hatte, worauf er rührend stolz war, vor allem, wenn sich der Trainer bei ihm nach der Seelenlage der Spieler erkundigte.
Daniela kam mit einigen der Spielerfrauen gut klar, mit anderen hatte sie Mitleid. Mehmet Scholl hatte mal auf die Frage nach seinem Lieblingsberuf „Spielerfrau“ geantwortet – als ob das der schönste vorstellbar Job wäre. Er hätte auch Boxenluder sagen können. Aber der Anblick der gutgestylten Mädchen täuschte. Die wenigsten Frauen wußten, worauf sie sich einließen, wenn sie sich in einen Fußballer verknallten.
„Aber sie haben sich doch so geliebt, Fenna und Eric!“ Die da so kritisch ihre frisch lackierten Zehennägel inspizierte, war Annika – Daniela erinnerte sich an die Schlagzeile, mit der die Boulevard-Presse ihre Liaison mit Manne Kurkov verkündete: „Hat die ehemalige Unterwäsche-Schönheit aus dem Quelle-Katalog mit ihrem Stürmer-Star das Glückslos gezogen?“
Julia – die „Nummer 1 der Nummer 8“ – puderte sich die Nase und gab ein unhöfliches Geräusch von sich. „Schätzchen, du bist noch nicht lange genug dabei, sonst wüßtest du...“ Daniela grinste. Julia war auch noch nicht lange dabei – eine Disco-Schönheit, über die das Gerücht ging, sie bekomme demnächst eine eigene Talkshow. Wohl bekomm’s. Verena Feldbusch war eine Intelligenzbestie gewesen im Vergleich mit Julia – aber ihr David war auch nicht viel heller.
„Kusch!“ zischte Carmen. Sie war die einzige der Spielerfrauen mit kühlem Verstand und Durchblick. Ohne ihr Managementtalent wäre Ahmad Taheri auf ewig Lokalmatador geblieben.
Daniela sah auf. Scheinheilig lächelnd kam Dagmar Galli auf die Frauen zugesegelt, DIE Galli vom Peoples-Magazin, genannt Gallina, das Hühnchen, obwohl sie heutzutage eher einem Kapaun glich.
„Was sagt ihr denn zu dieser schrecklichen Katastrophe?“ sagte sie und fächelte sich mit ihrem Schreibblock Luft zu, dabei war es gar nicht sonderlich warm. Aber schon der Weg die Tribüne hinunter dorthin, wo die Spielerfrauen saßen, hatte sie außer Atem gebracht. Die fünf, die da nebeneinander hockten wie Hühner auf der Stange, schauten das Huhn vom Peoples-Magazin mit Gesichtern an, in denen sich Mitleid und Abwehr spiegelten.
„Es ist eine schreckliche Katastrophe“, sagte Carmen. Alle nickten.
„Sie haben sich so geliebt“, sagte Annika versonnen und lackierte den linken großen Zeh nach.
„Aber warum ist Eric plötzlich ausgerastet? Und was ist in Fenna gefahren?“ fragte Gallina lauernd. „Vielleicht hatten die beiden doch ihre – Probleme?“
„Was für Probleme denn?“ Uschi gähnte und legte ein bißchen zu spät die Hand vor den Mund. Sie kam dank Säugling Gregory wahrscheinlich kaum noch zum Schlafen. Daniela erinnerte sich an die Schlagzeile in der „Bild“ vor einigen Monaten, die das Dilemma der Spieler und ihrer Frauen brutalstmöglich auf den Punkt brachte: „Uschi mit Babybauch. Spielt Alex jetzt besser?“
„Sie war ja nicht seine erste Frau.“ Gallina hatte den Kopf schräg gelegt und kaute auf der Unterlippe.
„Aber die einzige, die er wirklich geliebt hat“, sagte Eva fest – Eva, die bodenständige, die mit ihrem Felix schon seit über zehn Jahren zusammen war. Sie war seine Jugendliebe, eine Frau, die ihn am Abheben hinderte.
Annika nickte. „Das haben alle gesehen.“
„Und sie – war er bei ihr auch der einzige?“ Die Galli lauerte wie ein fetter Kater auf dem Sprung.
„Gallina, niemand läßt unsere Männer im Stich ausgerechnet in diesen Wochen.“ Carmen sah in die Runde. Alle nickten und lächelten.
„Wir wären ja bescheuert.“ Uschi gähnte wieder, war aber diesmal höflich genug, den Kopf zur Seite zu drehen.
„Und ihr könnt euch nicht erklären, wie es zu der Katastrophe kam?“
„Überhaupt nicht.“ Carmen wühlte in ihrer Handtasche auf der Suche nach dem Mobiltelefon, das „You never walk alone“ dudelte.
„Es ist uns völlig unerklärlich.“ Eva schüttelte den Kopf.
„Es ist einfach – eine schreckliche Katastrophe.“ Annika schluchzte auf und tupfte sich mit dem Zeigefinger imaginäre Tränen aus den Augenwinkeln.
Gallina nickte und schrieb etwas in ihren Block. Wahrscheinlich „’Es ist eine schreckliche Katastrophe.’ Darin sind sich die Spielerfrauen einig“, dachte Daniela Baumeister und war froh, daß die Galli nicht sie fragte. Wahrscheinlich wäre sie wieder in Tränen ausgebrochen. Es war für alle schlimm – für die Mannschaft, für das Team –, was Gallina eine Katastrophe nannte und was Daniela Baumeister eher eine Tragödie nennen würde. Der Stürmer der eigenen Mannschaft verhaftet. Kevin Marx, der Torwart der gegnerischen Seite, schwerverletzt. Und Fenna Fabian...
„Was ist nur in Fenna gefahren?“ Annika schien endlich zufrieden zu sein mit ihren Fußnägeln und schüttelte sich.
„Wenn dein Manne herausgefunden hätte, daß du es mit einem von der gegnerischen Seite treibst, wärst du vielleicht auch aus dem Fenster gesprungen.“ Carmen tippte in ihr Handy, während sie sprach. Sie beherrschte das simsen, wie es nur Fünfzehnjährige, Politiker und frisch Verliebte können.
„Was sagst du da?“ Annika machte große Augen.
„Fenna? So ein Quatsch.“ Eva guckte empört, aber man sah in ihrem Gesicht, daß die Empörung mit der Neugier kämpfte und langsam unterlag.
„Was meinst du denn, warum Eric so ausgerastet ist?
„Du meinst...“
„Ich hab’s gehört.“
Uschi, die gerade wieder gähnen wollte, klappte den Mund zu. Annika hörte auf, mit den Zehen zu wackeln. Julia, die kritisch in den Taschenspiegel geschaut hatte, während sie ihre Lippen nachzog, sah auf. Und Daniela Baumeister rückte etwas näher. Das war in der Tat das große Rätsel: warum war Eric Fabian ausgerastet? Warum war er während des Spiels auf den gegnerischen Torwart losgegangen und hatte ihn halbtot getreten?
„Ich hab gehört, wie sie es getrieben haben, Fenna und Kevin.“ Carmen klang streng.
„Sie haben – was?“
„Eindeutig. Nicht, daß ich verstanden habe, was sie gesagt haben, aber die Geräusche...“
„Aber sie hat Eric geliebt! Abgöttisch! Ich weiß das!“ Annika war sanft errötet und sah aus, als ob sie gleich mit dem zarten Füßchen aufstampfen würde.
„Und woher weißt du das so genau? Hast du es mal bei Eric versucht?“ fragte Julia spöttisch. Annika errötete womöglich noch mehr. Nach allem, was man hörte, war sie nicht unbedingt Mannes Traumfrau. Schon möglich, daß sie sich mal umgeguckt hat nach anderen Versorgern.
Daniela Baumeister lächelte in sich hinein. Sie beneidete keine einzige dieser Frauen. Man mußte so tough sein wie Carmen oder so verläßlich wie Uschi, um mit den ewig empfindlichen Hochleistungsfußballern klar zu kommen. Carmen managte ihren Ahmad nicht gerade zu dessen und ihrem Schaden. Und Uschi wußte schon jetzt, was ihr Alex nach dem Ende seiner Karriere tun würde, um ihr und sein Leben zu vergolden. Diese Bräute würden immer gewinnen. Aber Annika... Und Fenna...
Fenna Fabian hatte ihren Eric geliebt. Das konnte jeder sehen. Aber was dann passiert war...
Carmen schüttelte ihre kurzen dunklen Haare und sagte: „Sie hat Eric mit Kevin Marx betrogen. Mit einem von der anderen Seite! Kurz vor dem Spiel! Ich habe es ihm natürlich gesagt.“
„Du hast was?“ Julia war ernstlich entsetzt, das konnte Daniela spüren. Und sie selbst war es auch. Das machte man nicht, einen so wichtigen Spieler wie Eric Fabian vor einem so wichtigen Spiel mit der unerfreulichen Tatsache konfrontieren, daß seine Liebste es mit einem Mann der Gegenseite trieb.
„Ich glaub das nicht.“ Annika warf mit einem hoheitsvollen Kopfschwung die glatten blonden Haare nach hinten. „Sie hat Eric geliebt. “
„Sie hat ihn Silvi ausgespannt. Sie hat ihn umgarnt, bis er weich war. Sie wußte, wie man das macht. Eine Krankenschwester – ich bitte dich! Das ist doch der Traum jedes Mannes!“ Carmen klang ungewohnt bitter. Daniela dachte über Carmens Beziehung zu Ahmad nach. War da was im Busch? War ihr etwas entgangen? „Sag mir, wenn du schlechte Stimmung bei den Weibern spürst“, hatte Mike ihr immer wieder gesagt. „Da hängt mehr dran als wir uns träumen lassen.“
Natürlich. Was meinst du, wieviel daran hängt, wie gut wir uns verstehen, Mike, dachte Daniela.
„Und außerdem hat sie keine Ahnung vom Fußball. Aber wirklich gar keine“, sagte Carmen kühl.
Annika rutschte unruhig hin und her. Sie hatte bekanntlich auch keine Ahnung von dem, was diese Männer da taten, die dem Ball hinterherliefen. Wie sie tickten, diese komplizierten Organismen, auf Höchstleistung getrimmt und zugleich so unendlich empfindlich. Fenna hingegen hatte immer gewußt, was Not tat. Sie hatte Eric unter ihre Fittiche genommen, mit absoluter Loyalität, das war spürbar gewesen – „es kann einem Mann nichts besseres passieren“, hatte Mike mehr als einmal gesagt. Vielleicht war sie wirklich besser für ihren Mann gewesen als eine so ehrgeizige Spielerfrau wie Carmen. Aber Daniela mochte den Verstand Carmens. Und ihr Machtbewußtsein. Nur – Eric verraten, daß seine Frau ihn betrog?
„Du hättest das nicht machen dürfen“, hörte sie sich sagen.
„Ach ja?“ Carmen hatte die feingezupften Augenbrauen hochgezogen. „Weil es den Spielerfolg gefährdet? Denkst du an nichts anderes? Ist dir alles egal, Hauptsache, wir gewinnen?“
Daniela sah Carmen ins Gesicht. In ein leicht gerötetes Gesicht.
„Und du bestimmst, was Menschen voneinander wissen sollen? Egal, wie weh es ihnen tut?“ sagte Daniela leise.
Carmens Gesicht wurde blaß. „Das macht man nicht, Daniela, was Fenna gemacht hat. Wir Spielerfrauen haben auch unseren Stolz. Und unsere Moral. Man holt nicht einem von der Gegenseite einen runter. Vor allem, wenn es der ist, von dem dein Mann das meiste zu befürchten hat.“
„Sie hat Eric geliebt“, zirpte Annika.
Ja, dachte Daniela. Das hat sie. Und deshalb kann es nicht sein, daß sie ihn mit seinem ärgsten Gegner betrogen hat. Carmen mußte die Situation mißverstanden haben.
„Was hast du denn gehört, Carmen?“ fragte sie.
„Verlaß dich drauf: ich weiß, wie sich das anhört, wenn eine Frau einem Mann einen bläst“, sagte Carmen grob.
Natürlich, dachte Daniela. Du weißt das. Du kennst alle Tricks.
„Er hat gestöhnt. Und einmal richtiggehend gequiekt. Als ob sie ihn gebissen hätte. Oder gekratzt.“
Uschi gähnte wieder. „Wenn sie ein Kind hätte, wäre sie auf keine dummen Gedanken mehr gekommen. Schade um Fenna.“
Verdammt schade um Fenna – und um Eric, dessen Karriere beendet war, egal, ob sein Opfer überlebte oder nicht.
Daniela war froh, als Mike endlich kam. Sein Gesicht sah düster aus. In der Hand hielt er ein Blatt Papier, den Ausdruck einer Agenturmeldung. Er grüßte die Spielerfrauen und drückte Daniela das Blatt in die Hand.
„Stürmer schlägt Torhüter halbtot“, lautete die Überschrift der dpa-Meldung. „Beim Spiel Eintracht Frankfurt gegen FC Kesselberg hat der Stürmer der Eintracht, Eric Fabian, den Torwart der gegnerischen Mannschaft, Kevin Marx, tätlich angegriffen und schwer verletzt. Zu dem Vorfall kam es in der 18. Minute der ersten Halbzeit, als Fabian nach einer vergebenen Torchance den Torhüter des FCK mit Faustschlägen und Tritten attackierte und auf den am Boden liegenden Gegner eintrat. Kevin Marx mußte ins Krankenhaus gebracht werden, die Partie wurde abgebrochen. Der Eintrachttrainer zeigte sich fassungslos: ‚So habe ich Eric noch nie erlebt. Ich bin zutiefst erschüttert.“
„Kevin Marx ist eben gestorben“, flüsterte Mike Daniela ins Ohr. Ihr wurde kalt.

*
„Fenna Fabian hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen.“ Kriminalhauptkommissarin Karin Dettke kratzte sich hinter dem Ohr. „Völlig unklar, warum sie aus dem Fenster gesprungen ist.“
„Unklar? Also hör mal!“ Gert tat empört. Sie fand das richtig süß. Er war der netteste Kollege, den sie jemals gehabt hatte. Wahrscheinlich, weil er jünger war und besser roch als all die anderen. „Ihr Mann schlägt während des Spiels einen Gegner tot...“
„Halbtot“, sagte Karin Dettke. „Abgelebt ist er erst vor einer halben Stunde.“
„Egal. Damit ist die Karriere von Eric Fabian vorbei. Und wenn es stimmt, was wir gehört haben...“
„Das sind Gerüchte!“ Dettke versuchte, ihn zu bremsen. Das versuchte sie immer wieder. Zugleich liebte sie seine Unbekümmertheit.
„Fenna Fabian soll was mit dem Kerl gehabt haben“, sagte Gert Niemann. „Eric rastet aus, legt den Gegner um, Fenna weiß, was das heißt für ihn und für sie – und... Na, der Rest erklärt sich doch von selbst!“
Dettke wiegte den Kopf. Ihr war das alles zu – zu eindeutig. So funktionierten Männer und Frauen nicht. Oder? „Sie hat mich geliebt“, hatte Eric bei seiner Vernehmung gestammelt. „Es muß ein Irrtum gewesen sein. Sie hat mich geliebt. Was hat das Schwein ihr angetan?“
Karin Dettke wußte aus eigener Erfahrung, wie sehr man sich irren kann, wenn es um Gefühle geht. Und daß Fenna Fabian aus dem Fenster gesprungen war, sprach eher dafür, daß sie Schuldgefühle hatte – nicht dafür, daß ihr etwas angetan worden wäre, dem sie nicht zugestimmt hätte.
Eric hatte geschrien wie ein verletztes Tier, als er es hörte. Als er hörte, daß Fenna Fabian aus dem Fenster des Hotelzimmers gesprungen war. Aus dem 11. Stock. Das, was unten ankam, hatte nicht mehr nach Mensch ausgesehen.
Sie hatte noch nie einen Mann so schreien hören.
„Ich finde das alles so furchtbar“, sagte sie leise. Gert Niemann blickte auf, erhob sich, war in wenigen Schritten bei ihr und nahm sie in den Arm. „Love hurts“, sagte er leise. Sie wußte, was er meinte. Seine Frau hatte gerade ein Baby gekriegt. Und Karin war seine Vorgesetzte. Es gab keine Chance für sie beide.
„Im Namen des Skalpells!“ sagte Dr. Siggi Leitner, der ohne zu klopfen die Tür aufgerissen hatte und sie beide anstrahlte.
„Aus welcher Fernsehserie hast du eigentlich diesen blöden Spruch?“ Karin und Gert waren auseinandergefahren, als der Gerichtsmediziner hereinplatzte, aber sie lächelte ihn trotzdem an. Leitner war ein Zyniker, aber ein erfrischender.
„Ich sag euch jetzt die Wahrheit über den Tod von Kevin Marx, okay?“ Leitner ging leicht in die Knie und breitete die Arme aus, die Hände geöffnet.
„Bitteschön“, sagte Dettke und kreuzte die Arme vor der Brust.
„Eric Fabian hat dem Mann erhebliche Verletzungen zugefügt.“ Leitner zählte alle Hämatome, Läsionen und Frakturen auf, die Fabians Stollenschuhe auf dem Körper von Kevin Marx hinterlassen hatten. „Aber daran ist er nicht gestorben.“
„So? Woran denn dann?“ Gert Niemann klang ungläubig und feindselig. Das würde sie ihm abgewöhnen müssen, dachte Karin Dettke. Zu Gerichtsmedizinern ist man aus Prinzip freundlich – schon, weil man dringend vermeiden sollte, daß sie eine Ermittlung ausbremsten.
„Spann uns nicht auf die Folter, Siggi“, sagte Dettke mild.
„Irgend jemand hat ihm eine Überdosis Insulin verpaßt“, sagte Leitner und grinste, als ob er ihnen damit etwas besonders Erfreuliches mitteilte.
„Doping?“ Gert Niemann klang aufgeregt. Um Himmels willen, dache Karin Dettke. Du mußt noch viel lernen.
„Eher unwahrscheinlich“, sagte Leitner und versuchte, nicht überlegen zu lächeln. „Bei einem gesunden Menschen führt eine Extradosis Insulin in der Größenordnung, von der wir ausgehen müssen, zu Hypoglykämie.“
„Hypo...?“
Karin legte dem Kollegen eine Hand auf den Arm. Zuhören, dachte sie. Hör doch einfach mal zu.
„Unterzuckerung“, sagte Leitner. „Insulin wird Diabetikern verabreicht, um den Blutzuckerspiegel zu senken. Bei gesunden Menschen führt eine Überdosis Insulin zu einem rapiden Absinken des Blutzuckerspiegels, Symptome sind zuerst Schweißausbruch, Zittern und Herzklopfen, dann Müdigkeit, Verwirrtheit und Bewegungsstörungen. Wenn man nicht rechtzeitig gegensteuert, fällt der Betreffende ins Koma.“
„Und bei Kevin Marx ist niemand auf die Idee gekommen, er könnte eine Unterzuckerung haben?“
„Richtig. Man hat sich um seine Verletzungen gekümmert und nicht gemerkt, daß seine massiven Ausfallerscheinungen ganz andere Ursachen hatten. Der Mann ist an einem Insulinschock gestorben.“
Karin schüttelte unwillkürlich den Kopf. Das machte alles keinen Sinn.
„Tragisch, daß Fabians Frau sich umgebracht hat. Fabian konnte nichts für den Tod seines Gegners.“
Tragisch, dachte Karin. Was für ein Nachruf.
Und dann klickte es in ihrem Kopf. Fenna hatte Eric geliebt. Sie hatte früher als Krankenschwester gearbeitet. War es möglich, daß sie den Torwart außer Gefecht setzen wollte in der Hoffnung, daß das ihrem Mann nützen würde?
„Wie lange dauert es, bis das Insulin wirkt?“
Siggi Leitner wiegte den Kopf hin und her. „Kommt drauf an, um welche Sorte es sich handelt.“
„Kannst du das rausfinden?“
„Schon geschehen“, sagte Leitner fröhlich und zog die Tür pfeifend hinter sich zu.
Gert lachte, als sie ihm ihre Theorie vortrug. „Aber Karin! Was hilft das denn dem Stürmer, wenn der Torwart der Gegenseite ausfällt? Dann geht eben der Ersatzmann auf den Platz! Auf sowas kann nur jemand kommen, der keine Ahnung von Fußball hat!“
„Aber galt Kevin Marx nicht als der gefährlichste Gegner Eric Fabians?“
„Er war halt ein guter Torwart, so wie Eric Fabian ein verdammt guter Fußballer ist. Aber ihn ausschalten, damit die eigene Seite größere Chancen hat...“ Gert schüttelte den Kopf. „So funktioniert das nicht, Karin. Glaub mir.“
Sie sah ihn liebevoll an. Und beneidete zum zigsten Mal seine Frau.

*
Die Pressekonferenz war offenbar vorbei. Manne und David sahen verstört aus, als sie die Lounge betraten. Annika fiel ihrem Kerl um den Hals und schluchzte. Daniela sah aus den Augenwinkeln, daß Manne den Blick gen Himmel richtete. Das würde nicht mehr lange gutgehen mit den beiden.
Julia stand neben David, der den Kopf gesenkt hatte, und redete leise auf ihn ein.
Daniela hakte sich bei Mike unter. Annikas Stimme klang hell zu ihnen herüber. „Fenna hätte alles für Eric getan. Alles.“
„Frauen“, sagte Manne verächtlich und wandte sich ab.
„Sie wollte Eric helfen“, sagte Daniela leise zu Mike. „Wenn Carmen Eric nicht erzählt hätte, daß sie Fenna bei Kevin gesehen hat...“
„Was dann?“ fragte Mike und schüttelte den Kopf.
Daniela schwieg. Liebe macht blind. Und manchmal auch blöd. Eric tat ihr unendlich leid.

© Anne Chaplet 2006
Erschienen in: Volker Albers (Hrsg.), Tödliche Pässe. 12 Fußballkrimis, Berlin 2006