Romeo kam nur bis Bad Boltenhagen
 
Katia war gegen neun Uhr aus Lübeck losgefahren. Hinter Lüdersdorf fing es an zu schneien, sanft, verträumt, sodaß sie nicht weiter darauf achtete. Sie achtete auch nicht auf den Weg, folgte der Beschilderung wie ein braves Mädchen. Berlin. Früher hieß das mal „Hauptstadt der DDR„.
Daß sie auf der neuen Autobahn fuhr, fiel ihr erst auf, als sie die Hörbuch-CD wechselte. Der Übergang von hier zu dort, von Gegenwart zu Vergangenheit, war getilgt – ganz wie der Todesstreifen an der Zonengrenze, wo noch vor zwanzig Jahren die Welt endete.
Kurze Zeit später mußte man eine von den schweren LKW bis auf die Fundamente zuschandengefahrene Straße durch den Wald nehmen, bevor man bei Schlutup in einer langen Schlange vor der Grenze endete. Also vor dem, was bald darauf die längste Zeit eine Grenze gewesen war. Früher. Damals. 1990. Vor fast zwanzig Jahren.
Man wird nicht jünger, dachte sie und drehte die Heizung hoch.
Die Schneeflocken waren größer geworden und fielen dichter. Katia fühlte sich wie im Nebel auf hoher See, rechts und links sah man nichts, keinen Baum, keinen Strauch, kein erleuchtetes Haus. War die A 20 nicht umstritten gewesen? Weil sie ein angestammtes Habitat von Gelbbauchunke oder Hufeisennase störte?
So sentimental waren nur die Wessis, darauf wettete sie. Alle anderen waren gewiß froh, sich nicht mehr durch all die Käffer hinter Grevesmühlen und Wismar quälen zu müssen, bevor man bei Rostock die Autobahn nach Berlin erreichte.
Ein Schild. Abfahrt Schönberg. Wieso Schönberg? Wo um Himmelswillen war sie hier? Sie versuchte verzweifelt, sich auf ihrer inneren Landkarte zurechtzufinden, auf der Schönberg keinen guten Namen hatte. Mit Schönberg verband man damals die verrufenste Müllkippe der DDR. Es sei gefährlich, auch nur in ihre Nähe zu kommen, flüsterten die Freunde von der Umweltschutzbewegung. Hier werde all der Sondermüll gelagert, den man im Westen nicht haben wollte – weil er zu gefährlich sei. 
An all das erinnerte sie sich gut. Vorbei.
Draußen war wieder Niemandsland. Sie hörte der Stimme von der Hör-CD schon lange nicht mehr zu, die ihr etwas erzählte von einem jungen Mädchen im 19. Jahrhundert, das nicht heiratete, wen es wollte, sondern wen es sollte. Außerordentlich vernünftig, dachte Katia, die sich mit dem, was sie wollte, schon oft vertan hatte.
Mit einem Mal fiel ihr auf, daß sie schon seit längerem kein Auto mehr überholt hatte – und auch von keinem überholt worden war. Dabei schlich sie mit mutlosen 110 durch die Landschaft. Sie war allein, ganz und gar, wirklich und wahrhaftig allein. Vor ihr nichts, hinter ihr nichts, nur ein weißer Vorhang, der sie einließ und sich wieder um sie schloß.
Sie tastete nach dem Mobiltelefon auf dem Beifahrersitz, als ob es ihr das Gefühl nehmen könnte, sich im Schneetreiben zu verlieren. Die Straße mochte sonstwohin führen. Nach Ost, nach West, ins Meer. Ins Nirgendwo. Als sie in der Ferne endlich wieder ein Schild entdeckte, das auf eine Autobahnabfahrt verwies, atmete sie hörbar auf. Hatte sie etwa Angst, nachts, allein, auf der Autobahn? Das wäre neu. Wahrscheinlich wieder so ein Zeichen dafür, daß man nicht jünger wurde.
Und dann spürte sie ihr Herz klopfen. Das Schild. Die Autobahnabfahrt. Da, stand es, weiß auf blau: Grevesmühlen. Darüber: Bad Boltenhagen.
Der Weg führte mitten hinein ins Herz der Finsternis.
Und plötzlich war sie wieder dort, wo sie nie mehr hinwollte. In den vermüllten Hinterhöfen des Damals, vor einstürzenden Häusern, auf aufgerissenen Straßen. Hatte den Geruch in der Nase, diesen einmaligen Duft nach Lysol und Braunkohleverfeuerung. Fühlte sich klamm wie in den kalten Gästezimmern mit Jugendherbergseinrichtung, die sich später als ehemalige Stasi-Unterkünfte entpuppten. Erinnerte sich an all die Menschen, deren Freude über das Ende der DDR immer mürber wurde.
Aus den Lautsprechern rauschte es. Die Hör-CD war an ihr Ende gekommen. Jetzt wußte sie, daß sie sich in einer Art Vorhölle befand, weder hier noch dort, in die kein Signal aus der Gegenwart hineindrang, auch keine Radiowellen. Das Autoradio suchte vergeblich die Frequenzen ab. Sie blickte auf das Display ihres Mobiltelefons. Kein Empfang. Wie damals, als es ihr auch mit einem kiloschweren klobigen Autotelefon nicht geglückt war, aus der untergehenden DDR Kontakt mit der Welt aufzunehmen.
Bad Boltenhagen, 500 Meter. Sollte sie dem Schild folgen? Wie weit war es von der Autobahnabfahrt bis zum Ort? Bad Boltenhagen lag an der Ostsee. Zu DDR-Zeiten hatte sich von der Boltenhagenbucht aus manch tapferer Schwimmer gen Westen nach Travemünde aufgemacht. Die meisten waren von der Grenzbrigade der Volksmarine erwischt worden. Einige waren ertrunken. Wenige hatten es geschafft.
Bad Boltenhagen war kein guter Ort gewesen. Aber das hatte sie damals nicht gewußt.
Für sie war alles schön gewesen – seit es Leo gab. Die Schlaglöcher auf der Strandpromenade? Abenteuerlich. Die geheimnisvollen Grundstücke, die Bungalows, in denen sich Stasi und NVA eingeigelt hatte? Geheimnisvoll. Und das Hotel, in einer Villa direkt am Meer? Romantisch.
Wem es wohl heute gehörte? Den Alteigentümern aus der Zeit vor der DDR? Den Nutzern zu DDR-Zeiten? Der ehemaligen Treuhand, den alten Bonzen, einer internationalen Hotelkette? Ganz bestimmt nicht mehr dem Paar, das damals, im Frühjahr 1990, mit seiner frisch aufgeputzten "Villa Romeike" den Schritt in die Welt des Kapitalismus tun wollte.
Die Frau, die sie im Flur an der kleinen Rezeption empfing, wo es nach frischer Farbe roch, wirkte angestrengt. Wahrscheinlich fürchtete sie, nicht alles so zu machen, wie es sich für "Weltklasseniveau" gehörte. Aber das hatte schon zu DDR-Zeiten nicht geklappt, die Sache mit der Weltklasse. Und die Grenze war erst seit einem knappen halben Jahr gefallen, für zahlungskräftige Weltklasse-Touristen war die Ostsee noch zu unbekannt und das Frühjahr noch zu kalt.
„Ist das nicht wahnsinnig!„ hatte Katia auf dem Weg in den ersten Stock gesagt. „Wahnsinn„ war damals einfach alles, sie hatte den Begriff übernommen, war in Nullkommanichts vom Wessi zum Zoni mutiert. Leo hatte den Schlüssel in der Hand, „zu unserem Hochzeitszimmer„, wie Frau Romeike schelmisch verkündet hatte.
Und dann öffnete er die Tür zu einem großen Raum. Der Blick aufs Meer - ein Traum. Rechts führte eine Tür ins Schlafzimmer mit zwei schmalen Internatsbetten. Weniger traumhaft.
Er legte die Arme von hinten um sie, zog sie an sich, preßte sich an sie und flüsterte: „Ich werde dich durch das ganze Zimmer vögeln.„
„Gleich oder später?„ hatte sie zurückgefragt.
Später hatte sie wunde Knie und blaue Flecken, war der Couchtisch umgekippt und die Lampe von der Anrichte gefallen. Wie Frau Romeike wohl gucken würde?
Leo war der heißeste Kerl, mit dem sie je ins Bett gegangen war. Ein Ossi. Ausgerechnet. „Wir hatten ja sonst nüscht zu tun„, hatte er lachend geantwortet, als sie ihn fragte, woher er wußte, wie man eine Frau zur Raserei bringt.
Kennengelernt hatte sie ihn Ende November 1989, als sie zum ersten Mal an die Grenze gefahren war, nach Ratzeburg, um die Menschen zu sehen, die mit ihren seltsamen Autos ins Land strömten. Noch schenkten weinende Wessis - "Wahnsinn!" -  den Ankömmlingen Geld oder Bananen, später würden sich die Ratzeburger darüber beklagen, daß die Ossis ihnen ihre Geschäfte leerkauften.
Er stand neben ihr, in einem verschlissenen Bundeswehrparka, er weinte nicht und er lachte auch nicht. Und schließlich sprach sie ihn an. Immerhin war sie Journalistin. Und sie gehörte zu den wenigen westdeutschen Kollegen, die sich wirklich für das interessierten, was da aus dem Osten auf den Westen zurollte. Nicht nur für die Tränen, die Trabis und die Bananen. Sondern für – die Geschichten dahinter. Sie brauchte den besonderen Zugang, wenn sie weiterkommen wollte in der Redaktion des Blattes in Hamburg. Und Leo...
Ja, Mädel, dachte Katia. Damals warst du noch ehrgeizig. Plötzlich war ihr das erste Mal seit 17 Jahren wieder nach einer Zigarette zwischen den Fingern. Eine selbstgedrehte ohne Filter, halfzwarer Tabak, und dann tiefe Züge, bis die Magenwände flatterten.
Sie hatte Leo gebraucht. Denn bis zum 24. Dezember war die Grenze nur in eine Richtung geöffnet – von Ost nach West. Während die Ossis in den Westen strömten, mußten wir draußen bleiben, dachte Katia. Wir hätten ihnen ja was weggucken können.
Sie fuhr jetzt nicht mehr als 40. Sie sah ja auch kaum noch etwas. Der Schnee stob über die Fahrbahn, ihre Scheinwerfer erfaßten gerade noch die Reflektoren der Begrenzungspfähle rechts und links. Eine Mittellinie auf der schmalen Landstraße war längst nicht mehr zu erkennen. Und wenn jemand entgegenkam? Sie lachte in sich hinein. Na und! Dann würde es wenigstens für kurze Zeit ein bißchen heller sein.
Etwas gelbes am rechten Straßenrand schob sich in ihr Blickfeld. Kein Ortschild. Dabei hätte sie schon längst in Bad Boltenhagen sein müssen. Sie fuhr noch langsamer, bis sie das Schild endlich lesen konnte. Wahrstorf. 12 Kilometer. Das war nie und nimmer der Weg nach Bad Boltenhagen. Sie fuhr rechts heran und brachte das Auto zum Stehen. Dann atmete sie tief ein und wieder aus.
Bad Boltenhagen - was wollte sie da auch. Sehen, ob die "Villa Romeike" noch stand? An Leo denken?
Wann sie sich in ihn verguckt hatte, wußte sie nicht mehr genau, es hatte jedenfalls nicht lange gedauert. Leo Matern war groß, schlank, hatte lange blonde Haare, keinen Bart, rauchte Kette wie sie und war jedes Mal kindisch begeistert, wenn sie eine Flasche schottischen Whisky mitbrachte. Und er erzählte. Am Stück.
Von der Hoffnung auf eine bessere Welt. Von der Chance, jetzt endlich den demokratischen Sozialismus aufbauen zu können. Von der Dekadenz des Westens, mit der er sich verblüffend gut auskannte. Und was sie sonst noch so erzählten, die Leute damals, die auf eine friedliche Revolution in der DDR hofften. Leo nannte sich Bürgerrechtler und Friedenskämpfer. Wieso hätte sie daran zweifeln sollen?
Sie schrieb alles auf, schrieb Reportagen über einen Molkereibetrieb, der die Konkurrenz aus dem Westen nicht überlebte, über die Begegnung zwischen Alteigentümern und Neubesitzern, brachte sogar eine Geschichte über die Emanzipation der Frauen in der DDR ins Blatt, die Leo irritierenderweise „unsere Muttis„ nannte.
Und dann kam der Clou: Bürgerrechtler hatten eine Wochenzeitung gegründet, Leo war natürlich dabei, mit glühenden Augen, weil man jetzt endlich selbst "die Wahrheit" schreiben konnte, was man, glaubte er, nicht den Wessis überlassen zu durfte.
Hilfe allerdings – Hilfe konnte man schon gebrauchen.
Katias Hilfe.
„Das ist die Story„, hatte sie ihrem Chefreakteur vorgeschwärmt und ihm sein Okay für ihren Plan abgeschwatzt. Katia Seegers sollte in der Redaktion des "Demokratischen Aufbruchs" in Wismar mitarbeiten und darüber jede Woche im "Blick" einen Erfahrungsbericht schreiben - darüber, was es hieß, als Westdeutsche unter Ostdeutschen Journalismus zu betreiben.
"Das ist aber ein recht ambitioniertes Vorhaben, liebe Katia!"
Natürlich! Wie für sie gemacht.
Keiner der ostdeutschen Bürgerrechtler, die „dem Widerstand eine Stimme geben„ und zugleich verhindern wollten, daß die DDR von der BRD „geschluckt„ wurde, verstand etwas vom Zeitungsmachen. Allen fehlte es an Disziplin, niemand wußte, wie man recherchierte, Fax gab es nicht, auf den altersschwachen Telefonen mußte man stundenlang wählen, bis man endlich durchkam oder auch nicht, und das riesige große Autotelefon, daß der „Blick„ ihr zur Verfügung gestellt hatte, hatte nur direkt an der Grenze Empfang.
Was für Zeiten!
Wann sie gemerkt hatte, wer Leo wirklich war?
Gar nicht. Sie hatte nichts gemerkt. Nichts.
Sie hatten gearbeitet und sich geliebt und waren immer mal für ein verstohlenes Wochenende nach Bad Boltenhagen gefahren – ins „Hochzeitszimmer„ der "Villa Romeike"
Aber irgendwann hatte sich etwas geändert. Sein Tonfall. Es war der Tonfall des Siegers geworden.
„Soviel Mühe! Und das ganz umsonst!„ hatte Leo lachend gesagt, als sie den frisch aufgestellten Schildern zum Hotel folgten.
„Nicht umsonst, höchstens vergebens„, hatte sie automatisch gemurmelt, daran erinnerte sie sich noch. Vielleicht hatte sie sich bereits da ein bißchen gestört an seinem Ossi-Slang, den sie zuerst so charmant gefunden hatte? Vielleicht hatte sie sein bestätigendes „Das ist korrekt„ ebenso genervt wie sein „Das entscheiden wir am besten operativ„? Vielleicht hatte sie sich auch einfach nur darüber geärgert, daß er den Romeikes ihr neues Hotel nicht zu gönnen schien?
Später hatte sie natürlich erfahren , was er damals schon zu wissen schien: dem Traum der Romeikes stand die Treuhand im Wege – und die vielen Geschäfte, die die alten Kader mit jener Organisation einfädelten, die doch eigentlich dafür sorgen sollte, daß das „Volks„vermögen der DDR endlich auch in Volkeshand überging.
Leo kannte sich aus, das war gewiß. Er hatte sich zum Herausgeber ihrer kleinen Zeitung erklärt, irgendjemand mußte sich ja um die Formalitäten kümmern. Er hatte den Verlag gegründet, den Mietvertrag mit dem Kulturbund unterschrieben, dem das alte Gebäude an der Rosa-Luxemburg-Straße gehörte. Niemand, auch sie nicht, hatte sich um die Geschichte des Gebäudes gekümmert. Und niemand hatte geglaubt, daß sie irgendwann alle wieder aus den Löchern kriechen würden, die alten Genossen. Erst recht nicht die von „Horch und Guck„.
„Irgendwo werden sie schon geblieben sein.„ Werner, ihr Chef vom Dienst in Wismar. Sie hatte seine heisere Stimme noch im Ohr, nachts um halb drei, beim Wein, in seiner Bude in einem heruntergekommenen Bürgerhaus. „Ich sags dir, Katia: So eine Organisation löst sich nicht gleich in Nichts auf.„
Natürlich nicht. Aber sie konnten ihnen nichts mehr antun, die alten Kader, oder?
Natürlich konnten sie.
Katia legte den Gang ein, rollte wieder auf die Fahrbahn und nahm den Abzweig Richtung Wahrstorf. Keine Ahnung, wo das hinführte. Einen Straßenatlas gab es in diesem Auto nicht mehr, seit sie ein Navi besaß, aber dessen Ladegerät hatte sie in Lübeck liegengelassen. Egal. Irgendwo in dieser gottverlassenen Gegend mußte es doch einen Baumarkt geben, ein Discount-Center, eine Tankstelle oder zumindest ein Straßenschild, das sie zurück zur Autobahn führte.
Auf Bad Boltenhagen hatte sie keine Lust mehr.
Definitiv nicht.
Sie hatte damals nicht sofort begriffen, was es hieß, als man in der Zeitung tuschelte: „Werner hat seine Akte.„ Damals gab es einen Überfluß an Dokumenten und „Vorgängen„, mit denen man sich in diesem Land herumschlagen mußte, das nun nicht mehr DDR, aber auch noch nicht richtig Deutschland war. Welche Akte also?
Werner war in Berlin gewesen. In der Gauck-Behörde. Hatte sich zeigen lassen, wo man seine „Akte„ gefunden hatte: im Keller von Haus 8, in dem alles stand, was das MfS nicht mehr durch die Reißwölfe hatte jagen können..
Hatte die Akte mitgenommen an einen der Tische im Leseraum in Haus 7. Hatte sie gelesen. Hatte vielleicht geweint oder sich die Haare gerauft oder geflucht. Darüber schwieg er sich aus, als er zurückgekehrt war.
Katia spürte nur, dass sich die Stimmung beim "Aufbruch" änderte. Sie fühlte sich nicht mehr willkommen. Gespräche brachen ab, wenn sie einen Raum betrat. Niemand ging mehr mit ihr ein Bier trinken. Werner senkte den Blick, wenn er ihr begegnete.
„Was ist los mit euch? Ich bin nicht schuld an der Wiedervereinigung!„ sagte sie zu Monika, eines Tages, wollte einen Scherz draus machen und hatte doch Tränen in den Augen.
Monika sah sie an. Und schüttelte dann langsam den Kopf.
„Ich habe nichts gegen die Wiedervereinigung, wie du weißt. Ich habe auch nichts gegen dich. Aber du hast den falschen Umgang, Katia.„ Drehte sich um. Ging.
Leo lachte, als sie ihm davon erzählte. Reine Eifersucht, sagte er. Du weißt doch, wie manche über euch Besserwessis denken. Für eine Weile war sie getröstet.
Bei ihrem nächsten Besuch in Bad Boltenhagen war die "Villa Romeike" geschlossen. Wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse, stand auf einem Zettel an der Tür.
„Hab ich’s dir nicht gesagt?„ Leo klang selbstgefällig.
Ja, das hatte er. Aber warum schien er sich darüber zu freuen?
Ein paar Wochen später, der heiße August war auf seinem Höhepunkt, erzählte ihr Werner dann doch, was und wen er in seiner Akte gefunden hatte. Leo Matern, Deckname Caruso, hatte ihn und seine Freunde jahrelang ausspioniert. Für die Stasi.
Sie glaubte es nicht. Sie verstand es nicht. Sie wollte ihn fragen, es von ihm selbst hören, und wunderte sich, warum sie zögerte.
Bei ihrem nächsten Telefongespräch mit dem Chefredakteur vom „Blick„, für das sie bis an die Grenze hatte fahren müssen, bat man sie, zurückzukommen. War sehr angetan von ihrer Arbeit. Hatte einen neuen Job für sie. Reporterin. Sie sollte durch Osteuropa reisen, Eindrücke sammeln, alles aufschreiben.
Leo verzog keine Miene, als sie ihm aufgeregt davon erzählte, sagte nur lapidar: „Na, das hier geht ja schließlich auch bald zuende.„
Beim „Aufbruch„ erntete sie weiter eisiges Schweigen, man sah sie nicht an, sprach nicht mir ihr. Auch gut, hatte sie gedacht, beflügelt von den Worten ihres Chefredakteurs: "Wir überlegen, mit Dir unseren Korrespondentenposten in Prag zu besetzen."
Der Abschied von Leo fiel ihr nicht weiter schwer. Nur eines würde sie vermissen. Die Sache mit dem Sex.
Und deshalb willigte sie ein, als er einen letzten Besuch in Bad Boltenhagen vorschlug.
Das Hotel war wieder geöffnet, es hieß jetzt "Haus Seeblick", und hatte einen neuen Besitzer, der Leo wie einen alten Bekannten begrüßte. Das störte sie. Auch, daß er unaufmerksam war im Bett. Und daß er abends im Restaurant darauf bestand, Soljanka zu essen. Und daß er soviel rauchte.
Wieder fühlte Katia diese schier unbezwingbare Lust auf eine Zigarette. An der nächsten Tankstelle würde sie ein Päckchen kaufen, die Schachtel aufreißen, sich eine anstecken, tief inhalieren. Und jetzt, endlich, traf die Straße auf eine größere Straße. Die Kreuzung war sogar beleuchtet, rechts ging es nach Wismar, links nach Bad Boltenhagen. Sie fuhr geradeaus, in ein Örtchen namens Wohlenberg, auf der Suche nach einer Kneipe oder einem Restaurant oder wenigstens einer Tankstelle. Fehlanzeige. Das Dörfchen, ein Ferienort, lag dunkel und finster da. 
Fünf Minuten später stand sie am Strand, vor sich die graue Ostsee, um sie herum der Schnee.
Sie wußte noch, dass sie nach dem Essen Wodka getrunken hatten  guten, polnischen, eine ganze Flasche Wyborowa, auf der Terrasse des Hotels, an diesem warmen Augustabend. Und dann hatte er ihr alles erzählt. Daß er seine, ihre, unsere Zeitung „abgewickelt„ hatte, wie er sich ausdrückte. Daß ihm das Redaktionsgebäude in der Rosa-Luxemburg-Straße gehörte, und nicht nur dieses Haus. Daß er für die Stasi gearbeitet hatte – endlich fragte sie danach – ja, schon, doch, aber nur „um meine Freunde zu schützen, verstehst du?„
Sie verstand. Sie tranken weiter, sie rauchten, sie sprachen nicht mehr viel. Wer von beiden spät abends auf die hirnrissige Idee kam, nochmal in die Ostsee zu steigen, um sich „abzukühlen„ – sie wußte es nicht mehr.
Sie war zuerst im Wasser. Er planschte am Ufer herum, sie lockte ihn. Schmiegte sich an ihn, nahm ihn auf die Arme, wie leicht er war. Und ging langsam vor, hinein ins Meer. Er gab ihr nasse Küsse, lehnte sich selig zurück und wehrte sich auch nicht, als sie ihn auf den Rücken legte und in den Rettungsschwimmergriff nahm. Im Mondlicht zog sie ihn hinter sich her, hinaus, ins Tiefe.
Irgendwann merkte er, wie weit sie hinausgeraten waren, begann zu strampeln und zu prusten, protestierte, wollte zurück. Und dann ließ sie ihn los.
Er war zu betrunken gewesen, um nach ihr zu greifen. „Es ist nicht weit von hier nach Travemünde„, hörte sie sich rufen, schon ein ganzes Stück von ihm entfernt. „Niemand wird auf dich schießen. Du kannst es schaffen.„
Vielleicht. Wenn er hätte schwimmen können.
Das war der letzte Beweis. In der DDR konnte jeder schwimmen, der seine Freiheit suchte. Sie ließ ihn strampeln und schreien und schwamm ans Ufer zurück. Gut möglich, daß er sich in diesem Moment den Schießbefehl zurückwünschte.
Es gab, mit andeeren Worten, auch gute Erinnerungen an Bad Boltenhagen
Was blieb? Das. Und daß sie nach seinem Tod nie wieder geraucht hatte.
Um drei Uhr früh erreichte sie Berlin. Es hatte aufgehört zu schneien.