Die Hüter der Ordnung
 
„Ist ja hier wie in der Kaserne“, brummte der alte Pajak, lehnte die Krücke an das Tor, fummelte in der Tasche der ausgebeulten Kordhose nach dem Schlüssel und schüttelte den Kopf über die Leute von Parzelle 92. Nagelneuer, scharf glänzender Natostacheldraht oben auf dem Zaun. Bei denen piept’s wohl. Was gab’s denn da schon zu klauen außer einer zersägten Tanne, einem dreibeinigen Gartenstuhl und dem leeren Hundezwinger?
Das Eingangstor gab einen häßlichen Ton von sich, als er es mit dem Ellenbogen aufdrückte. Da müßte man mal mit dem Ölkännchen... Ach, was man alles müßte. Und was man alles würde, wenn man noch könnte.
Dem Heini von der 943 den Marsch blasen, beispielsweise. Die Parzelle sah aus wie eine Müllhalde. Ein ausrangierter Kühlschrank und eine zerbeulte Mikrowelle unter dem Apfelbaum, auf dem noch Äpfel vom vergangenen Herbst hingen, neben der Gartenhütte eine Badewanne mit leeren Flaschen, eine zerlegte Gartenbank, zwei Plastikstühle, ein halbkompostierter Liegestuhl. Aal Gelerch. Trostlos. Und im übrigen nach der Kleingartenordnung verboten.
Pajak schlurfte vorwärts. Ach, was da nicht alles verboten war. „Der Garten darf nicht brachliegen oder verwildern.“ Na sowas. Und was war mit Parzelle 77? Mit der 90? „Die baulichen Anlagen sind ordnungsgemäß…“ Wie Ordnung? Was Ordnung? Der Russe von der 89 hatte angefangen, seine Gartenlaube zu einer Art Großdatscha auszubauen. Als der Vorstand ihn daran hindern wollte, schlug er den halbfertigen Bau mit dem Vorschlaghammer klein. Nun moderte das Ganze vor sich hin.
„Verboten! Verboten! Verdammte Nazis!“ hatte der Mann geschrien. Pajak hatte dabeigestanden und sich ein bißchen für den Russen geschämt. Für ein Sekündchen nur hatte er fast liebevoll an Väterchen Stalin und soetwas wie eine gründliche Säuberungsaktion gedacht.
Verbotene Gedanken. Das war eigentlich das einzige, was noch verboten war heutzutage. In der Kleingartenanlage Eschersheim zwischen Landwehrgraben und Nußzeil jedenfalls sollte mal einer kommen mit „Ruhezeit von Samstag 14 Uhr bis Montag 10 Uhr!“, wenn der Nachbar glaubte, seinen Hochleistungsrasenmäher Sonntag vormittags anwerfen zu müssen.
Die drohten einem höchstens Prügel an, wenn man mal das Maul aufmachte. Die hatten es nicht mit der Ordnung, die Frankfurter, und erst recht nicht mit der Kleingartenordnung und dem, was sie „Schrebergartenidylle“ schimpften.
Pajak schloß das Törchen zu Parzelle 103 auf und drückte es aufatmend hinter sich zu. Er hinkte vor zu seiner einladenden Gartenlaube – im Frühjahr erst gestrichen, hellgrün mit dunkelgrünen Fensterläden – und ließ sich auf die Bank vor der Hütte fallen. Die letzten Schneeglöckchen wiegten sich im Wind, ihre Blätter glänzten im Sonnenlicht, das verschämt über die Pfützen auf den noch kahlen Beeten glitt.
In zwei Wochen sollte das Knie wieder in Ordnung sein. Bis dahin mußte sein Garten durchhalten. Und noch konnte man nicht von Verwilderung sprechen. Nicht bei ihm.
„Na, alter Pole?“ Alvaro lehnte über den niedrigen und schon ziemlich wackligen Drahtzaun, der seine von Pajaks Parzelle trennte, eine Flasche Bier in der Hand. Im Sommer versperrte das Laub der Brombeeren und die rankenden Duftwicken den Blick auf die Gartenzwerglandschaft drüben. Jetzt sah man ausgeblichene Zipfelmützenträger mit Harken, Schubkarren und Schaufeln zwischen Alvaros akkurat abgesäbelten Beetrosen stehen. „Auch eins?“
„Kom rüber.“ Pajak klopfte auf den Platz neben sich.
Der kleine Portugiese verschwand in seiner weiß gestrichenen Gartenlaube mit dem gepunkteten Fliegenpilzdach, kehrte mit einer zweiten Flasche Bier zurück und stieg der Einfachkeit halber über den Zaun. Pajak haßte Gartenzwerge und teilte auch Alvaros Vorliebe für Gladiolen nicht. Aber davon abgesehen wußten sie, was sie aneinander hatten.
„Die drei Dödel von der 92.“ Alvaro hob die Flasche und stieß mit dem Nachbarn an. „Die sind doch nicht ganz klar im Kopf.“
Der alte Pajak nickte und nahm einen tiefen Zug. „Muß ein Vermögen gekostet haben, der Natodraht.“
„Rasiermesserscharf.“
„Hmhm.“
„Kommt keiner rüber.“
„Nee.“
„Nützt ihnen aber nichts.“
Die beiden Männer lehnten sich zurück und tranken ihr Bier in alter Eintracht. Was war auch zu sagen. Außer, daß die Sonne langsam kräftiger wurde und der Alte seine Rosen noch schneiden mußte.
Alvaro bot Hilfe an. „Ich sag mal: Alles runter bei den Kletterrosen. Verjüngungsschnitt. Du mußt schon auch mal radikal sein.“
Pajak lehnte die Hilfe dankend ab. „Und du? Hast du deinen Kompost schon umgeschichtet?“
Sie drehten beide den Kopf zu den zwei ordentlichen Plastikcontainern am äußersten Ende der Parzelle.
„Noch nicht. Der braucht noch ein bißchen“, sagte Alvaro sanft. „Aber bei dir ist noch Platz.“
Pajak nahm einen Schluck und lächelte. „Wann die wohl mit dem neuen Köter kommen?“
„Hunde sind innerhalb der Anlage anzuleinen.“ Kleingartenordnng, Punkt 10. Manchen mußte man das erst beibringen. Die drei Männer von der 92 hatten bis letzten Sommer ihren häßlichen fetten Köter unbeaufsichtigt durch die Anlage stromern lassen. Schlimmer noch war es, wenn sie ihn einsperrten, immer dann, wenn im Sommer gegrillt wurde. Dann hockte das Vieh im vollgekackten Zwinger und sie ließen es den ganzen Abend heulen, statt ihm was abzugeben.
Da mußte man sich ja erbarmen, oder?
Pajak hatte die Würstchen mitgebracht. Alvaro hatte das Riesenvieh angelockt. Und als es vorbei war, hatten sie den Kadaver gemeinsam seiner Bestimmung zugeführt: später einmal im Garten für blühende Natur zu sorgen.
„Ich helf dir auch schaufeln“, sagte Alvaro. „Wenn es soweit ist.“