Freundinnen
 
„Wir könnten nachher ins Kino gehen“, sagte Cat, wickelte sich eine Haarsträhne um den Zeigefinger und legte den Kopf schräg. „Ich hab den neuen Harry Potter noch nicht gesehen.“
Sacha versuchte, dem Blick der Schulfreundin auszuweichen. „Ich... Heute abend...“ Ihr Gesicht brannte. Jetzt fing sie auch noch an zu stottern.
Cat lächelte, als ob sie verstünde. „Ich bin um halb sechs da.“
Sacha sah ihr hinterher. Dann schlich sie zurück ins Haus, zu müde, um die Füße zu heben.
„Sacha?“ Mutter lag auf dem Sofa, bei zugezogenen Vorhängen. „Komm, Schätzchen. Ich weiß, wie du dich fühlst.“
Sacha legte sich beide Hände auf die heißen Wangen. Niemand wußte, wie sie sich fühlte. Niemand hatte auch nur eine Ahnung.
Mutter standen die Tränen in den Augen, als sie sich neben sie setzte. Ihre Hand war heiß und feucht. „Du bist sehr tapfer, kleines Mädchen“, murmelte Mutter und drückte ihr die Hand. Am liebsten hätte sie sie weggezogen. „Es ist vorbei. Alles ist vorbei.“ Ein erneuter Tränenstrom gab Sacha den Vorwand, aufzustehen und nach Papiertaschentüchern zu suchen.
Nichts war vorbei. Es fing gerade erst an.
Auf dem Küchentisch lag die Zeitung, aufgeschlagen. Tagelang war die Sache Thema auf Seite eins gewesen. Heute reichte es nur noch für Seite drei.
In der Küchenschublade lagen noch zwei Päckchen Taschentücher. Sie schrieb „Tempo!!!“ mit drei Ausrufezeichen auf den Einkaufszettel an der Wand, wo schon „Apfelsaft!“ stand und „Zitronen“, ohne Ausrufezeichen, in Mutters Handschrift. Sie sah sich um, wie immer, bevor sie nach dem Portemonnaie mit dem Haushaltsgeld griff, das im Schrank unter dem Stapel mit den Geschirrtüchern lag. Es enthielt eine Paybackkarte, zwei Kassenbons von Tchibo, eine Sicherheitsnadel, zwei Euro und 30 Cents und in der Tasche für die Geldscheine – einen Fünfer. Kinogehen ist nicht, Cat, dachte sie. Sie konnte Mutter nicht schon wieder um Haushaltsgeld angehen, die hatte erst vorgestern kopfschüttelnd gesagt, sie verstünde überhaupt nicht, wo heutzutage das ganze Geld bliebe.
Und an ihr eigenes Geld kam sie nicht ran. Das lag fest auf dem Sparbuch, auf das Vater auch die Scheine eingezahlt hatte, die ihr das Fernsehteam zusteckte, das schon am Tag darauf gekommen war und ein Exklusivinterview verlangt hatte. Sacha hatte zuerst nicht begriffen, was die Fernsehleute damit meinten.
„Ganz einfach: Du redest bis morgen früh mit keinem anderen, verstehst du?“ Die Frau trug die glänzende braune Mähne zu einem nachlässigen Knoten hochgesteckt und sah unnachahmlich elegant aus in dem strahlend blauen Kostüm. Sacha spürte in ihrer Anwesenheit jeden Pickel auf dem Kinn und jedes einzelne ihrer mausbraunen und viel zu dünnen Haare. Sie hatte stumm genickt.
Sie standen auf dem Platz vor dem Schwimmbad, der Mann mit der Kamera, ein anderer mit dicken Kopfhörern über den Ohren, ein dritter, der die zwei Scheinwerfer bediente. Um sie herum sammelten sich die Menschen, jeder, der vorbeikam, blieb stehen, um zuzuschauen. Sacha wäre am liebsten unsichtbar gewesen.
„Erst Anmoderation, dann Interview“, sagte die Frau mit einem knappen Kopfnicken zu dem Mann hinter der Kamera.
„Wann immer du soweit bist“, antwortete der Mann.
Die Frau in Blau straffte die Schultern, setzte ein feierliches Gesicht auf und hob das Mikrofon, das sie in der Hand hielt.
„Es ist ein traumhaft sonniger Sonntag im Mai, viel zu warm für die Jahreszeit.“ Die Stimme der Frau klang anders als eben noch; verwandelt. Wärmer. „Die Kinder und Jugendlichen stürmen das Stadtbad, das erst in der Woche zuvor wieder eröffnet hat. Auch die zwölfjährige Sacha ist dabei mit ihrem kleinen Bruder. Auch Giselle, Cat und Marla, ihre Freundinnen. Auch die drei Brüder Kasnic, die, wie alle anderen der schon etwas älteren Jungs, über die Liegewiesen stolzieren, auf der Suche nach Mädchen, die sich von ihnen beeindrucken lassen.“
Sacha hatte Kindergekreisch im Ohr, den lauten Platsch, wenn einer der Landplagen aus der 7a sich mit ausgebreiteten Armen und Beinen rücklings ins Wasser fallen ließ. Und das Geräusch, das die vielen Wassertropfen machten, die vom Aufprall aus dem Schwimmbecken hochgeschleudert wurden und auf die Fliesen am Beckenrand prasselten. Von der oberen Wiese her hörte man die Jungs einen Fußball durch die Gegend dreschen, hörte sie johlen und „Gib ab, du Pfeife!“ und „Hierher! Hierher, sag ich!“ brüllen. Es war wie jedes Jahr. Und alles war anders.
„Sachas Eltern wissen, daß sie die Kinder allein zum Schwimmbad gehen lassen können. Daß Sacha aufpassen würde auf ihren kleinen Bruder.“ Die Frau mit dem Mikrofon schien aufmunternd zu ihr herüberzugucken.
„Wenn du nicht ruhig bist, nehm ich dich nicht mit, du häßlicher Zwerg“, hatte Sacha dem lieben Kleinen morgens beim Frühstück zugezischt, als er, statt zu essen, auf seinem Stuhl herumkasperte. „Das sag ich Mama, das sag ich Mama“, sang er triumphierend, mit dem Löffel in der Hand, und unterstrich jede Silbe mit einem Schlag gegen die Teekanne. Sie hätte ihn erwürgen können. „Nimm dich in acht, sonst wirst du ersäuft, du kleine Ratte!“ Er rümpfte die Nase, kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und streckte ihr die Zungenspitze entgegen.
„Na, freut ihr euch schon aufs Schwimmbad?“ Vater hatte die Jeans angezogen und ein Kordhemd und sah sich zu Mutter um. Die fuhr sich nervös durchs Haar und suchte irgendetwas in ihrer Handtasche. „Schick“, hatte Sacha gemurmelt und ihr auf die Beine gestarrt. „Meinst du?“ Mutter hatte sich tatsächlich nach hinten gebeugt und den Sitz ihrer Strümpfe kontrolliert. Helle Strumpfhosen! Sacha hätte sich fast geschüttelt. Und ein viel zu kurzer Rock!
„Sacha muß zur Toilette. Sie schärft dem Brüderchen ein, nicht ohne sie ins Wasser zu gehen.“ Die Frau vom Fernsehen hatte die Stimme theatralisch gesenkt. „Sie ist auf dem Weg zurück, als sich ihr drei Jugendliche in den Weg stellen.“
„Naaaa?“ hatte Mike gesagt, der kleinste der drei Kasnics. „Wachsen sie schon?“
Wolle guckte abschätzig an ihr hoch und runter. „Bei Giselle sieht man mehr.“
„Du meinst: da hat man mehr in der Hand“, sagte Pit unter dem Gejohle der anderen.
„Laßt mich vorbei.“ Sacha mußte rot geworden sein. Sie wurde neuerdings immer rot. „Laßt mich sofort vorbei.“
Mike tat, als ob er ihr an die Brust greifen wollte.
„Und dann – aber am besten erzählt Sacha alles selbst – exklusiv für ‚Sieben vor Sieben’.“ Die Frau lächelte Sacha an und hielt ihr das große Mikrofon vors Gesicht. Sie wußte bis heute nicht, wie sie das ganze ohne Stottern hinter sich gebracht hatte. Aber sie hatte geredet, als ob sie alles auswendig gelernt hätte vorher. Und am nächsten Tag stand es überall in der Zeitung.
„Tragödie im Stadtbad – Vierjähriger Opfer brutaler Halbwüchsiger.“ Und dann die Unterzeile, in der Zeitung mit der größten Auflage der Stadt: „Hörte Schwester Todesschreie?“
„Sacha! Wo bleibst du?“ Mutters Stimme holte sie aus ihrem Tagtraum. Aus ihrem täglichen Albtraum. Sacha strich sich durchs Haar und zog eine Grimasse, als sie am Flurspiegel vorbei zurück ins Wohnzimmer ging.
Mutter saß aufrecht in den Kissen und hielt das Telefon in der Hand. „Herr Knabe hat angerufen. Es ist da noch etwas... Er hat noch Fragen.“ Mutter sah sie nicht an. „Ob du... Oder ist es dir zu viel?“ Sacha hörte das Zittern in der Stimme ihrer Mutter und versuchte, das gemeine kleine Gefühl zu unterdrücken, das sich seit Tagen bei ihr einzuschmeicheln versuchte. Sie hatte erst gar nicht begriffen, was das war, das sie verbotene Gedanken denken ließ. Gedanken wie: Das haben sie sich selbst zuzuschreiben! Sie haben ihre Kinder alleingelassen, um sich miteinander zu amüsieren! Sacha senkte den Kopf. Das waren nicht ihre Gedanken, das war nicht ihre Sprache. So hatte es in einer bunten Klatschillustrierten gestanden.
„Nein, mach dir keine Sorgen.“ Sie sah auf. Doch bei Mutters Anblick ließ es sich nicht mehr unterdrücken, das schäbige Triumphgefühl. Sie hat ein schlechtes Gewissen, dachte Sacha. Sie macht sich Vorwürfe. Sie glaubt, sie sei schuld. Soll sie doch.
Und der Anwalt, dieser Knabe? „Wolle und Pit Kasnic behaupten, sie seien an diesem Tag gar nicht im Schwimmbad gewesen“, hatte er gestern gesagt und sie lange angesehen dabei. Sie hatte mit den Schultern gezuckt. „Und Mike...“ Wieder hatte er versucht, ihr in die Augen zu sehen. Sacha hatte ihm auf die Hände gestarrt. Der Zeige- und der Mittelfinger der rechten Hand waren gelb. Die Fingernägel viel zu lang. Trauerränder hatten sie auch.
„Sacha...“ Er hatte fast flehend geklungen. „Und Mike sagt, er sei mit dir zusammengewesen. Allein. Er sagt...“
Sacha hatte die Augen weit aufgerissen und zu Knabe hochgeguckt. „Und das glauben Sie?“ hatte sie gemurmelt, ganz leise, ganz sanft und ein bißchen traurig.
Mutter sah ratlos aus. Aber sie runzelte die Stirn. „Du kannst mir alles sagen, Sacha, das weißt du.“
Sacha nickte.
„Ist da etwas, das du Herrn Knabe nicht – erzählen kannst?“
„Es war Mike“, sagte Sacha nach einer Weile. „Mike hat – er hat mich festgehalten. Er hat mir an die Brust gefaßt. Er hat mich nicht hingelassen zu...“ Sie senkte die Augen und unterdrückte ein Schluchzen. Dann spürte sie die warmen Arme ihrer Mutter. Ihr Atem roch nach Alkohol.
„Du konntest nichts tun, mein Mädchen. Es ist nicht deine Schuld. Niemand weiß, wie es geschehen ist.“
Sacha nickte.
„Ich hätte euch nicht alleinlassen dürfen. Nie hätten wir euch alleinlassen dürfen.“
Sacha hörte wie ein Echo, was Mutter am Tag danach zu Vater gesagt hatte, mit dieser leblosen Stimme, die sie immer bekam, wenn sie es ernst meinte. „Bloß weil du...“ Und dann hörte man etwas fallen. Vater verließ fünf Minuten später das Haus.
„Cat möchte ins Kino heute nachmittag.“
Mutter hielt für einen Moment die Luft an, als ob sie: „Nicht, solange dein Bruder noch nicht unter der Erde ist“ sagen wollte. Dann lächelte sie. „Ablenkung ist gut. Und es ist gut, daß Cat sich um dich kümmert.“ Wieder zogen sich ihre Augenbrauen zusammen. „Hast du genug Geld?“
„Ja“, sagte Sacha schnell. „Aber ich würde sie gerne einladen...“
„Aber natürlich!“ Mutter griff nach der Handtasche. Sie war noch großzügiger als sonst. Am liebsten hätte sich Sacha wieder in ihre Arme geflüchtet und ein bißchen geweint.
„Bleibt nicht zu lange, hörst du? Und komm gleich danach nach Hause. Was gibt’s denn überhaupt?“
„Harry Potter.“ Sacha wußte, was Mutter jetzt sagen würde.
„Das ist gut. Das ist sehr gut.“ Sie schloß die Augen und lehnte sich zurück in die Kissen.
Cat wartete schon am Gartentor. Sacha sah sie von der Seite an. Cat lächelte. Sie lächelte so wie vor einer Woche, als sie in der großen Pause zu ihr gekommen war. Sacha hätte ihr schon damals am liebsten den Rücken zugedreht. Sie mochte Cat nicht.
„Ich hab dich gestern im Fernsehen gesehen. Du warst großartig.“ Cat hatte geklungen, als ob sie eine schauspielerische Leistung bewunderte.
„Cat, ich...“
„Tut mir leid um deinen kleinen Bruder. Obwohl – er war ja eine ziemliche Nervensäge, oder?“
„Catarina...“
„Und er tat immer, was er nicht durfte.“ Cat lächelte und lächelte. „Aber du kannst ja nichts dafür. Du warst abgelenkt, stimmt’s? Ich hab dich gesehn, mit Mike. Hinten bei den Umkleidekabinen.“
Sacha spürte, wie ihr beim Gedanken an Cats Lächeln die saure Wut die Kehle hochstieg.
„Was willst du“, hatte sie gefragt.
„Laß uns beste Freundinnen sein. Was meinst du?“
Als ob sie die Wahl hätte.
Cat hakte sie unter. „Die Kasnics verkaufen wahrscheinlich ihr Haus. Hast du schon gehört?“
„Nein.“ Sachas Kehle brannte.
Cat lachte leise. „Kaufst du mir eine Cola?“