Ein richtig schöner Tod
 

Ihm war so matt zumute, so wollüstig erschöpft. Carl Philipp Kampmann versuchte sich aufzurichten und sank gleich wieder zurück. Er hätte bewundernd den Kopf geschüttelt, wenn er nicht selbst dazu zu schwach gewesen wäre. Sie hatte ihn tatsächlich geschafft, das kleine Luder. Das war noch keiner vor ihr gelungen.
Kampmann versuchte das Pochen in seinen Schläfen mit Bildern von Tanja zu überlagern. Was die Aussicht auf 80.000 Euro aus einem mäßig hübschen, wenig talentierten und sexuell reichlich unerfahrenen Mädchen machen konnte! Anfangs hatte ihn ihre Kampfeslust angestachelt, ihre Frechheit, ihr Mangel an Respekt. Beim zweiten Treffen hatte er sich geschworen, sie beim nächsten Mal auf den Knien zu haben. Es war ihm erst bei der vierten Verabredung gelungen.
Tanja auf den Knien, die Augen geschlossen, wollüstig stöhnend. Was hätte sie sonst stöhnen lassen sollen, wenn nicht Wollust? Der Gedanke an Reichtum, Ruhm und Ehre machte alle wollüstig. Kampmann lächelte in die Dunkelheit. Zum Schluß hatte er sie so scharfgemacht, daß sie darum bettelte. Er dachte an ihren feuchten Mund. Und an ihren kleinen festen Hintern, den sie ihm entgegenreckte, wenn er ihr befahl, sich wie ein Hündchen auf das Sofa zu hocken, das Gesicht auf die brav gefalteten Pfötchen gelegt.
Er spürte, wie ihm heiß wurde und wunderte sich kurz, daß sich nichts regte, wo der Gedanke an Tanja normalerweise Wunder bewirkte. Sie mußte ihn regelrecht ausgelutscht haben. Sie war von Tag zu Tag eifriger geworden – seit dem Nachmittag, an dem er ihr erzählt hatte, daß er sich die Entscheidung über den diesjährigen Träger des Margot-von-Kampmann-Preises bis zur letzten Sekunde vorbehalten würde. „Du denkst an mich, ja?“ flüsterte sie seither bei jedem Treffen. Sie hatte sich tatsächlich Hoffnungen gemacht – Tanja Carlsen, deren erster Roman die erotischen Abenteuer einer Lolita mit älteren Herren beschrieb, so detailfreudig, daß man ihn als Vorlage benutzen konnte, wenn mal sonst nichts zur Hand war. Womit die Autorin sich als hervorragendes Beispiel dafür erwiesen hatte, daß man nicht kennen mußte, was man weit besser erfand. Aber daß sie ernsthaft glaubte, sie komme in Frage für den edelsten Literaturpreis des deutschsprachigen Raums – und sein Stifter ließe sich von ein paar Kniefälligkeiten sein ästhetisches Urteil vernebeln – sprach nicht für ihren Verstand.
Carl Philipp Kampmann kicherte. Der Schmerz, der ihn dabei durchfuhr, entlockte ihm einen schwachen Schrei. Gnädigerweise schaltete sein Körper sofort und ließ ihn in Ohnmacht fallen. Er hörte nicht mehr, wie man draußen vor der Tür geschäftig hin- und herzulaufen begann.

„Es ist einfach lächerlich.“ Iris Meyer rollte die großen dunklen Augen, die Carl Philipp Kampmann einst als „Zwei Tropfen Cassis in einem Jahrgangschampagner von Selosse“ verherrlicht hatte, eine Anekdote, die sie gern erzählte, spätestens nach dem dritten Glas (in dem nicht immer Selosse sein mußte). „Für die Vorarbeit kamen wir gelegen, aber die letzte Entscheidung hat sich der hohe Herr selbst vorbehalten.“
„Du meinst, ihr wißt nicht, an wen die Beute in diesem Jahr geht?“ Hilmar Tacke runzelte die Stirn.
„Nein. Im Rennen sind Oskar Merz, Johanna Hieber, Frieder Factor, Tanja Carlsen und Birgit Brennmeyer.“
„Oscar Merz? Seid ihr wahnsinnig?“Tacke blieb stehen und umklammerte Iris’ Arm.
„Er ist dran, seit Jahren schon.“ Sie entwand sich seinem Griff. „Sein letztes Buch ist gar nicht mal schlecht. Und Carl Philipp wollte ihn unbedingt dabeihaben.“
„Ach? Wollte er? Und ihr folgt wie die Lämmchen?“
Wieder drehte Iris die Augen nach oben. Tacke spielte sich auf – nur, weil sein letztes Buch von der Kritik zum eigentlichen, wirklich und wahrhaftigen, zum langersehnten Roman seiner Generation hochgelobt worden war. Nicht von ihr, natürlich nicht. Sie mochte keine Thomas-Bernhard-Imitate. Das Werk hatte sich so schlecht verkauft, wie es das verdiente.
„Seid ihr alle käuflich?“
„Du nervst, Hilmar.“ Carl Philipp war ein großzügiger Mäzen. Warum sollte man ihm keinen kleinen Gefallen tun? An die Unabhängigkeit von Literaturjuries glaubte sie sowieso nicht, sie war schon viel zu lange im Geschäft. „Den Preis bekommt nicht der Beste, sondern der, auf den sich die Jury einigen kann“, predigte sie schon seit Jahren den stets enttäuschten Dichtern und Dichterinnen der Republik, die immer wieder aufs Neue zu glauben schienen, es sei ihre Kunst, die ihnen Ansehen und Auflage bescherte. In Wirklichkeit entschieden über ihren Erfolg der reine Zufall, die Laune eines Verlegers oder die Tagesform seiner Marketing-Abteilung. Ob das Buch rezensiert wurde, hing mit dem Blutzuckerspiegel des Rezensenten zusammen oder mit der Größe der Anzeigen, die der Verlag in den einschlägigen Blättern schaltete. Und manchmal half Bestechung – etwa eines der Redaktionsmitglieder der „Libri!“-Show von Elsemarie Gartmann, das klammheimlich dafür sorgte, daß sie das betreffende Buch in die magischen Finger bekam, die alles zum Bestseller machten, was sie in die Kamera hielten.
Daß der Margot-Kampmann-Preis den Launen des Stifters unterlag, war seit Jahren bekannt – obwohl Carl Philipp Kampmann bei jedem Interview die Unabhängigkeit der Jury hervorhob, der Iris als einzige nun schon vier Jahre angehörte. Sie hatte eben bessere Nerven als Mager, Kraske oder Gartmann, die um ihren Ruf fürchteten. Um welchen Ruf? Sie sah das alles mit großer Gelassenheit. Gut ist, was sich verkauft. Wer im Literaturbetrieb noch immer sein Germanistikstudium raushängen ließ, war ein Loser. Sie selbst konnte Junggenies nicht ausstehen, die glaubten, den Roman neu erfunden zu haben, nur weil sie den Konjunktiv beherrschten und die richtigen Pronomina zu setzen vermochten, was zugegebenermaßen keiner außer ihnen mehr beherrschte. Aber war eine rar gewordene Fertigkeit schon Talent? Iris schnaubte verächtlich.
„Und was macht ihr, wenn Kampmann nicht auftaucht heute abend?“
Iris schaute sich um im Foyer des Schauspielhauses. Kellner mit langen Schürzen überprüften noch einmal die Aufstellung der Bataillone von Champagnerflöten auf den weißgedeckten Tischen. Allein der Blumenschmuck hätte einen Dichter für einige Monate in Rotwein und Spaghetti gehalten, wenn man ihm den Gegenwert ausgezahlt hätte. Tacke hatte recht: Carl Philipp hätte sich längst blicken lassen müssen, er war eigentlich immer rechtzeitig da, damit man sich in der Maske auch ordentlich Mühe mit ihm geben konnte. Schließlich kam das Fernsehen.
Und jetzt wurde bereits das Publikum eingelassen.
Iris grinste. „Wenn er nicht kommt, lieber Hilmar, schicken wir die Kandidaten und das Publikum wieder nach Hause. Ist doch ganz einfach.“

Das Pochen in den Schläfen mußte vom Champagner kommen. Von zuviel davon. Carl Philipp Kampmann fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Er hatte die letzten Tage vor der Preisverleihung wie immer ausgekostet, in jeder Hinsicht. Er versuchte, sich bequemer hinzulegen. Das Bett war viel zu hart und feucht war es auch. Er mußte geschwitzt haben. Oder...? Nein, unmöglich. Er war doch kein Greis, der sein Wasser nicht mehr halten konnte! Kein Tattergreis wie Oskar Merz, diese ausgetrocknete Mumie. Der Alte hatte in seinem ganzen Leben gerade mal ein gutes Buch geschrieben und zehrte noch heute von dem Ruhm. Es hatte ihm Spaß gemacht, dem Mann das Preisgeld vor die Nase zu halten, damit er danach schnappte wie der Esel nach der Möhre.
Aber größer noch war das Vergnügen, das Gregor Dankert ihm bereitete, der glücklose Verleger von Merz. „Ich bin dir ewig dankbar, Carl Philipp. Daß du deinen Einfluß geltend gemacht hast...“ Das klang doch ganz anders als „Du bist mir noch was schuldig, Fips, weißt du noch?“ Er haßte den alten Spitznamen. Und er haßte es, jemandem etwas schuldig zu sein. Wenn Greg glaubte, er habe ihn in der Hand, nur weil er wußte, wie Carl Philipp während der Schulzeit an sein Taschengeld gekommen war, dann hatte er sich geschnitten. Er hatte seine Beteiligung an Dankerts Verlag schon vor Wochen an eine bekannte Verlagsgruppe verkauft, die dem lieben Freund Dankert in kürzester Frist die Daumenschrauben anlegen würde – bei den Bilanzen. Gregor würde davon in dem genau dem Moment Kenntnis erhalten, in dem er erfuhr, daß Merz nicht der diesjährigen Preisträger war. Carl Philipp hatte dafür gesorgt, daß er Gregs Gesicht sehen konnte, wenn ihn die Nachricht ereilte.
Kampmann fühlte sich seltsam leicht und schwerelos. Noch immer hatte er nicht die Kraft, sich aufzurichten. Er hob den Arm, um auf die Uhr zu sehen. Aussichtslos, in der Dunkelheit. Noch aussichtsloser die Suche nach der Nachttischlampe. Er ließ den Arm wieder sinken. Seine Hand tastete über die Bettdecke. Aber da war keine Bettdecke. Seine Finger glitten über kühlen, seidigen Stoff. Er schien sein Jackett noch anzuhaben.

Vor der Tür zum Saal ging Marc Wenner unruhig hin und her. Als er Iris sah, hellte sich seine Miene auf.
„Darling!“
„Sweetheart!“ Iris hielt ihm die Wange hin. Marc würde den heutigen Abend moderieren. Er war makellos rasiert und duftete aufregend. Sie mußte ihn später nach dem Namen seines Parfums fragen. Es war ein verdammtes Elend, daß nur schwule Männer zu wissen schienen, was einen Mann anziehend machte.
„Weißt du wirklich gar nichts?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Es würde helfen, wenn ich wenigstens eine Ahnung hätte, wem ich den Lorbeerkranz winden soll!“
„Denk an den Oscar, Sweetheart. Da weiß es auch niemand vorher.“
„Du spielst doch wohl nicht auf Oskar Merz an?“ Marc tat empört.
Iris grinste.
„Wenn es Frieder Factor würde, hätte ich heute abend wenigstens mal was Hübsches im Arm.“ Er sah in ihr Gesicht und hatte den Anstand, zu erröten. „Natürlich von dir abgesehen, Darling.“
Marcs Blick ging über ihren Kopf hinweg, Richtung Eingang. Sie drehte sich um. Eine blonde Brunhilde tänzelte herein, den Körper in eine flammend rote Robe gezwängt. Ihr folgte ein Fernsehteam. Soso, dachte Iris. Die Kollegin von der Fernsehkultur glaubt also zu wissen, wie die Sache ausgehen wird. Vielleicht behielt sie ja recht? Während der Kollege Mager gegen die Brennmeyer eingewandt hatte, daß Auflage nichts über Qualität aussage und die berüchtigten Millionen Fliegen zitierte (die auf dem Scheißehaufen), hatte Iris genau deshalb für Birgit Brennmeyer votiert – mit Blick auf deren überwiegend weibliche Leserschaft. Es waren Frauen, die Bücher kauften, es waren Frauen, die sie lasen; es war der Weibergeschmack, der die Literatur finanzierte, von der sie alle lebten. Ein ökonomischer Faktor erster Güte. Carl Philipp hatte ihr zu ihrer Verwunderung mit Emphase recht gegeben. Das sagte nichts über sein endgültiges Urteil, aber...
Von der anderen Seite her schritt Helmut Mager ins Foyer, in seiner Begleitung ein blutjunges Talent. Je älter und grauer Mager wurde, desto öfter entdeckte er ein blutjunges Talent, stets weiblich, und vermieste allen die Laune mit seinen Elogen auf dessen klugscheißerische Befindlichkeitsprosa, die er mit umfassendem Einsatz abklopfte auf den Zeitgeist, der in ihr waberte und wehte. Sie dachte an den weichen Druck seiner stets klammen Hände und schüttelte sich. Mager setzte auf Tanja Carlsen, wie man sah, ein Mädchen, das unter Garantie noch nichts von dem erlebt hatte, worüber sie so schwül schrieb.
Und dann betrat Johanna Hieber den Raum. Sie war schon zum dritten Mal nominiert für den Margot-Kampmann-Preis, dafür hatte nicht nur Iris gesorgt. Sie war die einzige der Kandidaten, deren Werk Bestand haben würde. Das Pech war nur, daß der Große Gönner sich nicht für sie entscheiden konnte. Vielleicht, dachte Iris, weil sie zu klug war für sein schlichtes Gemüt. Oder zu alt für alles andere.

Carl Philipp Kampmann merkte, wie ihm die Kälte in die Knochen kroch. Es war dunkel, stockduster, und er lag nicht in seinem Bett. Er war angezogen, er hatte sogar noch die Schuhe an und der Stoff seiner Jacke ließ darauf schließen, daß er sein bestes Stück trug. Er war bereits für die Preisverleihung gekleidet. Wenn er sein Kinn auf die Brust senkte, spürte er die Spitzen der Fliege, die er sich zur Feier des Tages gebunden hatte. Wieder versuchte er, hochzukommen aus der liegenden Position. Als seine Muskeln ihm auch jetzt nicht gehorchten, entschloß sich Kampmann zu dem beruhigenden Gedanken, daß alles nur ein Traum war. In Wirklichkeit lag er in seinem Bett, hatte zuviel gevögelt und zuviel getrunken und vielleicht war auch das Viagra schuld. Also entspannte er sich und versuchte den Faden des Traumes wieder aufzunehmen.
Frieder Factor war nicht sein Lieblingskandidat gewesen – aus einem einfachen Grund: er hatte zunächst nicht gewußt, wie man den Jungautor am besten quälen konnte. Ihm die Freundin ausspannen? Ging nicht. Iris Meyer hatte ihm rechtzeitig gesteckt, daß der Junge schwul war. Und ein Selbstbewußtsein hatte wie ein Buddha. Und im Zweifelsfall hohnlachend Ruhm und Reichtum von sich weisen würde. Es hatte dennoch nicht lange gedauert, bis Kampmann den wunden Punkt gefunden hatte. Frieder Factor war nicht in der Position, irgendetwas zurückzuweisen. Er hatte mit seinem neuen Roman alles auf die eine Karte gesetzt – und erst hatte es so ausgesehen, als ob er den Trumpf gezogen hätte.
Erstaunlich, wieviele Leser sich für ein Buch erwärmen konnten, in dem ein junger Schwuler aus der Provinz erzählt, wie er es zum ersten Mal treibt! Aber vielleicht interessierten sich die Leute mehr für den erfahrenen Lebemann, der den jungen Frieder in die Geheimnisse der schwulen Liebe einführte? Friedrich Carl Paul, genannt F.C. Und dem hatte es sicherlich weniger gefallen, daß sein Protegé nicht nur freimütig über die Erektionsprobleme älterer Herren plauderte, sondern auch noch über die mafiösen Methoden, mit denen in der Kulturszene Ex-Liebhaber mit heiß begehrten Pöstchen ruhiggestellt wurden.
War ja eigentlich egal – Kampmann wäre nie auf die Idee gekommen, einen schwulen Mann für edler oder gar für intelligenter zu halten als einen hetereosexuellen, der die Ex-Geliebte mit einer Modeboutique abfindet, eine Investition, die selten Gewinn abwirft, aber wenigstens bei der Gestaltung der Einkommenssteuererklärung hilft. Aber Factor hatte etwas thematisiert, worüber in der Szene bislang eisern geschwiegen wurde. Er hatte es tatsächlich geschafft, ein Tabu zu brechen, in dieser Zeit, die keine Geheimnisse mehr kennt...
Die Folgen hatte er zu spüren gekriegt. Frieder Factors Buch verkaufte sich zwar nicht schlecht, dafür aber wurde er bei Funk und Fernsehen und in den wichtigsten Feuilletonredaktionen geschnitten. Und dann verließ ihn sein um etliche Jahre jüngerer Lover, nicht bevor er ihm das Konto abgeräumt hatte. Folge: Factor sah in die Röhre und damit ziemlich alt aus.
Kampmann dachte in seiner Rede zur Preisverleihung das meiste draus zu machen. Er würde Factor so lange quälen, bis er entweder zusammenbrach oder fluchtartig die Bühne verließ, womit er das Preisgeld riskiert hätte, daß er ihm wie eine Fata Morgana vor die gierigen Augen halten würde – in Gestalt des Koffers aus weinrotem Leder, in dem es traditonellerweise überreicht wurde.
Kampmann glaubte das Hohngelächter des Publikums zu hören und dämmerte weg, mit einem seligen Lächeln auf den Lippen.

Iris riskierte einen Blick in den Zuschauerraum. Der Saal brummte. Die ganze Brut der Kulturfuzzis war wieder einmal versammelt, um mit dem Preisträger sich selbst zu feiern. Manchmal wünschte sie in solchen Momenten eine Horde williger Selbstmordattentäter herbei.
Die Brennmeyer redete auf Oskar Merz ein, den sein Verleger begleitete, ein Herr mit ungesunder Gesichtsfarbe und Übergewicht. Johanna Hieber hielt sich schüchtern im Hintergrund, im Gesicht rote Flecken, als ob sie aufgeregt wäre. Marc Wenner tänzelte um alle herum und machte scheuchende Handbewegung. „In die Maske, die Damen. Sie sollten fertig sein, wenn Kampmann kommt und das ganz große Styling verlangt.“
Iris sah der Truppe nach. Langsam wurde sogar sie nervös. Wo blieb Carl Philipp?

Kampmann träumte. Vom großen Busen der Birgit Brennmeyer. Und von ihrem Mann, einem Männchen. Er hatte sich immer wieder gefragt, was wahrscheinlich alle Männer sich fragten: wie macht er das bloß? Wie besteigt er diese Walküre, dieses wallende Fleisch?
Birgit Brennmeyer mit ihrer blonden Mähne war die perfekte Werbeträgerin für ihre eigenen Waren. So mußte eine Frau aussehen, die über die geheimsten Wünsche aller Frauen schrieb.
Was Frauen wirklich wollen? Kampmann mußte dazu keine Bücher lesen. Frauen wollten vor allem einen sicheren Ernährer, gerne mit Geld oder wenigstens guten Aussichten, und damit dieses rein materielle Interesse am anderen Geschlecht nicht weiter auffiel, waren sie dankbar für jeden, der ihren niederen Motive ein romantisches Setting verpaßte. Das konnte die Brennmeyer vorzüglich.
Fragte sich nur, was mit der Auflage ihrer Bücher geschieht, wenn öffentlich wird, was nur wenige Eingeweihte wissen? Kampmann lächelte. Er hatte durch einen Zufall davon erfahren und es Hans-Peter Brennmeyer auf den Kopf zugesagt. Die satten Sahnetörtchen, die Birgit Jahr um Jahr auf den Markt warf, entstammten nicht ihrer Feder oder gar ihrem Spatzenhirn, sondern kamen geradewegs aus dem PC ihres unscheinbaren Mannes. Brennmeyer war ein Frauenversteher. Ausnahmsweise nötigte das selbst Carl Philipp Kampmann Respekt ab.
Eine Andeutung hatte genügt, und sie hatte zugestimmt, als Nominee für den Martha-Kampmann-Preis aufzutreten, obwohl sie sich ausrechnen konnte, wie hoch ihre Chancen waren. Sie neigte zwar zu Einsilbigkeit, wenn die Fragen des Moderators einmal die Schwelle zur Intelligenz nahmen, aber sie war auch für den edelsten aller Literaturpreise ein unverzichtbares Zugpferd.
Carl Philipp Kampmann versuchte, sich auf die Seite zu drehen. Allein der Versuch ließ ihn in Schweiß ausbrechen. War das noch ein Traum, an dem er Vergnügen hatte? Sollte er nicht endlich aufwachen? Der Tag der Preisverleihung war da! Und er saß in der Maske, wartete auf die nette mütterliche Maskenbildnerin... als Johanna Hieber klopfte. Sie war kein junges Talent mehr, hatte soeben ihren siebten Roman veröffentlicht – und sie war gut, das sagten alle, aber er konnte mit ihren Sachen nichts anfangen. Außerdem gab es nichts Nachteiliges über sie zu sagen, ihm fiel kein Spiel ein, das man mit ihr spielen konnte. Umso verwunderlicher, daß sie mit ihm reden wollte, so kurz vor der Preisverleihung. Sie erwartete doch wohl nicht, ihn zu ihren Gunsten überreden zu können?
„Was wird eigentlich aus dem Preis, wenn Sie mal nicht mehr sind, Herr Kampmann?“ fragte sie. Unverschämte Frage. Er war bei bester Gesundheit. Aber es war an sich kein Geheimnis, daß er den größten Teil seines Erbes in eine Stiftung eingebracht hatte. „Was soll schon werden? Die Jury entscheidet, der Beste kriegt den Preis.“
„Ganz ohne Ihre Einmischung? Ganz ohne sexuelle Nötigung, Erpressung, öffentliche Bloßstellung, Demütigung?“
Sie war ganz nah an ihn herangetreten und stand jetzt dicht vor ihm. Sie roch nach einem süßen, altmodischen Parfüm. Ihr Augen waren viel zu blau. Sie war ihm unheimlich. Sie –
Kampmann stöhnte auf. Sie –
Er hörte Stimmen. Und dann fiel Licht in seinen Traum. Ein Albtraum. Er lag auf dem Fußboden in der Maske, ein tiefer Schmerz in seiner Brust nahm ihm den Atem. Sie hatte etwas getan, er spürte noch den Stoß, dann war ihm schwarz vor Augen geworden, und jetzt...
Eine Frau schrie. „Er ist tot!“
„Einen Arzt! Schnell!“ sagte jemand anderes. Er drehte den Kopf. Vor ihm hockte Iris. „Zwei Tropfen Cassis in einem Glas Selosse“, dachte er und versuchte zu lächeln. „Kannst du sprechen?“ fragte sie.
Er versuchte es. Er versuchte ihr zu sagen, was ihm langsam dämmerte. Sie beugte sich noch weiter hinunter zu ihm. Zwei Silben brachte er heraus. Dann zerriß das Bild vor ihm und verblaßte, bis die Leinwand weiß war.

Diesmal gab es keinen Blumenschmuck und auch sonst war die Stimmung gedämpft. Nur Birgit Brennmeyer trug ein triumphales dottergelbes Kleid und ein befreites Lächeln. Die Reden auf den verstorbenen Mäzen waren kurz, aber herzlich. Johanna Hieber nahm den Preis ohne große Bewegung entgegen. Iris gab ihr strahlend die Hand. „Wir alle könnten schwören, daß sein letztes Wort der Name der Preisträgerin war“, sagte sie. „Was hätte er uns sonst verraten wollen?“
„Keine Ahnung“, sagte Johanna Hieber. „Vielleicht hat er ja gar nicht mich gemeint. Er kann eigentlich nicht mich gemeint haben.“ Sie wirkte fast verzweifelt.
Iris steuerte sie auf die Seite der Bühne, wo der Kulturdezernent mit einem Blumenstrauß wartete.
„Der Notarzt war ein bißchen unerfahren, aber es gehört ja nicht viel dazu, einen Schlaganfall festzustellen.“
„Ich meine, Kampmann hätte doch nie...“
Iris Lächeln wurde breiter. „Aber was hätte er uns sonst mit Ihrem Namen sagen wollen?“ Und dann senkte sie verschwörerisch den Kopf. „Wollen wir uns nicht einmal privat treffen? Bei einem Gläschen Wein?“

Die Rechtschreibung folgt den bewährten Regeln.

erschienen in: Europa mordet, Berlin 2005