Festtagsbraten
 

Winter auf dem Land! Verschneite Flußauen, knisterndes Kaminfeuer, duftende Bratäpfel – und zu Weihnachten ein Festessen. Als meine Freundin Iris unseren neuen Herd sah, lächelte sie wie ein Kind und rief „Eine Gans! Wie in den guten, alten Zeiten!“ Von denen sie nun wirklich keine Ahnung hat.
Der neue Herd, ein nostalgisch dunkelgrün emailliertes Monster mit viel Messing, sieht nur so aus wie einst bei Oma. Technisch ist er auf dem neuesten Stand: mit vier Gaskochstellen und einem Riesenbrenner in der Mitte, auf dessen Flammen man stilvoll fünf Kilo Erbsensuppe auf einmal anbrennen lassen kann. Wahrhaft archaische Phantasien aber weckt sein elektrischer Backofen. Männer wollen bei seinem Anblick hinausstürmen und die Wildschweine schießen, nach denen der Drehspieß dort drinnen verlangt. Romantikerinnen träumen von auf gigantischen Backblechen stundenlang eingekochtem Pflaumenmus.
Was ist dagegen eine Gans? Iris und ich trafen uns schon im November, getreu dem Motto: „Gute Planung ist die halbe Gans!“ Ein Bräter mußte her, der notfalls auch einen Storch zu fassen vermochte. Die Gans mußte natürlich eine glückliche sein. Fast hätte der Besuch auf dem Öko-Bauernhof den Erwerb eines mutterlosen Ziegenbocks zur Folge gehabt.
Dann endlich war der Tag gekommen. Die Tafel war gedeckt, aus dem Backofen strömten köstliche Gerüche. Iris hatte sich extra landfein gemacht, mit lammfellgefütterten Stiefeln und einem handgestrickten Pullover, als ob es bei uns keine Zentralheizung gäbe. Jedenfalls war allen warm ums Herz. Nichts schien unsere Stimmung verderben zu können, nicht, daß der Kamin qualmte und ausging, weil das Holz naß geworden war, was den Männern ein praktisches Experimentierfeld nebst anhaltendem Gesprächsthema lieferte. Oder daß die Gasflasche leer war, als der Rotkohl seinem Höhepunkt entgegenbrodelte und die Klöße zerfielen, die ich in mühsamer Handarbeit selbst hergestellt hatte. Sogar Felix, der meistens unausstehliche vierjährige Sohn von Iris und Marc, verhielt sich zur Feier des Tages ganz manierlich, wenn man davon absieht, daß er unseren lammfrommen Kater piesackte, bis das Tier mit dem Mut der Verzweiflung aufs Küchenbüfett sprang, wo es zwei der schönsten Stücke aus meiner Sammlung antiker Kaffeekannen herunterwarf. Erst als Marc erklärte, er begnüge sich mit Rotkohl, Klöße hätten einen schlechten glykämischen Wert und aus Gans habe er sich noch nie etwas gemacht, bekam ich ein ungutes Gefühl. Der Braten roch köstlich, aber es waren nicht die Messer, die dringend mal wieder geschärft werden müßten, wie Rudolf, dem die Gans zur Obduktion vorgelegt wurde, rücksichtsvoll behauptete. Das Tier mochte glücklich gelebt haben, aber jetzt war es zäh.
Nach dem Fest mied ich den Backofen. Rudolf behauptete scherzhaft, das grüne Monster habe den bösen Blick. Immerhin kam er auf die grandiose Idee, unsere Schuhe darin vorzuwärmen und nach endlosen Spaziergängen im Schnee zu trocknen. Ende Januar kam Iris wieder zu Besuch. Mit Felix, der sich auf unserem Marsch durch die strahlend schöne Winterlandschaft alle paar Meter schreiend in den Schnee warf und allen eine rechte Freude war. Zurück im Haus stellte Iris den lieben Kleinen vor einem edukativen Video ab und wir erfreuten uns stundenlanger Gespräche von Frau zu Frau und köstlicher Ruhe. Ungewöhnlicher Ruhe.
Felix war verschwunden. Wir suchten im Haus, wir suchten auf dem Hof, wir suchten das halbe Dorf ab. Als wir erschöpft zurückkamen, weinte Iris. Mein Blick fiel auf den grünen Küchenherd. Die Tür zum Backofen stand offen. Und drinnen lag Felix, zusammengerollt wie eine Katze, den Daumen im Mund.
Ein Satansbraten, dachte ich. Aber Iris hatte nur Augen für das süße blonde Engelchen, lächelte – wie ein Kind – und sagte verträumt: „Ein Lamm! Zu Ostern braten wir ein Lamm! Wie in den guten, alten Zeiten!“
Fast hätte ich gelacht. Wenn Felix nicht „Will nicht!“ gequengelt hätte, als seine Mutter ihn in den Arm nehmen wollte. Guter Junge, dachte ich und beschloß, Iris und Marc zu Ostern ein vegetarisches Gericht aus dem Wok zu servieren.

erschienen in:Country, Heft 6, 2004