Es war Zeit zu gehen. Sie war schon viel zu lange hier. Dalia Riplin schob das Kopftuch zurück und hielt ihr Gesicht in die kühle Nachtluft. Kein Stern, kein Mond. Der Herbstwind roch nach vermoderndem Laub und feuchter Erde. Von der frischverputzten Wand des alten Salinenpumpwerks Friedrichsborn bleckte ihr ein gezacktes „Fuck!“ entgegen. Wotan zockelte zielstrebig Richtung Park. Sein weißes Hinterteil ging wie ein Wischmop hin und her, während seine Nase unsichtbaren Fährten nachspürte. Dalia zog das Kopftuch wieder tiefer ins Gesicht und blickte hinter sich. Eine alberne Furcht: da war niemand. Dann folgte sie dem Hund. Vor gut zwei Jahren schon hatte sie Bramsche verlassen. So wie zuvor Alzeney, Grün-berg, Buchholz. Sie erinnerte sich längst nicht mehr an alle Orte, in denen sie mal eine Adresse hatte. Waren es schon zu viele oder ließ ihr Gedächtnis nach? Dalia blieb ste-hen, bis Wotan ungeduldig an der Leine zog. Nein, dachte sie. Nicht das Gedächtnis wurde schwach. In der letzten Zeit machte sich eine Schwäche des Gemüts bemerkbar, die viel bedenklicher war. Sie träumte – vom Ankommen und vom Bleiben. Von einem Haus mit Garten, nicht groß, mit Auslauf für Wotan. Und von einem Mann, der das Kaminholz hackt. Von der Straße her hörte sie das Brubbern eines Lieferwagens. Was hielt sie eigentlich noch in Königsborn? Sicher nicht die dunkle Parterrewohnung am Markt und auch nicht der Kurpark, durch den sie jeden Abend ging, bei jedem Wetter, nicht nur dem Hund zuliebe. Nein – sie blieb, weil nichts sie hielt. Wotan verharrte, stellte die Öhrchen auf und hechtete mit einem für seine Statur rüh-rend eleganten Satz in den Laubhaufen am Wegesrand. Hinter entblätterten Büschen und Sträuchern leuchtete der Minopterus wie ein ausgebleichtes Skelett. Heute stand niemand zwischen den Säulen unter dem runden Dach. Das naßkalte Wetter nahm auch den Sehnsüchtigsten die Lust auf Liebe im Freien. Dalia ertappte sich bei einem tiefen Seufzer. Liebe. Wie ging das noch? Sanft zog sie an der Hundeleine. Wotan hatte den Kopf tief im Laub vergraben und we-delte zur Antwort verträumt mit dem Stummelschwanz. Was der Geruchssinn eines Hundes wohl für Welten entwarf? Und erschienen sie ihm in Farbe oder schwarzweiß? Endlich tauchte Wotan wieder auf, schüttelte sich und marschierte vorwärts, sein Frau-chen im Schlepptau. Er brauchte sie nicht zur Orientierung, sie nahmen immer die glei-che Strecke, jeden Abend. Vorbei am Baumstumpf, Rest der schütteren Buche, die noch vor wenigen Wochen hier gestanden hatte. Vorbei an der Bank, gestiftet von jemandem, der es gut mit Königsborn meinte. Und der sich vielleicht noch daran erinnerte, daß hier einst ein Kurbad war und nicht nur eine Ansammlung Häuser, durchschlagen von Schneisen für Eisenbahn und Autoverkehr. Das gedämpfte Licht der Kurparklampen reichte nicht bis zur Wiese mit der Weide. Der Baum, der letztes Jahr umgestürzt war und nun in der Horizontalen weiterlebte, sah von Ferne wie der gefesselte Gulliver aus. Sie hielt inne, wie jeden Abend an dieser Stelle. Es war eine Herbstnacht gewesen wie heute, als der Baum fiel, nur der Wind wehte um einige Stärken kräftiger. Das Geräusch erreichte sie, als sie den Minopterus passierten. Es klang wie die Holztür zum Gartenschuppen ihrer Großeltern, die in den Angeln ächz-te und knarrte, bevor sie zufiel. Noch stand der Baum. Dann neigte er sich, im Zeitlu-pentempo, Zweige rauschten, Wurzeln rissen aus der nass schmatzenden Erde. Das Ge-räusch splitternder Äste, der Aufprall, die Stille. Sie war vorsichtig nähergetreten. Der Junge lag halb verdeckt unter den Zweigen. Sie hätte ihn wahrscheinlich übersehen, wenn Wotan nicht winselnd an der Leine gezogen hätte. Herausquellende Zunge, hervorstehende Augen, die Hände um den Hals gekrallt, noch warm. Der Strick hatte sich tief ins Fleisch gegraben. Ob er überlebt hätte, wenn der Baum früher umgefallen wäre? Sie hatte ihm sanft über das Gesicht gestreichelt und war weitergegangen. Am übernächsten Tag berichtete man vom Selbstmord des Sieb-zehnjährigen und daß es mindestens zehn qualvolle Minuten gebraucht haben müsse, bis der Strick um seinen Hals ihn stranguliert hatte. Man rief mögliche Zeugen auf, sich bei der Polizei zu melden. Irgend jemand hatte dem Toten die Augenlider zugedrückt. Dalia lächelte und dachte an andere Leichen, denen sie die Augen geschlossen hatte. Manchmal glaubte sie, daß es die Toten darauf angelegt hatten. Wenigstens sie vertrau-ten sich ihr freiwillig an. -- Sie zog den widerstrebenden Wotan weiter, Richtung Friedrich-Ebert-Straße. Nach ei-ner Weile begann der Hund, freiwillig vorwärtszustreben. Es waren die Ratten, die ihn lockten. Die Ratten in der Ruine, dem ehemaligen Haus der Anwältin. Aber heute ließ sie ihn nicht von der Leine. Der Gestank fiel sie an, noch bevor sie vor dem Gartentor angelangt waren. Es roch nach verrottetem Holz und nassem Mörtel. Nach wildem Holunder, den der erste Frost in schwarzen Schleim verwandelt hatte. Nach Exkrementen und Verwesung. Dalia frag-te sich, wie Wotan das aushielt, der stocksteif dastand, die Zunge aus dem Maul hängen ließ und die flache Nase den Gerüchen entgegenstemmte. Sie stellte sich eine wilde Kakophonie der Farben und Formen vor, zu dem das Hundehirn die olfaktorischen Ein-drücke zusammensetzte. Oder zeichnete es eine präzise Topographie der Geruchsland-schaft, komplett mit aufgedunsener Rattenleiche? Sie schüttelte sich. Im Sommer hatte sie Wotan hineinlaufen lassen in die Ruine, er war ein guter Rattenjäger. Aber der Hund stöberte etwas ganz anderes auf. Panisch schrei-end war ein Mann aus der Tür gestürzt, ein erschreckend dürres Kerlchen, noch nicht einmal eine Unterhose hatte er getragen. Wotan mußte ihm in seinem alkoholverstärk-ten Tiefschlaf wie ein Monster aus einer anderen Welt vorgekommen sein: das breite weiße Gesicht mit den hellblauen Augen, die stumpfe Nase, die Hängebacken, das stets leicht geöffnete Maul mit den kleinen spitzen Zähnen, der kompakte Bau, die starken Muskeln, der Stummelschwanz. Wotan war, was Bulldogqualitäten betraf, ein Bild von einem Hund – aber sicherlich nicht in den Augen eines armen Penners, der nichts besse-res zum Übernachten gefunden hatte als dieses Rattenloch. Dalia Riplin versuchte, es dem Hund nachzumachen und aus den Gerüchen den einen herauszufiltern, der ihr etwas verriet über die Geschichte des Hauses. Es mußte zur gleichen Zeit entstanden sein wie das Alte Amtshaus nebenan: also nach 1815. Womög-lich diente es in den Hochzeiten des Kurbetriebes Ende des 19. Jahrhunderts hochge-stellten Persönlichkeiten als Gästehaus. Bis vor wenigen Jahren jedenfalls hatte die Anwältin darin gewohnt, man erzählte, die alte Dame habe jahrzehntelang niemanden hineingelassen. Als sie starb, war sie 98 Jahre alt geworden. Der Wirt des kleinen Re-staurants, in dem Dalia manchmal aß, erzählte gern, wie es drin ausgesehen hatte, als man die Leiche der Alten holte – mit morbider Freude, so, als ob er dabei gewesen wä-re: vergammelte Lebensmittel, besudeltes Bettzeug, beschmierte Wände. Dalia schloß nicht aus, daß sie ebenso enden könnte, wenn sie nicht aufpaßte: allein und verschroben. Der letzte Mann, der ihr nähergekommen war, ein Lieferwagenfahrer aus Malgarten, war nach einiger Zeit türeschlagend gegangen, weil sie „das Maul nicht aufkriegte“, wie er sich auszudrücken beliebte. Er konnte ja nicht ahnen, daß die Män-ner, denen sie etwas zu sagen hatte, keineswegs glücklicher dran waren. Ihn hatte sie nicht fünf Minuten lang vermißt. Behutsam zog sie Wotan weiter, hinüber zu dem hellsten Ort weit und breit. Als sie auf dem Platz vor dem Alten Amtshaus stand und zum Turm hochschaute, hatte sie für ein paar Sekunden das Gefühl, mit einem fremden Wesen verbunden zu sein, das sie verstand. In einem Faltblatt, das überall im Haus herumlag, war es abgebildet, wie es zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgesehen hatte: Auf dem Trottoir vor dem Bau sah man Männer im Gehrock und Frauen in langen Kleidern stehen, mit Hauben auf dem Kopf. So ähnlich mußte sie wirken in ihrem langen schwarzen Mantel mit dem Kopftuch, das ihr Gesicht verschattete. Und dann die Kreatur neben ihr, ganz in weiß, deren Kopf eher der Fratze eines Wasserspeiers an der Kirche ähnelte als dem eines lebenden Hundes. Als ob sie nicht ans Licht gehörte, begann Dalia, sich in den Schatten jenseits der Straße zurückzuziehen. Vielleicht war es das Alte Amtshaus, das sie in Königsborn länger als üblich festhielt, eines der wenigen alten Häuser, die man stehengelassen hatte. Jetzt war es noch von Scheinwerfern angestrahlt, später, in den frühen Morgenstunden, wenn sich das Licht automatisch ausgeschaltet hatte, würde sie es als bleichen Schatten wiederse-hen. Die Uhr unterhalb des Glockenturms zeigte zehn nach neun. Zeit, nach Hause zu gehen, etwas zu essen, ein paar Stunden zu schlafen. Sie wollte sich gerade umdrehen, als sich die Eingangstür zum Alten Amtshaus öffnete. Ein Mann stürzte heraus, im offenen Mantel, die helle Panik im Gesicht. Dalia zog das Kopftuch noch tiefer ins Gesicht und flüsterte Wotan etwas zu, das er verstand, denn er rührte sich nicht. Der Mann sah ge-hetzt nach rechts und nach links und lief dann die Friedrich-Ebert-Straße hinunter, Richtung Schule. Sie sah ihm nach. Sie kannte den Mann. Er hatte Fotos von seiner Frau und seinen Kindern auf dem Schreibtisch stehen und ein Verhältnis mit der Sekre-tärin. Irgendetwas sagte ihr, daß der willkommene Anlaß, weiterzuziehen, näherrückte.
„Hast du schon gefrühstückt?“ Nasrin hielt ihr strahlend einen Teller mit Kuchen hin, bestimmt selbstgebacken, sicher zu süß. Dalia winkte dankend ab, schlüpfte aus ihrem Mantel und stopfte das Kopftuch in einen der Ärmel, bevor sie ihn in der Garderobe aufhängte. „Du bist viel zu dünn“, sagte Nasrin und biß in ein Stück Kuchen. „Und wa-rum trägst du immer diesen Mantel, wenn du keine Türkin bist?“ „Ihr sollt arbeiten, nicht schwatzen.“ Benja, die Anführerin der Putzbrigade vom Alten Amtshaus, schob mit Klopapier bepackt an ihnen vorbei Richtung Toiletten. Nasrin streckte ihr die Zunge heraus. Dalia schlüpfte in die Turnschuhe und zog die Gummi-handschuhe über. „Ich bin oben“, sagte sie. Sie putzte immer oben, dort, wo auch das Büro des Mannes lag, den sie gestern abend aus dem Haus hatte stürzen sehen. Plötzlich spürte sie die alte Jagdlust. Ihr Beruf war wunderbar. Sie sah alles, erfuhr alles – und machte das Beste draus. Es gab nur einen Nachteil: er war ein Frauenberuf. Sie mochte keine Frauen, weder die mit den Kindern und dem Kuchen noch die mit der Karriere und den Kostümen. Ihre Hand liebkoste den hölzernen Handlauf der alten Treppe, während sie nach oben stieg. Die Holzstufen unter ihren Füßen vibrierten. Sie mochte auch nicht alle Männer. Aber das war ein anderes Kapitel. Er war ihr lange nicht mehr eingefallen, ihr erster. Dalia hielt inne und blickte durch das Treppenhaus hinunter ins Entrée. Die alte Treppe und die zwei Säulen aus matt-glänzendem Holz, die unten standen, waren übriggeblieben von der ursprünglichen Ar-chitektur. Das und die Balken über ihr. Und die Turmuhr. Er war Prokurist gewesen in einer kleinen Spedition. Zu dick, keine Haare mehr, her-vorstehende Augen. Es war erst ihr zweiter Job, damals studierte sie noch. Sie hatte sei-ne Modellautos entstaubt und die gerahmten Bilder von Frau und Kindern auf dem Schreibtisch poliert. Den Papierkorb entleert mitsamt der benutzten Kondome, die er mittwochs und freitags darin entsorgte. Dalia löste sich vom Treppengeländer und ging weiter. Vom Erdgeschoß her hörte man den Staubsauger und Nasrin, die sang. Zu laut und ziemlich falsch. Und eines Tages – Streit im Kopierraum. Der Schrei der Praktikantin, der abrupt ab-brach. Sie hatte ihn davonstürzen sehen, ebenso aufgelöst, wie der Mann gestern abend gewirkt hatte. Dann war sie hinüber in den Kopierraum gegangen. Ihre erste Leiche. Sie hatte dem Mädchen die Augen zugedrückt und sie lange angesehen – und einen Beschluß gefaßt. Die Dankbarkeit des Dicken währte ein Jahr – bis er vor eine S-Bahn geriet. Sie holte den Putzwagen aus dem Abstellraum neben der Toilette und betrat den Raum links vom Treppenhaus. Obwohl ihre Neugier von Minute zu Minute wuchs, ging sie auch heute systematisch vor, wie immer. Es steigerte die Vorfreude. Das Büro der bei-den Buchhalterinnen war zuerst dran. Sie hielt die Luft an, während sie den Raum durchquerte und die beiden Fenster aufriß. Es roch nach Kamillentee, Raumdeodorant, einem Hauch von kaltem Zigarettenrauch und verschmurgeltem Kaffee. Die beiden Schreibtischlandschaften spiegelten den ge-gensätzlichen Charakter der Gerüche. Dalia glaubte zu wissen, wie die beiden Frauen aus der Buchhaltung sich fühlten, die es hier tagtäglich miteinander aushalten mußten. Kamillentee hielt ihren Schreibtisch supersauber, mit ihr hatte man kaum Arbeit. Neben dem blitzblanken Computermonitor standen Familienbilder in knallbunten Farben – drei Kinder, ein Ehemann, ein mild lächelndes Mütterlein – und ein Väschen mit zwei quietschgelben Plastikrosen, die jemand auf dem Rummelplatz geschossen hatte. Die Post-it-Zettel am Monitorrand erinnerten an so gesunde Dinge wie den Lauftreff am Montag und Yoga am Mittwoch. Der Eingangskorb war fast leer, die grünen und roten Laufmappen, aus denen zum Dreieck gefaltete Stichwortzettel lugten, lagen auf Kante, die Teetasse war abgewaschen, und ein gehäkeltes Tuch über der Lehne des Schreib-tischstuhls deutete darauf hin, daß die hier arbeitende Person empfindlich gegen Zugluft war. Selbstverständlich gab es eine Topfpflanze. Dalia haßte Topfpflanzen. Kalter Zigarettenrauch hingegen hatte ihre Kaffeetasse nicht abgewaschen, an der Spu-ren von Lippenstift klebten. Der Schreibtisch wies keine für Außenstehende erkennbare Ordnung auf. Anstelle von Familienbildern hingen an der Pinwand Witzzeichnungen und Fotos muskulöser Männer. Den einen der halbnackten Knaben erkannte sie: Brad Pitt in seiner Rolle als Achill. Daneben war eine Art Flugblatt gepinnt mit geistreichen Sinnsprüchen zum Verhältnis der Geschlechter. Einer davon gefiel sogar ihr: „Was ist schlimm daran, wenn zwei Männer in einem Ford Fiesta mit 150 km/h gegen eine Be-tonmauer fahren? Die Platzverschwendung. Da hätten fünf reingepaßt.“ Eine Frauenzeitschrift lag neben dem Terminkalender und in der Bleistiftablage stand ein Fläschchen Nagellack, unverschlossen. Dalia kämpfte den Impuls nieder, den roten Lack ganz aus Versehen umkippen zu lassen und schichtete den Bürokrempel auf die rechte Ecke des Schreibtischs um, damit sie in der Mitte wischen konnte. Den Papier-korb leerte sie nicht. Er roch nach verschüttetem Kaffee, außerdem enthielt er ge-brauchte Damenstrümpfe und zwei leere Zigarettenschachteln. Und ein angegessenes Brötchen. Sie ließ die Zimmertür offenstehen und ging zum nächsten Raum. Hier residierte Frau Kron, die Vorzimmerdame des Geschäftsführers. Ihr Büro lag unter der Dachschräge. Auch sie besaß zwei Topfpflanzen und einen Kunstdruck mit einem Motiv von Monet. Wird gern genommen, dachte Dalia. Sie hatte es auch in Bramsche schon irgendwo hängen sehen. Oder in Bebra? Auch da hatte die Sekretärin etwas mit dem Chef gehabt, einer von denen, die das Passwort für den Computer auf einen Zettel notieren, den sie unter der Tastatur aufheben. Er zahlte willig. Dafür erzählte sie seiner Frau nichts von der Sekretärin und machte das Finanzamt nicht darauf aufmerksam, auf welch geniale Weise er all die Summen aus seiner ganz privaten Buchhaltung ins Ausland schleuste. Nein, es mußten nicht immer echte Leichen sein, die ihre Kunden im Keller hatten, fand Dalia. Auch die kleineren Schweinereien trugen zu ihrem Lebensunterhalt bei. Mal se-hen, was heute auf sie wartete.
Im Bereich der Geschäftsführung dominierten die Farben rot und blau: Blau waren die Bürocontainer unter den Schreibtischen und die Sitzflächen der Stühle. Knallrot war de-ren Rückenlehne bezogen. Dalia ordnete und wischte und nahm sich eines von Frau Krons Pfefferminzbonbons. Dann öffnete sie die Tür zum Zimmer des Chefs. Das erste, was sie sah, war ein Blitzen auf dem Teppichboden, neben einem der beiden Lederses-sel in der Besucherecke. Sie stellte den Putzeimer ab, wischte sich die Hände an den Jeans trocken und ging vorsichtig hinüber. Auf dem Boden lag eine Scherbe, konkav oder konvex, je nachdem, von welcher Seite man das Ding betrachtete. Ein Brillenglas, vielmehr ein Teil davon. Und jetzt wußte sie auch, was ihr an Dr. Kallwey, dem Mann, den sie gestern abend aus dem Amtshaus hatte stürzen sehen, aufgefallen war: sein Ge-sicht trug den verwirrten Ausdruck, den Brillenträger haben, wenn sie einmal ohne in die Welt gucken müssen. Sie steckte das Glas in die Kittelschürze und sah sich um. Auf dem Tisch zwischen den beiden Sesseln zeichneten sich die Ringe ab, die feuchte Gläser hinterlassen. Der Mann hatte jemanden bewirtet. Mit wenigen Schritten war sie bei der Teeküche, die man hin-ter blau gestrichenen Schranktüren untergebracht hatte. Zwei Gläser standen im Ab-tropfregal. Sie hielt sie gegen das Licht. An einem erkannte man die Spuren von Lip-penstift. Zu leuchtend für Frau Kron. Sie ging zurück zur Sitzgruppe und schob die Sessel beiseite. Nichts. Dann steckte sie die Hand zwischen die Polster von Lehne und Sitzfläche, dort, wo sich alles mögliche sammelte im Lauf der Zeit – nur nicht hier, weil sie regelmäßig nachsah. Ihre Finger-spitzen berührten einen glatten Gegenstand, kaum größer als der Nagel ihres kleinen Fingers. Sie erkannte nicht gleich, worum es sich handelte bei dem roten, krallenförmi-gen Gegenstand: Es war eine Koralle, wie man sie als Glied einer Kette um den Hals trägt. Dalia steckte auch dieses Fundstück ein und lenkte ihre Schritte zum Schreibtisch. Die großformatigen Bögen bedeckten die polierte Holzplatte. Sie erkannte die Zeichnungen sofort: es waren die Pläne zu einem Erweiterungsbau fürs Alte Amtshaus, ein witzloser Kasten aus viel Glas und Stahl, der die schönen Proportionen des Alten zerstören wür-de. Der Erweiterungsbau sollte da hin, wo jetzt noch das verfallende Haus der Anwältin stand. Der Zeitung nach zu urteilen, gab es nur einen Gegner dieses Plans: das Amt für Denkmalschutz. Dalia legte die Pläne zusammen, verstaute sie in der Mappe und brachte sie zu ihrem angestammten Ort ins Regal. Dann ging sie in die Teeküche, wusch die Gläser unter heißem Wasser und mit viel Spülmittel ab und polierte mit dem Geschirrtuch nach. Sie stellte sie an die hinterste Stelle im Gläserschrank. Sie sah sich noch einmal um. Hier mußte besonders gründlich staubgesaugt werden – später. Jetzt kam es darauf an, der Spur der Koralle zu folgen. Sie ließ die Tür auf, ging durchs Zimmer von Frau Kron und den Gang hinunter. Über dem kargen, weißgestri-chenen Flur, von dem schmucklose holzfarbene Türen abgingen, hatte man die alten Balken stehenlassen. Sie sahen aus wie die braungebrannten Oberarme einer bulimi-schen Partyschönheit Generation 50 Plus. Sie öffnete die Tür zur Toilette. Nichts. Auch im Archivraum war alles, wie es sich gehörte. Vor der Brandschutztür aus Glas und Stahl stand ein schwindsüchtiger Ficus. Dahinter lag der Besprechungsraum. Sie warf einen Blick hinein. Die roten Lederstühle standen wie die Ritter der Tafelrunde um den langen hölzernen Konferenztisch. Nichts zu se-hen. Sie atmete tief ein, lehnte sich an das Geländer um den Lichtschacht, der bis zum Glockenturm hoch- und bis in die erste Etage hinunterreichte, und in dem das altehr-würdige Werk der Turmuhr hing. Sie hatte die Uhr von Anfang an geliebt. „Ed. Korfha-ge & Söhne. Buer Bez. Osnabrück. Turmuhrenfabrik“ stand auf einem Schild am stäh-lernen Herzen der Uhr, unterhalb der Zahnräder, welche die Kraft übertrugen, die sie von zwei gigantischen Gewichten empfingen, bläulich-schwarzen Zylindern, die im Ge-rüst aus alten Holzbalken über ihr schwebten. Eine Holzleiter führte nach oben zu einer Plattform. An einem ihrer ersten Arbeitstage war sie voller Faszination hinaufgeklettert. Irgendeine der geschwätzigen Kolleginnen mußte das ausgeplaudert haben, am nächsten Tag jedenfalls erhielt sie einen Anruf von Frau Kron, die sie streng anwies, sich aufs Putzen der Büroräume zu beschränken. Dalia ließ ihren Blick höher wandern. Und dann sah sie aus den Augenwinkeln die Tür, die ihr entgangen war, weil sie stets abgeschlossen war. Die Tür zum Projektorraum. Sie löste sich vom Geländer und ging hinüber zu dem kleinen Raum neben dem Konferenzsaal. Heute ließ sich die Tür öff-nen. Und da war es. Endlich. Sie hatte schon an sich und ihrer Intuition gezweifelt. Sie lief zurück, holte den Staubsauger, stöpselte ihn im Vorzimmer von Frau Kron ein und schaltete ihn an, damit jeder hören konnte, wo sie gerade arbeitete. Dann kehrte sie zum Projektorraum zurück. Frau Dr. Wittkop war groß, blond, tot. Die Denkmalpflegerin war stadtbekannt, achwas: der ganze Hellweg kannte sie. Sie hatte mit beträchtlicher Energie zu retten versucht, was nach Dalia Riplins Meinung nicht zu retten war: das bißchen Kulturerbe, das man in einer Gegend noch aufzuweisen hatte, die im 19. und 20. Jahrhundert um und um gewühlt worden war, je nachdem, welchen Bodenschatz es auszubeuten galt. Erst ge-wann man in Königsborn Salz, dann wurde Steinkohle interessant, und schließlich ver-suchte man, ein mondänes Kurbad aus dem Boden zu stampfen, als diese Mode längst ihren Höhepunkt überschritten hatte. Hildegard Wittkop war die einzige gewesen, die sich dem Abriß des Hauses der Anwäl-tin widersetzt hattee. Dalia hatte sie dafür geschätzt. Aber genutzt hatte es nichts. Und nun lag sie auf dem Boden mit theatralisch ausgestreckten Armen, der eine Fuß nackt – so, als ob sie mit ihren Stöckelschuhen irgendwo hängen geblieben und vom Podest gestürzt wäre, auf dem sich die Lautsprecher- und Videoanlage befand. So stürz-te man nicht. Sie legte der Toten den Arm um die Schultern und hob sie an. Der Kopf mit den kurzen blonden Haaren rollte nach hinten, die halbgeschlossenen, blau geschminkten Augende-ckel klappten hoch und die Oberlippe glitt zurück. Vorsichtig tastete sie die Halswirbel-säule ab. Beim Anblick des Glieds aus einer Korallenkette, die sie im Ledersessel ge-funden hatte, war ihr der Gedanke gleich gekommen. Der Mann, der seit gestern abend keine Brille mehr trug – hatte die Wittkop ihm eine gelangt? –, Dr. Kallwey also mußte die Wittkop in wahnsinniger Wut geschüttelt und ihr dabei die Halskette zerrissen und das Genick gebrochen haben. Blut war nicht zu sehen, weder in seinem Büro, wo es ge-schehen sein mußte, noch hier. Warum hatte er sie überhaupt hierhin geschleppt? Wen sollte das in die Irre führen? Etwa die Polizei? Was für ein Unsinn. Aber sie kannte das ja, seit Kindesbeinen: Männer brauchen Hilfe. Beim Tod und bei der Liebe setzt bei ihnen der Verstand aus. Obwohl – die Grundidee war nicht ganz schlecht. Man mußte den Tod der Wittkop wie einen Unfall aussehen lassen. Sie dachte nicht lange nach, faßte die Leiche unter die Achseln und zog sie aus dem Raum, über den glatten Holzfußboden, hin zum Licht-schacht mit der Uhr. Die Denkmalschützerin war die Holzleiter hochgeklettert, die zu einer Plattform hoch bis zur Kuppel unter dem Dachreiter führte. Sie hatte nicht aufgepaßt, war mit ihren hochhackigen Schühchen irgendwo hängengeblieben, gestürzt und – ups... Dalia biß sich nervös auf die Unterlippe. Jetzt nichts falsch machen. Mit Sicherheit war Hildegard Wittkop vor neun Uhr gestern abend gestorben, wahrscheinlich war sie sogar schon länger tot und der Mann hatte jammernd neben der Leiche gesessen, weil er nicht wußte, was er tun sollte. Offenbar hatten sich beide zu einer Unterredung nach Dienstschluß verabredet, viel-leicht wollte Kallwey ja sogar mit ihr essen gehen, hatte geglaubt, sie würde auf seinen Charme ansprechen. Dalia schnaubte verächtlich. Wittkop dachte nicht daran, knallte ihm eine, schlug ihm dabei die Brille von der Nase – und dann... Der Geschäftsführer mußte sie wie verrückt geschüttelt haben. Dann hatte er seinen Schock zu verarbeiten, die Spuren zu beseitigen (so gut das ein Mann in Panik vermochte) und die Leiche in den Projektorraum zu schaffen, bis er zum zehn nach neun aus dem Haus stürzte. Das verschob die Tatzeit eher auf 19 als auf 20 Uhr. Sie blickte auf das schwarze Ziffern-blatt der Kontrolluhr am Uhrwerk. Jetzt war es sechs Uhr früh. Selbst einem zugekifften oder völlig überarbeiteten Pathologen würde auffallen, wenn der tödlichen Verletzung elf Stunden später eine weitere hinzugefügt worden wäre. Sie mußte also vorsichtig sein. Sie zog die große blonde Frau zum Lichtschacht und ließ sie hineingleiten. Dann brach-te sie die Leiche zwischen den Holzbalken in eine Position, die einen Unfall nahelegte. Nicht, daß sie der Polizei nicht jede Finesse zutraute. Aber wenn Kallwey keine Panik-reaktion beging, würde man ihm nichts nachweisen können. Dafür würde sie schon sor-gen. Dalia trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk. Diesmal verzichtete sie darauf, der Leiche die Augen zu schließen. Den Rest der Arbeit erledigte sie routiniert. Im Geschäftsführerzimmer saugte sie be-sonders gründlich und inspizierte hinterher den Staubsaugerbeutel. Tatsächlich: es fand sich ein weiteres Glied aus der Korallenkette. Sie entsorgte den Beutel im Müllsack und setzte einen neuen ein. Die Zeit lief ihr davon; von unten hörte sie Benja rufen. Der Moment war gekommen. Dalia Riplin schob den Staubsauger durch den Flur hin zum Lichthof, stöpselte ihn dort wieder ein, schaltete ihn an. Als sie vor dem Lichtschacht mit der Uhr angekommen war, ließ sie ihn fallen. Sie schrie, so laut sie konnte.
Die Befragung Dalia Riplins durch die Polizei dauerte nicht lange. Eine Putzfrau ist sel-ten der Mörder. Und auch Kallwey machte seine Sache gut. Die beiden Lokalzeitungen schlachteten das Treffen des Geschäftsführers mit der Denkmalschützerin zwar drei Ta-ge lang aus, man wußte schließlich, daß es einen handfesten Interessenskonflikt gab zwischen beiden. Aber sie konnten ebensowenig wie die Polizei seine Aussage entkräf-ten, er habe Dr. Wittkop ein weiteres Mal zu überzeugen versucht; sie sei, nach dem Versprechen, darüber nachzudenken, gegangen; er selbst habe in seinem Büro noch ei-nige Akten weggearbeitet, weil seine Frau mit den Kindern im Urlaub und nicht zuhau-se war, und er habe von Wittkops Präsenz im Glockenturm nichts mitbekommen, als er das Alte Amtshaus kurze Zeit später verließ. Dalia wartete noch zwei Wochen, dann hatte sich die Aufregung gelegt. Frau Kron öffnete ihr freundlich lächelnd die Tür zum Zimmer des Geschäftsführers. Sie hatte darauf bestanden, sich hier und nicht irgendwo anders mit ihm zu treffen. Nichts konnte unauffälliger sein als der Besuch einer eleganten Frau im Kostüm und mit Aktenkoffer, die mit Dr. Kallwey etwas Geschäftliches zu besprechen hatte. Sie fürchtete nicht, wiedererkannt zu werden. Wer erinnert sich schon an Putzfrauen, an blasse, abgearbeitete Geschöpfe in Jeans und Kittelschürze? Und die Menschen, denen sie unterwegs begegnete, würden sich zwar immer an Wotan erinnern, aber nicht an die Frau, die man kaum sah unter dem Kopftuch im schwarzen Mantel. Er leugnete nichts, er drohte nicht, er feilschte nicht. Wozu auch? Sie verlangte nicht viel. Sie verlangte von niemandem viel, der ihr das Leben erleichterte. Das hatte sie ge-lernt seit ihrem ersten Fall, seit dem glubschäugigen Prokuristen, der gerade mal ein Jahr durchgehalten hatte, bevor er sich vor einen S-Bahnzug warf. Als sie das Alte Amtshaus verließ, schoben Bagger die mürben Balken und Steine des Hauses der Anwältin zusammen. Dalia Riplin hatte den Mietvertrag für die Parterre-wohnung am Markt und ihren Job in der Putzbrigade längst gekündigt. Auf ein Neues, sagte sie sich und dachte mit einem warmen Gefühl an ihren Kontostand. Und plötzlich hatte sie den Geruch von Meer in der Nase. Sah weiße Wolkenfetzen über einen blauen Himmel rasen. Hörte Möwen schreien. Leg die Ohren an, Wotan, dachte sie und schritt voran. Wir ziehen um. Nach Usedom.
© Anne Chaplet 2004 in: H. P. Karr/Herbert Knorr (Hrsg.), Mehr Morde am Hellweg, Dortmund 2004
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