Es war der Mantel. Es mußte der Mantel gewesen sein. Wer trug schon einen rehbraunen Kaschmirmantel in der Regentalbahn, weit nach Feierabend, knielang, glockenförmig, sehr feminin geschnitten, mit Pelz am Kragen? Susanne hatte ihr Bild vor Augen, wie es sich im Fenster gespiegelt hatte, während der Zug durch die Nacht trödelte. Und dann noch lange blonde Haare. Das mußte ja provozieren. Sie zog sich den Kragen enger um den Hals. „Maulwurfsfell“ hatte er den Pelz genannt – dabei war es irgend etwas ganz Kostbares, sie hatte vergessen, um welches Tier es sich handelte. Sie hatte sich vergebens gesträubt, als er ihr den Mantel schenken wollte, damals, ganz zu Anfang ihrer Liebe. Es gehört sich nicht, hatte sie gedacht. Viel zu intim. So etwas gebührt der Ehefrau, nicht der Geliebten. Sie strich mit den Fingerspitzen über den dunkelbraunen Pelz. Wie lieb und naiv sie damals noch gewesen war. Wann hatte er ihr zuletzt etwas geschenkt? Oder mitgebracht von seinen Reisen? Es war lange her. Zu lange. Vielleicht hatte sie deshalb den Mantel angezogen und die Stiefel mit den pfeilspitzen Absätzen, auf denen man kaum gehen konnte, höchstens flanieren, an seinem Arm durchs nächtliche München. In unaufgeräumte Regionalzüge, die ins finstere Hinterland fuhren, paßte das nicht. Beim Einsteigen hatten jedenfalls alle geglotzt, die mürrischen Männer und Frauen in Trainingshosen oder Jeans, oben herum Sportblousons, an den Füßen alles mögliche, aber offenbar etwas, in dem man sich fortbewegen konnte. Statt wie sie durch die Dunkelheit zu stolpern. Der Kaffee, den sie in Plattling im Bahnhofsrestaurant getrunken hatte unter den Blicken neugieriger Männer, stieß ihr sauer auf, während sie sich durch den Nieselregen kämpfte, ihren mißmutigen Mitreisenden hinterher. In der Waldbahn, wie sich der Bummelzug nach Regen nannte, war es wenigstens warm gewesen. Einem Schaffner war sie nicht begegnet, wahrscheinlich war es der Zugführer, dessen Stimme sie zwanzig Minuten, nachdem sie aus Deggendorf hinausgefahren waren, aus dem Halbschlaf geweckt hatte. Sie hatte auf die Uhr geschaut, halb neun war es gewesen, der nächste Halt hieß Gotteszell. Und danach kam Triefenried. Und dann Regen. Bettmannsäge. Zwiesel. Ludwigsthal. Bayerisch Eisenstein. Heute morgen, als sie sich noch fragte, ob sie ihm hinterherfahren sollte, hatte sie so lange auf den Fahrplan gestarrt, bis sie ihn auswendig konnte. Du hättest zu Hause bleiben sollen. „Verehrte Fahrgäste“, hatte der Zugführer durch die Lautsprecheranlage des Zugs gerufen, „verehrte Fahrgäste, aufgrund eines technischen Problems sehen wir uns gezwungen, die Weiterfahrt einzustellen. Alle Reisenden Richtung Bodenmais, Bayerisch Eisenstein oder Grafenau bitten wir auszusteigen und den Anweisungen des Personals zu folgen. In Gotteszell werden Busse Sie zu Ihren Zielbahnhöfen fahren. Ich bitte“ – und dann hatte er sich geräuspert, aus Verlegenheit, hoffte sie wenigstens – „ich bitte um Ihr Verständnis.“ Susanne wußte nicht, wie lange sie noch sitzengeblieben war, als alle anderen schon ausgestiegen waren. „Ajez kimm“, hatte eine alte Dame schließlich ungeduldig gerufen, völlig unverständlich, aber die Gesten der Alten waren eindeutig. Wieder glotzte alles, als sie aus dem Zug stieg. Erst auf ihre Haare. Dann glitten die Blicke tiefer. Und endeten bei ihren Schuhen, die sie mißbilligend zu mustern schienen, bevor sich einer nach dem anderen abwandte. Sie hatte geglaubt, spöttisches Murmeln zu hören. Geschenkt. Natürlich waren Susanne und das alte Mütterlein die letzten, die sich im Gänsemarsch einen dunklen Feldweg entlangtasteten, auf dem tiefe Löcher oder Matsch oder Kuhfladen darauf warteten, daß man hineintrat. Die Alte hielt die Lippen fest zusammengepreßt. Susanne traute sich nicht zu fragen, wie weit es noch war bis Gotteszell. Es half nur der Gedanke, daß dort Busse auf sie warteten, mit laufenden Motoren, damit durchgefrorenen Fahrgästen wieder warm wurde. Sie starrte auf den breiten Rücken der Frau vor ihr, eine stämmige Person mit schlechtgefärbten Haaren in dunkelroter Freizeitjacke, die breitbeinig schnaufend vorwärtswalzte. Die fror nicht. Nur sie. Sie packte ihre Reisetasche fester und versuchte, beherzt auszuschreiten – dabei kam sie sich vor wie eine Geisha in Fußfesseln, Schrittlänge drei Zentimeter. Die Fußballen schmerzten und seit einigen Minuten brannte der linke der kleinen Zehen. Sie dachte daran, was sie nach Regen trieb. Was sie umtrieb, seit Wochen. Was ihr nachts den Schlaf raubte und ihr tags in den dümmsten Situationen die Tränen in die Augen steigen ließ. Und plötzlich spürte sie etwas Neues, Unvertrautes, das sich vom Magen her ausbreitete, sie von innen wärmte, das ihr schließlich aus der Kehle steigen wollte wie irres Gelächter. Wut. Rote glühende ungerechte ungeordnete ungewohnte Wut. „No, wird’s no?“ Ein Mann mit grünem Jägerhut war, die Arme in die Seiten gestemmt, an den Wegesrand getreten, ließ die anderen an sich vorbeiziehen und schaute den beiden Nachzüglern entgegen. Die Alte antwortete irgend etwas. Der Mann grinste und guckte auf Susannes Schuhe. Endlich kamen sie an. Der Bahnhof von Gotteszell war spärlich beleuchtet. Ihre Mitreisenden standen schon auf dem Vorplatz, wippten auf den Fußballen, schlugen Hände in Handschuhen gegeneinander und redeten aufeinander ein. Susanne blickte in den eisigen Aprilhimmel. Hier wurde es wahrscheinlich nie Frühling. Nüchtern rechnete sie aus, wie lange sie wohl überleben würde, wenn kein Bus käme mit vorgewärmtem Fahrgastraum, wenn sie hier bleiben müßte die ganze Nacht lang. „Na endlich!“ rief ein bärtiger Herr und schwenkte seinen Stock. Als der erste der beiden Busse zum Stehen kam und sich mit leisem Fauchen die Türen öffneten, wunderte Susanne sich über ihre Erleichterung. Worüber sollte sie schon erleichtert sein? Das Schlimmste stand ihr noch bevor. Sie ließ die anderen zuerst einsteigen, sie wollte nicht drängeln. Der erste der beiden Busse schloß zischend seine Türen und fuhr an. Sie lief zum zweiten, stolperte, hörte jemanden lachen, stellte endlich den Fuß auf die unterste Stufe und wollte sich an der Haltestange hochziehen, hinein in die Wärme zu all den anderen dampfenden Leibern. Unwillkürlich atmete sie durch den Mund statt durch die Nase. Der Mann vor ihr roch nach Schweiß und Gummi und rührte sich nicht. „Würden Sie so freundlich sein ...“ „Fahrt’s endlich los!“ rief jemand aus dem Inneren. „Ruckt’s auf!“ sagte der Fahrer ungerührt. „Wenns net aufruckt, geht’s net weida.“ Der Mann vor ihr drehte sich noch nicht einmal um. „Wenn Sie vielleicht aufrücken könnten ...“ Der Mann grunzte. „Wenn’S no länger do rumstenga, kemma mir heit’nimmer weg!“ kreischte eine blonde Frau, rot im Gesicht. „Aber ...“ „Ja, Sie moan I!“ „Aber ...“ „Jetzt geh’ hoit!“ „Sie kenna ja hint’ eisteing“, sagte der Fahrer milde. Susanne schüttelte den Kopf, drehte sich um und ging ans hintere Ende des Busses. Auch hier stand man auf den Stufen. „Ich möchte doch mit. Ich muß doch nach Regen.“ Wie klein sie klang. Wie hilflos. Wie dumm. „Aufrücken!“ rief der Fahrer über die Bordsprechanlage. Niemand rührte sich. Langsam zog Susanne den Fuß, den sie auf die untere Stufe gestellt hatte, zurück und trat beiseite. Als es zischte, die Tür langsam zuging und der Bus abfuhr, wurde ihr flau. Wie hätte sie das ausgehalten, zwischen all diesen Leuten, stehend? Zwischen diesen Menschen, die sie aus irgendeinem Grund haßten? Sie sah den beiden Bussen hinterher. Im Rückfenster des zweiten Busses glaubte sie zu Grimassen verzerrrte Gesichter zu erkennen und erhobene Fäuste. Und jetzt mußte sie auch noch weinen. Sie starrte mit zusammengezogenen Brauen und zusammengepreßten Lippen dem Bus hinterher, bis die Tränen versiegten. Bis sie ein rotes Licht im Wageninneren aufflackern sah, das sich ausbreitete, heller wurde, die Fenster bersten ließ. Bis es zu einer Feuerwalze wurde, die den Bus verschlang. Bis sie die Flammen roch, ihr gefräßiges Knistern hörte. Und Schreie. „Haben die Sie etwa hier stehenlassen?“ fragte eine Stimme hinter ihr. Der Film riß. Sie fuhr herum. Der Mann trug die blonden Haare aus dem Gesicht gekämmt und im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er hielt eine Zigarette in der Hand, die nach selbstgedreht aussah und ungewöhnlich roch. Angenehm irgendwie. „Der Bus war überfüllt, und da ...“ „Also doch. Die haben Sie hier stehengelassen. Pack.“ Der Mann trat die Kippe aus und zeigte mit dem Daumen auf das elfenbeinfarbene Auto, das hinter ihm stand. „Wo wollen Sie hin?“ Ein Taxi. Kurz überlegte sie, ob sie das überhaupt bezahlen konnte. „Nach Regen.“ Der Taxifahrer lachte und sagte: „Dann fahr ich mal nach Hause und nehme Sie mit. Halber Preis, in Ordnung?“ Sie stieg ein. Er sah sie von der Seite an, während er den Motor anließ. „Ist in Regen irgendwas los, von dem ich nichts weiß?“ Sie schüttelte den Kopf. „Urlaub?“ „Nein.“ „Und wohin in Regen darf ich Sie bringen?“ Er klang spöttisch. „Wirtshaus zum Goldenen Anker“, sagte sie mit schwacher Stimme. „Na, das Bier da kann man trinken.“ Er drehte das Radio lauter. Sie atmete aus. Ihr Magen verkrampfte sich beim Gedanken an das Hotel. Dort hatte er ein Doppelzimmer reservieren lassen. Sondertarif zum Wochenende. Wieder spürte sie den Blick des Taxifahrers. „Ist es nett – in Regen?“ fragte sie. Höflichkeitshalber. Er lachte. „Naja – kommt drauf an, was man darunter versteht. Ich bin nur in den Semesterferien hier, Geld verdienen.“ Er drehte das Radio wieder leiser. „Und Sie? Was suchen Sie in Regen?“ Ihre Hand krampfte sich um die Tasche, die sie mit nach vorn genommen hatte. Wieso wußte sie auf eine so einfache Frage keine Antwort? Aber was sollte sie schon sagen? Ich suche meinen Geliebten, der mich mit einer anderen betrügt, die nicht seine Ehefrau ist? Im Radio spielten sie „Sous le vent.“ Garou und Celine Dion. Sie hatten sich einmal geliebt bei diesem Lied. Wieder stieg dieses ungewohnte Gefühl in ihr hoch. Wut. Sie war wütend, endlich. Auf all die Jahre, in denen sie noch darauf gewartet hatte, daß er die Scheidung einreichte. Auf all die Monate, in denen sie zwar begriffen hatte, daß ihre Liebe ohne Zukunft war, aber die Konsequenzen nicht zu ziehen wagte. Und was willst du dann noch von ihm? Ihn erpressen? Ihn beschimpfen? Mit Aschenbechern nach ihm werfen? Ihn umbringen? Ich will meinem Geliebten umbringen. Sie versuchte den Gedanken zu denken. Um ihn auszusprechen. Um Erleichterung zu spüren. Um nach dieser Nacht wieder nach Hause fahren zu können. Ohne ihn wiederzusehen. Ohne Szene, Vorwürfe, Tränen. „Verdammt!“ Der Mann neben ihr trat mit aller Macht auf die Bremse. Der Sicherheitsgurt schnitt ihr schmerzhaft in den Hals, sie schrie leise auf. „Verdammt!“ Dann sah sie es auch. Die Frau, die auf sie zugelaufen kam, die dunkelverschmierten Hände erhoben. Sie tauchte in den Scheinwerferkegel des Taxis ein. Die Hände waren rotverschmiert. Blutverschmiert. Sie schrie wieder auf, als sie den Bus sah, ein paar Meter unterhalb der Straße. Er lag auf der Seite. Aus einem der Fenster krochen Menschen, die meisten ebenfalls blutverschmiert. Der Taxifahrer hielt, stellte das Warnlicht an, nahm das Mobiltelefon aus der Halterung und sprach aufgeregt hinein. Susanne hörte nicht hin. Sie öffnete die Wagentür und stieg aus. Sie hatte weiche Knie, als sie neben dem Bus stand. „Hilfe!“ rief eine Stimme. Jemand anders wimmerte. Susanne lauschte in die Nacht, drehte sich um und ging wieder zur Straße. Regen war nicht mehr weit.
Die blonde, stämmige Frau an der Rezeption sah sie erstaunt an. Susanne blickte an sich herunter. Es hatte zu nieseln begonnen, der Mantel hing ebenso schlaff herab wie ihre Haare. Und die Schuhe ... Sie bewegte den linken Zeh vorsichtig hin und her. Der Schmerz war widerwärtig. „Ich hatte ein Zimmer bestellt.“ Ein Einzelzimmer natürlich. Kein Doppelzimmer. „Natürlich, Frau ...“ Die Wirtin suchte auf ihrer Liste. Dann sah sie wieder auf. „Aber wo kommen Sie jetzt her? Doch nicht ...?“ „Mit dem Taxi.“ „Aber der Bus. Sie müssen doch den Bus gesehen haben.“ Die Augen der anderen füllten sich mit Tränen. „All die Toten und Verletzten. Furchtbar. Es ist ganz furchtbar. Sowas habe ich noch nie erlebt.“ Susannes Mund war trocken. Sie nickte. „Schulkinder! Pendler! Meine Nachbarin – vielleicht ist meine Nachbarin dabei. Und der alte Erich.“ Plötzlich sah die Frau sie mißtrauisch an. „Aber Sie müssen doch dran vorbeigefahren sein! Wenn Sie aus München kommen!“ Die Frau klang vorwurfsvoll. So, als ob sie an alledem schuld wäre. Mit ihrer Wut. „Tut mir leid“, stotterte Susanne und hielt die Hand auf. „Den Schlüssel, bitte.“ Das Zimmer war kalt. Am Bett gab es keine Leselampe. Die Gästeseife roch süßlich. Sie kämmte sich die Haare und ging dann wieder hinunter durch das riesige zugige Treppenhaus in den Gastraum. Sie fröstelte. Sie wußte nicht mehr, was sie hier wollte. Das Bier war gut, bestimmt. Aber sie mochte kein Bier. Die Aufschnittplatte war üppig, aber sie aß kaum etwas. Die Wirtin hatte ihr alles schweigend auf den Tisch gestellt und war irgendwo in den Tiefen des Hauses verschwunden. Jemand kam durch die Drehtür herein und brachte einen kühlen Windhauch mit. Die Frau ging vor zur Rezeption und drückte ungeduldig auf die Klingel. Sie hatte dunkle Haare, viel davon, die sie sich mit langen schlanken Fingern aus dem Gesicht strich. Susanne sah, wie sie sich vorbeugte und dorthin schaute, wo die Gästeliste liegen mußte. Das ist sie, durchfuhr es Susanne. Sie duckte sich. Setz dich gerade hin. Die kennt dich doch gar nicht. „Sie schon wieder“, sagte die Wirtin mißmutig. „Ich weiß nicht, ob ich das dulden soll. Finden Sie nicht ...“ „Janine“, sagte die Dunkle mit spöttischem Ton in der tiefen Stimme, „es gibt nichts, was du nicht besten Gewissens dulden könntest. Also verbindest du mich mal?“ ‚Janine’ reichte der anderen widerwillig den Hörer. „Ich bin daaa“, sang die Dunkle ins Telefon. „In einer viertel Stunde? In der Gondola? Bene! À più tardi!“ Sie lachte, drückte Janine den Hörer in die Hand und wirbelte herum. „Daß da Menschen gestorben sind da draußen heute nacht, das rührt Sie gar nicht, Frau Doktor, oder?“ Die Dunkle blieb stehen. „Doch, liebe Janine. Das ist schlimm. Das ist sehr schlimm.“ Dann war sie zur Drehtür hinaus. Susanne ließ das Bier stehen und den Aufschnitteller und ging nach oben. Der Impuls, ihn mit den neuen Umständen zu konfrontieren, war verflogen. Sie wollte nicht sehen, wie er herunterkam, im Gesicht helle Vorfreude auf die Geliebte. Sie wollte auch nicht wissen, wann er mit ihr zurückkehrte, später, mit dem Nachtschlüssel. Die Wut war weg. Sie fühlte sich einsam und leer.
Am nächsten Morgen wachte sie spät auf, es war schon neun. Draußen liefen ganz Heerscharen von Menschen durch die Flure, Männer mit lauten Stimmen, die irgend jemandem Befehle zu geben schienen. Das Blut sah sie erst, als sie die Bettdecke zurückschlug. Eine Lache auf dem Laken. Ihre Hände – blutverschmiert. Erst dachte sie an das Busunglück und an die Frau, die ihnen entgegengelaufen war. Aber dann wußte sie, woher das Blut kam. Es gab keine Umstände mehr, die es nötig machten, mit ihm zu sprechen. Sie ließ sich wieder auf die Bettkante sinken und betrachtete ihre zitternden Finger. Sei froh. Ein Problem weniger. Dann begann sie zu weinen. Als der Lärm draußen verebbt war, ging sie duschen. Sie schminkte sich besonders sorgfältig, zog sich an und ging hinunter in die Gaststube. Frühstück gab es bestimmt nicht mehr. Janine telefonierte, ließ sich aber nach einer Weile dazu herab, ihr Kaffee zu bringen, einen Brotkorb, schon leicht angetrockneten Aufschnitt und ein kaltes Ei. Das Telefon klingelte unaufhörlich. „Es ist schrecklich. Ich meine – erst der Bus ... Ja, völlig unerklärlich. Alex muß am Steuer eingeschlafen sein. Oder ein Herzinfarkt, auch möglich, sie werden es herausfinden. Und als ob das nicht schon reichte ...“ Jemand kam durch die Drehtür. Sie hielt den Hörer ein wenig zur Seite, sagte dann: „Ich muß Schluß machen“, legte auf und rief: „Gottseidank, du bist es.“ „Ich bin gleich hergekommen, als ichs gehört habe.“ Die Frau wirkte älter als Janine und schien außer Atem. „Es ist ein Skandal. Und sie war gestern da, du weißt schon, das schwarze Luder, frech wie Koks, und hat sich mit ihm verabredet“, flüsterte Janine in einer Lautstärke, die für konspirative Zwecke nicht taugte. „Und heute morgen ist er tot. Erstochen. Das Zimmer eine einzige Sauerei.“ Susanne setzte die Kaffeetasse ab. „Wer?“ flüsterte sie und richtete sich halb auf. Dann ließ sie sich wieder sinken. Es konnte nicht sein. Sie hatte geschlafen. Sie hatte fest geschlafen. Susanne blickte auf ihre Finger. Sie zitterten. Schon wieder. „Die Hexe. Unsere ‚Künstlerin’. Das ging schon drei Monate so. Alle paar Wochen buchte der arme Mann ein Doppelzimmer, und dann ...“ Janine machte eine unfeine Geste. „Wahrscheinlich hatte er die Nase voll von ihr, und da hat sie ...“ Die Ältere gluckste vor Vergnügen. „Max hat sie den Kopf verdreht. Richard. Aber das genügte ihr nicht, so ein paar armen Mannsbildern das Hirn zu verwirren. Sie mußte ihre Liebhaber auch noch einfliegen lassen.“ „Du übertreibst, Janine. Mit der Waldbahn fliegt man nicht gerade.“ Höchstens aus der Kurve. Jedenfalls wenn die Waldbahn ein Betriebsproblem hat, dachte Susanne und wunderte sich über das Gelächter, das in ihr hochstieg wie Magensäure. „Und glaubst du, die hätten mir mal zugehört, die Herren von der Polizei?“ „Waren sie denn... sie und er, ich meine: haben sie...“ Die Ältere senkte ihre Stimme. „Weiß ich doch nicht.“ Janine hob den Hörer des klingelnden Telefons hoch und ließ ihn wieder auf die Gabel fallen. „Aber – darf er sie denn einfach so... aufs Zimmer...“ „Was dürfen die denn heutzutage nicht. Und was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“ Das Telefon klingelte wieder. Diesmal nahm Janine ab. Susanne merkte am jähen Schmerz, daß sie am Nagel eines Fingers gekaut hatte. Sie war sich plötzlich sicher, daß es ihre Wut gewesen war, die den Bus in den Abgrund gerissen hatte. Und in ihrer Wut mußte sie nachts Unaussprechliches getan haben. Ihr wurde heiß. Sie stand auf, stolperte, als sie auf ihr Zimmer gehen wollte. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ fragte Janine, ohne großes Interesse an ihrer Antwort zu zeigen. Susanne nickte. Warmes Sonnenlicht fiel in den Hotelflur. Die Zimmermädchen hatten die Türen der meisten Zimmer weit aufgemacht, aus einem der Zimmer klang eine schmeichelnde Männerstimme, die für Müsliriegel warb. Als die Nachrichten kamen, blieb Susanne mitten auf dem Flur stehen. Die Meldung kam an erster Stelle. „Der bekannte Münchner Architekt Ferdi Dietl ist tot. Er wurde in einem Hotel in Regen erstochen aufgefunden. Die Ehefrau des Toten hat die Tat gestanden. Die Polizei vermutet ein Eifersuchtsdrama.“ Susanne schüttelte sich benommen. Erst als eines der Mädchen den Kopf aus der Tür herausstreckte, setzte sie sich in Bewegung. Im Zimmer ließ sie sich aufs Bett fallen und atmete tief durch. Und du hast dir eingebildet, deine Wut hätte soviel Macht, sagte die vertraute spöttische Stimme. Läßt Busse verunglücken und steckt Messer in bekannte Münchner Architekten ... Deine kleine arme ungelenke Wut. Sie stand auf und öffnete das Fenster. Die Luft roch nach Fluß und Pollenflug. Es würde warm werden. Sie nahm die Tasche, fuhr mit der Hand über den Kaschmirmantel, der an der Garderobe hing, und ließ die Zimmertür hinter sich zufallen. Noch nicht einmal die Ehefrau hat dich ernst genommen. Noch nicht einmal als Rivalin warst du etwas wert. Da muß man schon dunkles Haar haben und dunkle Augen und eine Künstlerin sein. In Regen. Janine telefonierte, als sie nach unten kam. Susanne gelang es, zwischen zwei Telefonanrufen die Rechnung zu bezahlen und ging hinaus. Auf der Hauptstraße kam sie an einem Schuhgeschäft vorbei. Blieb stehen. Ging zurück. Die Schuhverkäuferin war entsetzt, als sie die Stiefel bei ihr zurücklassen wollte. Trotz einer soliden Schlammschicht konnte man noch erkennen, was die einmal gekostet hatten. Aber Susanne ließ sich nicht umstimmen und ging auf Turnschuhen die Straße hinunter zum Bahnhof. Die Sonne schien. Forsythiensträucher protzten gelb. Vor dem italienischen Restaurant saß man beim Espresso draußen. Der Kellner war blond und wirkte wenig italienisch. Die Dunkle saß an einem Tisch am Ende der Reihe, hatte eine Sonnenbrille auf und las ein Hochglanzmagazin. Als Susanne an ihr vorübergehen wollte, sah sie auf. Susanne zögerte für einen Moment. Die Dunkle nahm die Brille ab. Ihre Blicke trafen sich. Dann zwinkerte die Frau ihr zu.
Erschienen in: Angela Eßer (Hrsg.), Tatort Bayern, München 2005 © Anne Chaplet 2005
|