Tod eines Weinkritikers
 

So möge ihn der Tod ereilen, hatte er oft behauptet. So - auf dem Höhepunkt leidenschaftlichen Genusses. So sterben.
In einem tiefen, feuchten Keller, gut fünf Meter unter der Erdoberfläche? Das war nicht jedermanns Sache. August M. Panitz war da anderer Meinung: gerade hier. Nirgendwo sonst. Nur - hier.
Insofern hätte es der perfekte Tod werden können. Mit einer Einschränkung: „Zu früh!“, hätte August M. moniert. Nicht seiner eigenen kleinen Existenz wegen - das „M.“ in seinem Namen stand für „Modest“, den Bescheidenen. Es war die Welt, die ihn noch brauchte: viel zu viele Keller und Jahrgänge warteten seiner. Und noch viel zu wenige Winzer fürchteten sein Urteil.
Rücksichten aber pflegt das Schicksal selten bis nie zu nehmen.

Auf dem Schädel des massigen Mannes spiegelt sich das Licht der vielen bunten Glühbirnen, die wie eine Girlande unter der gewölbten Kellerdecke hängen. August M. Panitz hat die Nase in das hohe Glas mit der tiefroten Flüssigkeit versenkt. Ein satter Seufzer erfüllt den Gewölbekeller, prallt von der aus roten Klinkern gemauerten Decke ab, fängt sich am Halbstückfaß, auf das Panitz sich stützt, fliegt eine endlos scheinende Reihe von Fässern entlang zu einer Nische an der Schmalseite des Gewölbes, in der in einem vielarmigen Leuchter weiße Kerzen flackern und fällt schließlich erschöpft auf den feuchten Kellerboden. Der Mann hat die Nase aus dem Glas gehoben, hält es ans Licht der Kerze, die in einem Hügel aus Wachs auf dem Faß steckt, läßt den Inhalt kreisen. Setzt dann das Glas an, mit geschlossenen Augen, nimmt den ersten Schluck und schickt dem Seufzer ein lautes Schlürfen hinterher.
Er steht am dritten Faß rechts in der langen Reihe von Fässern aus dunklem, aschefarbenen Holz; die Fässer links an der Gewölbewand haben eine hellere, noch goldene Tö-nung. Nebenan, im Nachbargewölbe, in das man über die Fässer hinweg hineinschauen kann, stehen weitere Reihen von Holzfässern.
Er läßt den Schluck Wein in der Mundhöhle von einer Seite auf die andere wandern, kaut, schmatzt mit gespitzten Lippen und richtet beseligt die Augen nach oben, bevor er die Flüssigkeit die Kehle hinunterrinnen läßt. Dann schmatzt er noch einmal und federt auf den Zehenspitzen nach, bevor er das Glas wieder ansetzt.
Seine Hand faßt in die Außentasche des Sakkos und kommt wieder heraus mit einem handlichen silbernen Gegenstand. Panitz legt den Kopf in den Nacken und schaut zur Decke. Dann hält er sich den silbernen Gegenstand vor den Mund und sagt mit andächtiger Stimme „Spätburgunder Goldkapsel 1997. Faßprobe bei Müller-Dernau im November“. Er läßt den Rest des Weines im Glas kreisen, das er zwischen Daumen und Zeigefinger am Fuß festhält, hebt es wieder in Augenhöhe und murmelt: „Farbe: sattrubin. Geruch:“ - er macht eine Pause - „Röstaromen, Haselnuß“ - er steckt seine Nase ein weiteres Mal ins Glas - „Schokolade, Waldbeeren.“
Irgendwie erinnert ihn das an Susanne. Susi. An die junge Blonde mit den schönen Rundungen an der richtigen Stelle. Naja - an den Waden hätte es ruhig ein bißchen weniger sein dürfen. Sie stand plötzlich neben ihm, bei der Geburtstagsparty von Walter Prior, der zur Feier des Tages ein paar verstaubte Flaschen aus seinem Keller geholt hatte. Ein hübsches Mädchen in dieser Szene war eher selten. Und plötzlich hatte er die Welt durch ihre Augen gesehen – all die Weinnasen, manch eine auch schon ziemlich angestaubt, die sich um den mit einem weißen Tuch bedeckten Tisch drängten, auf dem die Raritäten präsentiert wurden, und ihre Nasen in die Gläser hielten: Wichtig blickende Männer blähen ihre Nüstern, pumpen die Backen auf, spitzen die Münder, nicken oder schütteln die Köpfe, schlürfen, mampfen und spucken. Eine ekstatisch quakende Horde von Ochsenfröschen.
Am liebsten hätte er ihr die Augen zugehalten, sie beiseitegeführt und ihr alles erklärt: Warum diese Männer den Wein berochen, durchkauten, schlürften und dann wieder ausspuckten - weil das Riechen an erster Stelle kommt beim Weingenuß, der Ge-schmack im Mund an zweiter. Und die Kehle keine Rolle spielt. Das, liebe Susi, ist das ABC des Weintrinkens, hätte er gesagt: Nur die Nase kann den Duft des Weines, die Vielzahl von Aromen wirklich erfassen! Und nur in der Mundhöhle können Süße oder Säure, Perlenbildung, Temperatur, Dichte, Geschmeidigkeit und vor allem, beim Rotwein, Tanninhaltigkeit festgestellt werden. Tannine riecht man nicht, verstehen Sie, liebes Kind; es sind die Geschmacksknospen im Mund, die uns einen Wein als hart, bitter, ledrig oder holzig empfinden lassen. Und das ist der Grund – auch wenn es nicht schön aussieht! –, warum der Kenner grimassiert und kaut und den einen Schluck hin und her wendet. Der Wein soll mit all den vielen Geschmacksknospen, die da drinnen auf ihn warten, in Berührung kommen! Verstehen Sie? hätte er gesagt und ihr die Hand auf den Arm gelegt. In Windeseile analysiert der Mund, ob der Tanningehalt eines Weines ihm eine schöne, lange Zukunft der Haltbarkeit verheißt oder sich nur jenen Holzspänen im Edelstahltank verdankt, die Winzer hineinschütten, die sich den Weinausbau im Holzfaß nicht leisten, auf die Geschmacks- und Tanninbeigabe der Holzgärung aber nicht verzichten wollen... Diese Verbrecher!
August M. Panitz nimmt einen tiefen Schluck aus dem Glas und schüttelt das Haupt. Als ob sie geahnt hätte, was in seinem Kopf vor sich ging, hatte Susanne ihn plötzlich von der Seite angelächelt und geflüstert: „Was ist eine große Lage? Ich kenne nur Lüttje Lage!“ Er hatte so laut gelacht, daß sich die ganze pittoreske Schar stirnrunzelnd zu ihm umwandte.
Ach, Susanne.
Panitz fühlt eine prickelnde, perlende Euphorie in sich aufsteigen. Man muß die jungen Menschen mitnehmen in die Welt des Weines – in die große Welt der großen Kreszen-zen. Denn das, was er gerade, jetzt eben, im Keller des ordentlichsten Winzers weit und breit im Glas kreisen läßt, verheißt, wenn ihn nicht alles täuscht - und wann täuschte er sich schon mal? - eine blendende Zukunft. Es gibt ihn noch, den guten, ehrlichen Wein und nicht nur Panscher und Verbrecher! Er nimmt, ganz gegen seine Gewohnheit, einen weiteren Schluck.
Dunkel ist es geworden im Keller.
Wo bleibt Müller-Dernau?
Der Gedanke verfliegt.
Denn wo ist man wohler aufgehoben als in einem Weinkeller? Panitz fühlt, wie sein Kopf ein bißchen leicht wird und seine Knie ein bißchen weich. Er geht in die Hocke und läßt den restlichen Wein in seinem Glas kreisen und schwappen.
Der jahrhundertalte Gewölbekeller, in dem des Winzers Weine lagern, ist aus roten Klinkern gemauert und mit einer dicken Kiesschicht auf dem Boden versehen. Er hat die perfekte Temperatur und Luftfeuchtigkeit, seine Wände sind bedeckt von Cladosporium cellare, dem Kellerpilz, einem Bewuchs, der, wie nur die Laien nicht wissen, Kelleratmosphäre und -feuchtigkeit natürlich reguliert. Wunder der Natur, die eine so häß-liche Kreatur so nützlich sein läßt!
Und nebenan befinden sich Müller-Dernaus beste Weißweine mitten im Gärprozeß... Panitz legt den Kopf in den Nacken und räkelt sich ans Weinfaß hinter ihm. Es gibt kein schöneres Geräusch als das Glucksen, Rülpsen und Stöhnen, das entsteht, wenn die Gärgase aus den aufs Faß gesteckten Gärspunden und Gärspiralen entweichen. Er lächelt. Er ist umgeben von den besten Weinen bei der Arbeit. Gibt es einen schöneren Ort als einen Weinkeller?
„Hefen verwandeln Zucker in Alkohol.“ Er hatte die Gelegenheit schließlich genutzt, Susanne ein paar der wesentlichen Dinge mitzugeben. Auch dort oben in Bersenbrück sollte wenigstens einer wissen, was Wein ist – und daß er sich, trotz Alkoholgehalts, von Bier mit Korn unterscheidet. Brrrr.
„Diese Gärprozesse setzen Kohlendioxid frei, das aus den Gärspunden oder Gärröhren in die Luft entweicht. Kohlendioxid verdrängt Sauerstoff, weshalb jeder vernünftige Keller gut belüftet wird - mit Ventilatoren, wenn der Keller tief liegt.“ Erst kürzlich war ein Winzersgehilfe bei Reinigungsarbeiten in einem der großen Weintanks erstickt. Kohlendioxid war schwerer als Luft und konzentrierte sich unten, am Boden.
Susanne hatte genickt. Sie muß, denkt Panitz, ein Naturtalent sein.
Der Mann mit der Glatze geht langsam, den Rücken noch immer ans Faß geschmiegt, in die Knie, in der Hand ein halbgefülltes Glas. Trinkt. Und trinkt. Und schließlich sitzt er vor dem Faß auf dem Hosenboden. In etwas, das wie eine Pfütze aussieht. Wie eine dunkelrote Pfütze. Wieder hat er das kleine silberne Ding in der Linken, diesmal lallt er hinein: „Susi“. Und noch einmal: „Susi“.
Panitz träumt offenen Auges von Susanne und ihrem Pfirsichduft. Und davon, daß seine Nase und seine Zunge sie am liebsten wie eine Rarität aus dem Weinkabinett des Harry Rodenstock gerochen, geschmeckt, analysiert – verkostet hätten... Der Gedanke daran läßt ihn schwindeln.
Es ist leise geworden im Keller des Müller-Dernau. Und, irgendwie, dunkler. Oder ist sein Blick getrübt? Der Mann hat ein leeres Glas in den Fingern, die, wie immer, das Glas an seinem Boden, nicht am Stiel halten.
Es ist still geworden im Keller des Müller-Dernau. Nur in den Fässern rumort es - friedlich-schmatzenden Rülpsen. Unwiderstehlich schließen sich seine Augen.
„Susi.“
Panitz träumt in das leere Glas hinein, das noch Erinnerungen an Düfte von Haselnuß, Schokolade und Waldbeeren verströmt und wundert sich in einer fernen Ecke seines Resthirns gerade eben noch, warum das Ventilatorengeräusch nicht mehr zu hören ist. Warum Müller-Dernau nicht zurückkommt. Und warum ihm so schwer und süß zumute ist, so müde und lüstern...
Warum ist es so dunkel? Warum gehen die Kerzen aus? Warum...?
Ein gewaltiger Stoß von Adrenalin überflutet den Körper des Mannes und versucht ihn in Bewegung zu bringen. Gärprozesse setzen Kohlendioxid frei. Kohlendioxid verzehrt Sauerstoff. Fehlender Sauerstoff macht erst euphorisch und dann tot.
Du mußt hier raus, denkt Panitz. Sofort.
Er versucht sich hochzurappeln vom kalten glitschigen Kellerboden, klammert sich an das leere Rotweinglas, als ob er sich daran festhalten könne. Fluchend und mit berstendem Kopf, schwankend und rutschend arbeitet er sich zur Kellertreppe vor und stöhnt auf: wie da hochkommen? Na wie schon, sagt eine Stimme. Auf den Knien. In Demut.
Auf den Knien also kriecht er, hoch zur Tür; mit letzten Kräften richtet er sich auf, zieht die Klinke herunter, stemmt sich gegen das kalte Metall. Nichts. Die Kellertür ist zu, verschlossen. Der Mann klopft. Der Mann ruft, mit schwacher Stimme. Der Mann kauert sich hin, läßt den Kopf auf die Brust sinken und versucht einen letzten Gedanken.
„Susi.“

Müller-Dernau behauptete später, August M. Panitz habe noch etwas gemurmelt, das wie „großartiger Jahrgang“ klang, als er ihn fand, an der Schwelle zum Tod, nachdem er die Tür zum Keller geöffnet hatte.
„Wie konnte das passieren? Jemand hatte abgeschlossen. Und die Ventilatoren – sie waren ausgeschaltet!“
Die Winzer am Tresen der „Traube“ schüttelten den Kopf über soviel Mißgeschick.
„Er ging einem ja manchmal auf die Nerven mit seinem Reinheitsgebot“, sagte Diehl schließlich und schmeckte dem Pils nach, das er in der Hand hielt.
„Und mit dem dauernden Gerede von all den Weinpanschern und Verbrechern...“ Hager schaute der Rauchfahne seiner Zigarette hinterher.
„Aber trotzdem“, antworteten Prior und Hunzler im Chor.

Der Weinkritiker Bigbott hielt die Trauerrede am Grab. „Es gab nur eines, an das August M. Panitz unbedingt glaubte: Guter Wein. Er würde es für eine Ironie des Schicksals gehalten haben, wenn er gewußt hätte, daß ausgerechnet der Entstehungsprozeß dieses göttlichen Geschenks ihm den Tod bringen würde.“

In: Angela Eßer (Hrsg.), Weinleichen. Von mörderischen Winzern und tödlichen Kel-lermeistern, Frankfurt am Main 2003

© Anne Chaplet 2002