Ruf nicht an.
 

Als das Rauschen in ihrem Kopf abzuebben begann, hörte sie das Ticken der Uhr.
Sie hob den Kopf. Das Telefon. Mechanisch durchquerte sie den Flur zum Wohnzim-mer.
Das Telefon lag auf dem Tisch neben dem Sofa. Dort, wo es immer gelegen hatte. Es schien, als ob sich nichts verändert hätte seit damals. Sie blieb in der Tür stehen.
Ruf an, dachte sie. Du mußt telefonieren. Sofort. Es kommt auf jede Sekunde an.
Sie merkte, daß sie unwillkürlich den Kopf schüttelte. Du darfst nicht anrufen, sagte etwas in ihr. Du hast gelernt, nicht anzurufen.
Benommen lehnte sie sich gegen den Türrahmen.
Es ist verboten, anzurufen. Ruf. Nicht. An.

*
Sie atmete tief ein. Und wieder aus. Sie hatte seit gestern früh den Impuls bekämpft, zu telefonieren. Seit gestern? Seit Monaten schon. Seit Monaten lebte sie mit dem Telefon, als ob es eine gefährliche Schlange sei, die man nicht aufstören dürfe. Und als es er-wacht war, gestern, zuhause... Sie sah das mattsilbern schimmernde Ding vor sich, das da lag und sich wand und einen Laut vor sich gab, der ihr Gänsehaut machte. Wie eine Kobra, die das Haupt aufgerichtet und zu zischen begonnen hatte.
Es war ihr ewig lang vorgekommen, bis sie hinübergegangen war zum Tisch, auf dem es vibrierte und schrillte, bis sie den richtigen Knopf gefunden und „Ja!“ hineingemur-melt hatte.
„Wo bleibst du denn?“ Ihre Mutter hatte ungeduldig geklungen. „Ich lasse es schon e-wig klingeln!“
„Ich...“ Ihr Mund, ihre Zunge fühlten sich ausgetrocknet und angeschwollen an.
„Was – ,ich’? Mein Gott, Kind, was ist eigentlich in letzter Zeit los mit dir?“
Ich wache nachts auf, mein Herz rast. Ich komme morgens nicht aus dem Bett. Ich gehe stundenlang durch die Wohnung und versuche, nicht zu denken. Ich stecke das Telefon in die Hosentasche und zähle und zähle, manchmal bin ich schon bei über zweihundert, bis ich es nicht mehr aushalte und es wieder herausnehme und die vertraute Ziffernfolge eingebe. Manchmal drücke ich sogar die grüne Taste. Und kurz bevor der Ruf durch-geht, drücke ich schnell auf die rote Taste. Ich warte. Ich lausche zur Haustür.
Ich lege das Telefon auf den Couchtisch und fliehe in den Garten.
„Nichts ist los, Mutti.“
Ihre Mutter erzählte und erzählte, von diesem und von jenem. Nach einer quälend lan-gen Zeit war das Gespräch zuende. Sie hatte das Telefon fallengelassen, war ins Schlaf-zimmer gelaufen, hatte sich aufs Bett geworfen und hemmungslos geschluchzt. Sie war krank. Sie wußte, daß sie krank war. Gestört. Verstört. Seit...
Zuerst hatte er noch selbst angerufen. „Ich komme später, Süße. Ich muß nach London.“ Nach Bukarest. Rom. Warschau. Zu Anfang hatte sie noch „Schade“ gesagt. „Ich dach-te, wir würden heute abend mal...“ Als sie spürte, daß ihn das ungeduldig machte, hatte sie heiter: „Und wann bist du zurück?“ gefragt. Und hatte später, als er auf „solche Fra-gen“ nicht mehr antwortete, gar nichts mehr gesagt. Irgendwann hörte er auf, überhaupt noch anzurufen. Das überließ er der Stahncke. „Ihr Gatte bittet mich, Ihnen auszurich-ten...“ Wenn die Stahncke es besonders gut meinte, fügte sie ein spitzes „Gnädige Frau“ hinzu.
Und eines Tages blieb er weg, ganz ohne Vorwarnung. Noch nicht einmal ein Anruf seiner Sekretärin hatte sie darauf vorbereitet. Zuerst hatte sie ihm Luftküsse auf die Mailbox seines Mobiltelefons gesandt, „Ich habe ein neues Nachthemd“ geflüstert und „Ich freue mich auf dich.“ Erst war sie ruhig, dann besorgt gewesen, schließlich hatte sie hysterisch geschluchzt am Telefon. Und zum Schluß hatte sie ihm Vorwürfe ge-macht, die bittersten – nachdem sie im Büro angerufen und eine sich erstaunt gebende Stahncke ihr mitgeteilt hatte, er sei auf einer mehrtägigen Geschäftsreise. „Hat er Ihnen das denn nicht gesagt?“ Als sie nachfragte, wo er sei, wie lange er bliebe, wie sie ihn er-reichen könne, wurde die Sekretärin wortkarg. „Ja, wenn Sie das nicht wissen, sollte ich vielleicht auch nicht...“
Irgendwann kam er zurück, sie war fast wahnsinnig geworden in der Zwischenzeit. Es war morgens, er trug eine ernste Miene zur Schau, sie war noch nicht angezogen, ver-weint, ungeschminkt. Er sagte nichts, legte die Reisetasche aufs Bett, lockerte die Kra-watte, zog die Schuhe aus und ging in sein Arbeitszimmer. Die hochgezogenen Augen-brauen und das erhobene Kinn bedeuteten ihr, sie möge folgen. Er saß am Schreibtisch, sie stand davor. Und dann stellte er die Mobilboxabfrage laut und sah ihr wie der Che-mieprofessor bei einer Versuchsanordnung zu, sah zu, wie sie hören mußte, zu was sie sich hatte hinreißen lassen.
Ihr war heiß gewesen, sie mußte einen knallroten Kopf gehabt haben. Er sah sie an, lan-ge. Endlich lächelte er. So, wie man ein ungezogenes Kind anlächelt, dem man verzeiht, obwohl es das eigentlich nicht verdient hat.
„Du bist meine Frau. Du hast kein Vertrauen.“
„Aber nein, das ist doch gar nicht wahr, es ist nur...“
Er schnitt ihr das Wort ab. „Du versuchst, mich zu kontrollieren. Du telefonierst mir hinterher. Du fragst meine Sekretärin aus.“ Jeder Satz klang wie die sachliche Verle-sung einer Anklageschrift. „Du bist eifersüchtig, Antonia.“
Nicht „Süße“. Nicht „Toni“.
„Krankhaft eifersüchtig. Du mußt das überwinden.“
Sie hatte genickt, den Tränen nah.
„Du wirst nicht mehr anrufen. Nicht auf meinem Mobiltelfon. Nicht in meinem Büro. Nicht, wenn ich auf Reisen bin. Niemals. Hörst du?“
Natürlich. Sie hatte wieder genickt. Niemals. Nie wieder.
Damals hatte die Qual begonnen. Die Qual, die hieß: Ruf. Mich. Nicht. An.
Erst war sie immer wieder schwach geworden. Hatte zugehört, wie er seinen Namen ungeduldig ins Mobiltelefon bellte, bevor sie die Verbindung unterbrach. Hatte die Stahncke „Hallo? Hallo??“ ins Telefon rufen lassen.
„Das muß aufhören, Antonia“, hatte er gesagt, eines abends, als sie das Spiel häufiger gespielt hatte als üblich. „Sonst...“
Du bist krank, hatte sie in seinen Augen gelesen. Krankhaft. Nicht normal. Verrückt. Reif für die Irrenanstalt.
Mit der Zeit wurde es besser. Sie hatte sogar wieder begonnen, spazierenzugehen oder Einkäufe zu machen, ohne das Mobiltelefon. Das hatte er abgemeldet. Noch trieb sie immer wieder der Gedanke zurück, er könne zuhause angerufen haben in ihrer Abwe-senheit. Oder – seine Sekretärin. Oder die Unfallstation des Krankenhauses, um zu mel-den, daß er schwerverletzt sei, aber durchkommen würde. Oder die Polizei. „Kommen Sie sofort an die Unfallstelle, er verlangt nach Ihnen.“
Irgendwann erlaubte sie sich auch diese Vorstellungen nicht mehr. Nur den Gedanken an Mutter. Sie war nicht mehr jung. Die Sorge um sie war eine gute Entschuldigung, um nach Hause zu eilen und den Anrufbeantworter abzuhören.
Heute hatte sie lange gebraucht, bis sie endlich soweit war und das Haus verlassen konnte. Alles schien sich ihr in den Weg zu stellen – die Küche, das unaufgeräumte Wohnzimmer, der Garten – , alles wollte sie daran hindern, außer Reichweite des Tele-fons zu gelangen. Er war wieder unterwegs. Wo? Sie wußte es nicht. Bis wann? „Das mußt du aushalten“, hatte er kühl gesagt, als sie ihn einmal fast angefleht hatte, er möge ihr wenigstens sagen, wie lange er wegbleiben würde.
Es kam ihr vor, als ob sie ziellos durch die Gegend gelaufen wäre, bis sie an der Stra-ßenecke stand, zwei Häuser entfernt von dem schmalen Mietshaus mit dem gelben Putz. Als sie heirateten und in die Villa im Grünen gezogen waren, hatte sie ihn nach der Wohnung gefragt. „Die brauchen wir doch jetzt nicht mehr“, hatte er gesagt und sie la-chend in seine Arme gezogen.
Sie zögerte. Wechselte auf die andere Straßenseite. Sah zum dritten Stock hoch, dort-hin, wo hinter den weißen Gardinen aus Florentiner Spitze, die sie selbst angebracht hatte, das Glück seinen festen Ort gefunden hatte. Erst ein oder zwei, dann mehrere Ma-le im Monat.
Die Gardinen hingen noch immer dort. Sie zögerte. Dann ging sie über die Straße zum Haus. An der Klingel stand kein Name. So wie damals. Sie wollte sich umdrehen und gehen, als sich die Haustür öffnete.
Die junge Frau sah sie flüchtig an, so, wie man in ihrem Alter andere, vor allem ältere Frauen zu taxieren pflegte und hielt ihr dann die Tür auf. Das Urteil lautete offenbar: zu alt. Keine Konkurrenz mehr. Antonia senkte den Kopf und trat ins Treppenhaus. Ihre Füße fanden den Weg von ganz allein.
Dann stand sie vor der Tür, einer hell gestrichenen, schlichten Tür zum Paradies, wie er es genannt hatte. Zu einem Liebesnest, von dem seine Frau nichts wußte, die, mit der er damals noch verheiratet war.
Wieder zögerte sie. Dann berührte ihr Finger den Klingelknopf.
Es dauerte nicht lange, bis die Tür sich öffnete. Er trug einen roten Frotteebademantel, kaute an einem Schinkenbrot und hatte den Wirtschaftsteil der Zeitung in der anderen Hand. „Hast du was vergessen, Süße?“ Dann schaute er auf.
Er mußt sie noch erkannt haben, bevor er einen Schritt zurückmachte, stolperte, nach Luft schnappte, nach hinten kippte.

*
Sie seufzte und drehte sich um. Sie blickte hinunter, dort, wo er noch immer lag, auf dem Boden; im Flur der Wohnung, in der er seine Geliebte empfing. Aber das war nicht mehr sie.
Du mußt anrufen, sagte es in ihr. Ruhig. Ganz ohne Drängen und ohne Nachdruck. Sie lauschte auf seine Atemzüge. Er schien immer tiefer Luft zu holen, während er da lag, mit geschlossenen Augen. Speichelfäden hingen aus seinem Mund, tropften auf den Teppichboden. Dann setzte der Atem aus. Sie hielt die Luft an. Er atmete wieder ein, tief, fast röchelnd.
Ruf an.
Sie lauschte in sich hinein.
Ruf nicht an.
Er atmete aus.
Ruf nie mehr an.
Sie hörte nicht mehr, ob er wieder einatmete. Sie blickte nicht zurück, als sie die Tür hinter sich zuzog.

Erschienen in: Stadtansichten, Nr. 9, Januar 2004
© Anne Chaplet 2003