Ach, Walter
 

Als sie zum dritten Mal vorbeilief, blieben die grünschillernden Fliegen sitzen, die sich zuvor noch mit ärgerlichem Schnarren erhoben hatten. Sie versuchte nicht, sie zu zählen. Sie konzentrierte sich auf den graugeschotterten Pfad, auf die Pfützen, denen man aus-weichen mußte, die tote Kröte am Wegesrand, den abgebrochenen Zweig mit der späten Rose. Jetzt passierte sie die Bank an der Weggabelung im Schatten eines Baumes. Neben ihr ein überquellender Abfallkorb, darunter plattgetretene Getränkekartons, Zigaretten-schachteln, eine Bierflasche. Sie sah nicht weg. Sie sah auch nicht auf. Sie zählte die Schritte, bis sie wieder an der Hinterlassenschaft des Köters vorbeikam. Der Haufen sah nach mittel- bis groß aus: Schäferhund, Labrador, Golden Retriever.
Erst als der Tropfen auf ihre Stirn fiel, schaute sie auf, reflexhaft. Ihr Blick verlor sich in dem strahlendem Laub der Rotbuche. Sie blieb stehen und lauschte ihren Atemzügen. Sie war schneller ihre Runden durch den Park gelaufen, als sie wollte. Wer nicht sehen will, muß fühlen.
Damals war Frühjahr gewesen, nicht Herbst, wie jetzt. Damals joggte man nicht. War das Wort überhaupt schon erfunden? Sie erinnerte sich an einen „Trimm-Dich-Pfad“, ganz neu errichtet, dessen Zweck sie nie begriffen hatte. Hatte sie sich überhaupt fortbewegt, in diesem lang vergangenen Jahr? Oder war sie nur durch den Park geschwebt wie eine Somnambule? Gelähmt von Trauer und Schönheit und der Schönheit ihrer Trauer?
Sie hatte jeden Baum gekannt, war vor jedem Strauch stehengeblieben, hatte an jeder Blüte gerochen. Sie sah sich um nach dem unscheinbaren Busch, den man passierte, wenn man den Huthpark betrat. Im Frühling hatten seine niederhängenden Zweige duf-tende weiße ungefüllte Blüten getragen. Jasmin. Falscher Jasmin, korrigierte sie sich. Philadelphus coronarius Belle Etoile. Zu deutsch: gemeiner Pfeifenstrauch.
Sie erinnerte sich nicht mehr an den Schmerz. Nur an die blühenden Sträucher, den Duft, die Farben. Sie setzte ihre Schritte vorsichtiger, während sie nach den Zeichen Ausschau hielt. Das Leuchten der Rotbuche, das Lichterspiel der Septembersonne auf der noch blühenden Wiese rührte sie wider Willen mit seiner aufdringlichen Schönheit. Nie wieder jung sein, dachte sie.
Und dann stand sie vor der Eiche. Es mußte der gleiche Baum sein, er schien nicht ge-wachsen zu sein in den letzten dreißig Jahren – wachsen alte Bäume überhaupt noch? Oder leben sie nur einfach weiter vor sich hin, ähnlich uninteressant für die Evolution – und deshalb unbehelligt von ihr – wie Frauen im Großmutteralter?
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte sich hoch. Der Ast schien sich in der glei-chen Höhe wie damals ins Dunkel abseits des Weges zu strecken. Sie griff nach ihrem Schal und zog ihn aus dem Mantelausschnitt. Das eine Ende wickelte sie um ihr Handge-lenk, das andere rollte sie zusammen. Schon der erste Versuch gelang. Der Schal hing wie eine leuchtend rote Baumschlange über dem Ast. Und jetzt? Den Schal zusammen-knoten? Eine Schlinge knüpfen? Und dann? Sie schaute sich suchend um. Der Mann starrte sie an, den Mund halb offen, sein Hund hatte sich hinter ihn gehockt, in unmiß-verständlicher Haltung.
Sie drohte mit dem erhobenen Zeigefinger. Der Mann zog, Verwünschungen murmelnd, an der Leine des Hundes, der unbedingt noch beschnüffeln wollte, was er hinterlassen hatte. Ihr war die Hitze ins Gesicht gestiegen, während sie versuchte, den Schal herun-terzuziehen, der sich irgendwo am Ast verhakt hatte. Noch nicht einmal zum Selbstmord hatte es gereicht. So konnte man sich gar nicht erhängen, auch nicht als magersüchtige Kunststudentin.
Dabei hatte sie sich jahrelang eingeredet, daß damals nur der Zufall ihr Leben gerettet hätte. Zufällig war ein Trupp schwarzgekleideter lärmender alter Weiber des Weges ge-kommen. Lärmend? Naja – lachend jedenfalls und unaufhörlich schwätzend. Sie zogen wie vom Rattenfänger gelockt hinunter zum Ende des Parks, zwei winkten ihr zu und ei-ne rief „Hier spielt die Musik.“ Sie war gefolgt, wie ein braves Kind. In ihrer Erinnerung war das der Tag, an dem der Liebeskummer vorbei und sie erwachsen geworden war.
Henriette drehte sich um und folgte der Spur der alten Weiber. Auf der Bank neben dem Müll saß jetzt ein junges Pärchen, das sich zu streiten schien. „Hier spielt die Musik“, flüsterte Henriette und zwinkerte ihnen zu. Dem alten Herrn, der kopfschüttelnd den fri-schen Hundehaufen betrachtete, schenkte sie ein verschwörerisches Lächeln. Danach wa-ckelte er noch heftiger mit dem Kopf.
Die Kastanienbäume im Hof der „Sonne“, in den sie wie in einen heimatlichen Hafen ein-fuhr, hatten kaum noch Blätter, aber die Abendsonne erreichte keinen der Tische mehr. Trotzdem saßen sie hier und lachten und tranken und schwatzten. Alte Weiber. Schwarz trug keine.
Henriette setzte sich an einen langen Tisch, lächelte ihrer Nachbarin zu, tätschelte deren Dackel und bestellte das, was sie ihrer Erinnerung nach auch damals bestellt hatte. Einen Handkäs mit und einen Sechserbembel. Nicht schlecht für das anämische Wesen, das sie einmal gewesen sein mußte. Henriette schaute an sich herab. Auch damit war es schon lange vorbei.
Und dann fiel ihr der Name wieder ein, an den sie seit Jahren nicht mehr gedacht hatte. Walter. Er hatte Walter geheißen.
Ach, Walter.

In: Ruth Fühner (Hrsg.), Hinter Frankfurt das Meer. Literarische Entdeckungen im Grüngürtel, Frankfurt am Main 2005
© Anne Chaplet 2004