Minutenlang tanzten Schneeflocken durch das gebündelte Licht, das auf Bulle und Bär gerichtet war, so, als ob die Menschen, die bei Schinken-Becker anstanden oder am Weinausschank ihren Schoppen tranken, daran erinnert werden müßten, daß bald Weihnachten war. Karen Stark hatte nichts dagegen, daß der freitägliche Wochenmarkt vor der Frankfurter Börse von Festmusik und Kerzenlicht absah. Dann mußte sie nicht an die vor ihr liegenden endlos langen Feiertage denken. Sie hob die Nase aus dem Glühweinglas und blinzelte zu Carstens hinüber. „Und? Froh, daß die Woche vorüber ist?“ Der Gerichtsmediziner hielt sein Glas zwischen beiden Händen und blies hinein. „Ein Wochenende ohne Leichen ist schon was Schönes.“ Sie hatten es sich angewöhnt, in unregelmäßigen Abständen auf dem Schillermarkt ein Glas miteinander zu trinken. Carstens war bei Gericht ein Sachverständiger, auf den eine Staatsanwältin sich verlassen konnte. Aber vor allem war er ein netter Kerl. Er sah unendlich müde aus. Karen blickte hinüber zur Börse. Auf den Stufen saßen fünf Jugendliche, die bunte Strickschals um den Hals trugen. Fußballfans. War heute irgend ein Spiel? Sie sah Bewegung hinter den beiden Wachmännern am Eingang. Ein junger Mann mit zerrauften Haaren und wehendem Schlips drängte sich an ihnen vorbei ins Freie. „Ein Arzt!“ Seine Stimme überschlug sich fast. „Ist hier ein Arzt?“ Carstens lächelte schwach und stellte das noch volle Glas zurück auf den Tisch. Er schien einen Moment zu warten. Dann seufzte er. „Ich komme mit“, sagte Karen. „Vielleicht brauchst du mich.“ Carstens neigte den Kopf. Der junge Mann, der auf die wartete, fuhr sich nervös durch die blonden Haare. „Hier entlang“, sagte er. Sie folgten ihm den Gang hinunter. Die Tür zur Herrentoilette stand weit offen. Die paar jungen Männer und Frauen, die davor standen, waren blaß und sagten nicht viel. „Würden Sie bitte“, sagte Carstens leise und hob fast entschuldigend die Hand. Die Gruppe wich zurück. Der Mann saß vor der hintersten der fünf Kabinen auf dem Boden, über dem Kopf eine Plastiktüte, die um den Hals fest verschlossen war. Mit Klebeband, vermutete Karen. Irgend jemand hatte versucht, sie dem Mann vom Kopf zu ziehen und dabei ein Loch hineingerissen. Carstens war mit ein paar Schritten bei dem Reglosen und untersuchte ihn. Nach einer Weile stand er auf und schüttelte leicht den Kopf. Karen ging ihm voran. Die Polizei würde gleich da sein. „Wer hat ihn gefunden?“ „Ich.“ Der junge Mann klang noch immer atemlos. „Ist er...“ „Kennt einer den Mann?“ Eine Frau mit scharfen Zügen und im dunklen Kostüm sagte: „Veit Westermann. Börsenzeitung. Früher festangestellt. Heute freier Mitarbeiter.“ Das klang wie ein Nachruf zu Lebzeiten. Karen Stark holte ihren Notizblock aus der Handtasche. „Und Sie sind...?“ fragte sie und starrte die Frau an. Höchstens 30. Viel zu dünn. Und unter Hochspannung. „Veit hat nicht viel Glück gehabt in der letzten Zeit.“ Der junge Blonde war plötzlich leise geworden. „Da ist er nicht der einzige“, hörte Karen jemanden murmeln und ein anderer zischte: „Veit hatte keine blasse Ahnung. Riskante Deals soll man den Profis überlassen.“ Niemand schien einen Zweifel an Todesursache und Motiv des Journalisten zu haben. „Ahhhh, die sehr verehrte Vertreterin der Anklagebehörde.“ Kriminalhauptkommissar Boehncke grinste dünn und schob sich an Karen vorbei. Ihre Gläser standen unangerührt auf dem Tisch, als sie zum Weinstand zurückkamen. „Heiß isser ja nicht mehr“, sagte die Frau mit dem langen grauen Haarzopf. „Aber ich dachte, Sie kommen schon irgendwann wieder.“
* „Ein unangenehmer Tod.“ Carstens schob den kalten Glühwein von sich. „Fremdeinwirkung?“ Er schüttelte den Kopf. „Sieht nicht aus, als ob er sich gewehrt hätte.“ Karen atmete auf. Die Akte würde auf ihrem Schreibtisch landen, da sie neuerdings, dank des Vaterschaftsurlaubs des lieben Kollegen Flachkamp, in der Abteilung IV der Frankfurter Staatsanwaltschaft auch noch die allgemeinen Strafsachen unter Ta-Te und W zu betreuen hatte. Aber Selbstmord ging schnell. „Andererseits...“ Carstens zündete sich eine Zigarette an. Karen guckte ihm fasziniert auf die langen weißen Finger. „Wieso bringt sich ein Diabetiker auf eine so bestialische Art um, wenn er es viel leichter haben könnte?“ „Diabetiker?“ „Er hatte Insulin und Spritze dabei.“ Karen starrte ihn an. „Eine Überdosis befördert einen erst ins Koma und dann in den Himmel.“ „Ich weiß.“ Sie wickelte sich geistesabwesend eine Haarsträhne um den Zeigefinger. Carstens holte die nächste Runde.
* „Tod durch Ersticken“. Das vorläufige Gutachten im Sektionsbefund war eindeutig. Auch die polizeiliche Ermittlung hatte nichts ergeben, was gegen Selbstmord sprach. Und die Motivlage schien klar: Aussichtslosigkeit. Der Mann lebte in einer Einzimmerwohnung im Gallusviertel und schien sich von Luft zu ernähren. Früher galt er als junges Talent, später als entbehrlich: Veit Westermann, 28, ledig. Man wußte noch nicht einmal, ob irgend jemand um ihn trauerte. Immerhin gab es einen Freund. Karen Stark stutzte, als sie Alter und Beruf des Freundes las. 68. Pensionierter Gymnasiallehrer für Sport und Musik. Hobby: Bodybuilding. Auf dem Nachhauseweg machte sie einen Umweg. Es ging sie natürlich nichts an, dafür war, wenn überhaupt, Boehncke zuständig, aber Westermanns Freund trainierte in der Muckibude von Frank Petersen, den sie seit ihrer Studienzeit kannte und bei dem sie mit Krafttraining begonnen hatte. Petersen hatte den modernsten Fitneßclub der Stadt, ideal gelegen, unweit der Börse, und ließ sich gern als „Muskelphilosoph“ bezeichnen. Ein paar Eingeweihte wußten, daß sich im Keller seines Sportpalastes auch ein nicht ganz so modern ausgerüsteter Raum befand, in den sich Büroangestellte und Börsianer selten hineintrauten.
* Petersen umarmte sie, bis sie leise protestierte. Dann hielt er sie auf Armeslänge von sich weg. „Ein neues Fitneßprogramm? Ein paar Kilo Fett in Muskelmasse umwandeln? Noch schöner werden?“ Er knetete liebevoll ihren Bizeps. Karen schüttelte den Kopf. „Manfred Leyendecker“, sagte sie. „Manni?“ Petersen hob die Augenbrauen, als ob er „Was hat der denn wieder angestellt?“ sagen wollte. Dann winkte er mit dem Kinn zum Notausgang, der ins Treppenhaus führte. Sie stieg hinunter und öffnete die schwere Metalltür. Der Raum roch nach Schulturnhalle. Mit liebevoller Rührung betrachtete Karen die Folterinstrumente aus der Pionierzeit des Bodybuilding. Viel war nicht los, aber sie war nicht allein. Sie hörte tiefes Atmen und das leise Klirren, das entsteht, wenn eine der Scheiben auf der Hantel sich bewegt. Sie ging ein paar Schritte hinein in den Raum. Ganz hinten lag ein Mann in langen blauen Hosen und weitem T-Shirt auf der Bank und stemmte in gleichmäßigem Rhythmus ein Gewicht, das ihr gewaltig erschien. Er trug eine makellose Glatze. Und er war nicht mehr der Jüngste. Als er endlich die Hantel mit kaum hörbarem Klicken auf den Ständer zurücklegte, stand ihr der Schweiß auf der Stirn. „Manfred Leyendecker?“ Der Alte setzte sich auf. Seine blauen Augen ließen keine Gefühlsregung erkennen. „Ihr Freund Veit Westermann ist tot.“ Leyendecker sagte noch immer nichts. „Sieht nach Selbstmord aus.“ Der Mann hob die Augenbrauen. „Hat er nicht auch Ihr Geld verspekuliert?“ Der Alte sah sie lange an, schüttelte den Kopf, legte sich wieder auf die Bank und streckte die Arme nach der Hantel aus. Dann sagte er: „Mir macht das nichts. Ich brauch nichts mehr.“ Karen Stark hörte ihn atmen, während er das Gewicht hochstemmte und wieder senkte. Hoch. Und runter.
* Carstens hatte in der ersten Verhandlung des Tages zuungunsten des jugendlichen Deliquenten ausgesagt. Karen hakte ihn unter, während sie den Gerichtsflur entlang gingen. „Würdest du es einfach hinnehmen, wenn ein junger Kerl dein ganzes Geld an der Börse plattmacht?“ Carstens lachte. „Welches Geld?“ „Der ordentlich verbeamtete Gymnasiallehrer Manfred Leyendecker hat Veit Westermann eine offenbar beträchtliche Summe anvertraut. Obwohl er angeblich kein Geld braucht.“ „Eines ist sicher: die Beamtenpension“, zitierte Carstens. Karen kniff ihn in den Arm. „Hör zu. Leyendeckers Tochter ist gestorben, im Alter von 32 Jahren. Leberversagen. Leyendecker hat offenbar seit Jahren alles getan, um sie zu retten. Er war sogar auf der Suche nach einer Spenderleber. Das kostet.“ „Und deshalb hat er Westermann...“ „Genau. Aber der hat alles verzockt.“ Karen Stark blieb stehen, als die Protokollführerin vorbeischwebte, die in ihrem schwarzen Talar und der blonden Mähne wie ein Engel aussah. „Nur – warum bringt sich der Kerl erst jetzt um? Warum nicht gleich nach dem großen Kladderadatsch?“ „Warum überhaupt?“ Carstens guckte spöttisch. „Und warum nicht mit einer Überdosis Insulin?“ „Karen.“ Sie fühlte, daß er ihr nicht folgen mochte. „Veit Westermann hat sich gegen seinen Tod nicht gewehrt.“ Sie schüttelte den Kopf. Sie traute ihrem Gefühl. „Leyendeckers Tochter ist am Tag vor dem angeblichen Selbstmord von Westermann gestorben. Sie hat eine Tochter.“ „Hm“, machte Carstens. „Das ist schlimm. Aber was willst du tun?“ „Ich besuche Freund Petersen.“ Sie guckte auf die Armbanduhr. „Um diese Zeit trainiert unser bärenstarker Musiklehrer. Wie jeden Tag.“
* Leyendecker blickte über die Stange, an der er Klimmzüge machte, auf Karen herunter. „Westermann sollte Ihnen Geld besorgen für Ihre Tochter, stimmt’s?“ „Sie ist tot.“ „War Ihr Freund Westermann ein Betrüger? War er ein Spieler? Hat er zuviel riskiert?“ Der Alte stieg herunter vom Podest, setzte sich auf einen Hocker und wischte sich mit dem Handtuch über die Glatze. Karen wartete. „Er war dumm“, sagte der Mann plötzlich mit schneidender Stimme. Und dann, leiser: „Dumm und gierig. Das sind die Schlimmsten.“
* „Er ist schnell gestorben.“ Carstens hob das Glas mit dem Glühwein und prostete ihr zu. Mit wem er wohl Weihnachen feiert? Karen fürchtete sich vor der leeren Zeit, die passenderweise „zwischen den Jahren“ hieß. „Leyendecker hat das Gewicht fallen lassen. Die Stange hat ihm Kehlkopf und Luftröhre zerquetscht.“ „Was wird jetzt aus dem kleinen Mädchen?“ Aus irgendeinem Grund wurde ihr die Kehle eng. „Ein ehemaliger Beamter ist gegen jedes Risikio versichert.“ Carstens schien völlig unbekümmert. „Bei Selbstmord?“ Sie funkelte ihn an. „Wieso Selbstmord? In meinem Gutachten steht nichts davon.“ Carstens sah sie über den Rand des Glühweinglases an. „Er hat sich übernommen. Ein Mann in seinem Alter! Ein kleiner Schwächeanfall – das Herz schon leicht vergrößert – und...“ Carstens fuhr sich mit der Handkante über die Kehle. Karen stutzte. Und dann wäre sie ihm am liebsten um den Hals gefallen. „Du Weihnachtsmann“, sagte sie schließlich. Carstens grinste. „Was machst du eigentlich am Abend der Abende?“ Es war, fand sie, genau die richtige Frage.
Weihnachtskrimi, erschienen in der Financial Times Deutschland am 20. Dezember 2002 © Anne Chaplet 2002
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