Alles ist intensiver, wenn es langsam geschieht. Die Ellenbogen langsam heben. Die Beine langsam zusammenpressen. Das Gewicht mit den Armen herunterziehen. Ganz langsam. Noch langsamer. Draußen über dem Hof hinter dem Trainingsstudio ein blauer Himmel, vorn auf der Straße brüllt jemand. Vielleicht ein Betrunkener. Oder ein Junkie auf Entzug. Dann Stille.
Langsam. Den Muskeln beim Singen zuhören. Spüren, wie die Gelenke aufatmen und die Sehnen geschmeidig reagieren, wenn sie gedehnt werden.
Vorne setzt jemand ein Gewicht ab, viel zu heftig, viel zu geräuschvoll.
Ausatmen. Wieder einatmen. Das Zugband bewegt den Excenter. Vier Barren zu je zehn amerikanischen Pfund gleiten im Gewichtsstock hoch und wieder herunter. Jetzt das Gewicht halten. Weiter atmen. Langsamer werden. Aufhören. Absetzen. Aufstehen.
Eine weißgestrichene Fabriketage in der Niddastraße, nahe beim Frankfurter Bahnhof. Ein Maschinenpark. Schwarze Polster, graues Kunstleder. Lackiertes Metall. Schwarze Gurte. Schwarze Gewichtsbarren. Keine Aerobicmusik. Keine keuchenden Menschen auf dem Laufband, keine strampelnden Radfahrer vor dem Bildschirm, die Kopfhörer auf äußerste Kraft gestellt. Manchmal stöhnt einer, was sich nicht gehört. Manchmal läßt einer das Gewicht herunterknallen, was nicht nötig wäre.
Die Drehtür schiebt einen Schwall warmer Luft und erregter Männerstimmen von draußen nach drinnen. Hier drinnen ist es kühl, trotz geöffneter Fenster. Auch der Streit da draußen findet nicht herein. Das Trainingsstudio ist ein Meditationssaal.
Mit geschlossenen Augen den Rücken nach hinten stemmen, dem Gewicht entgegen. Halten. Langsam wieder nach vorne beugen. Irgendwann beginnen die Muskeln zu zittern, wird der Atem gepreßter. Eine letzte Bewegung – eine geht noch. Gerade eben. Absetzen. Aufatmen.
Schnelle Bewegungen beim Krafttraining sind gefährlich. Sind unnötig. Sind unproduktiv. Es sind die Angeber, die die Gewichte hochreißen und geräuschvoll wieder fallenlassen. Die mit grimmig verzerrtem Gesicht stöhnen. Sich den Schweiß von der Stirn schütteln. Mit schweren Schritten zur nächsten Maschine gehen.
Dabei macht Krafttraining leicht, jedenfalls fühlt es sich so an, wenn die Muskeln so tun, als ob sie keine Mühe mit dem restlichen Körper hätten. Hinüber zur C 1. Langsam die Arme vom Gewicht hinter den Kopf ziehen lassen. Dann die Oberarme nach vorne drücken, nach unten, nach hinten. Die Bandscheiben atmen auf. Der Brustkorb dehnt sich. Zurück. Noch einmal. Und noch einmal.
Die Muskeln arbeiten, bis sie erschöpft sind, eine Lektion, die sie sich merken werden: sie wachsen in den Tagen danach. Aus Trotz. Langsam. Nur langsam wächst die Kraft.
Und während die Muskeln an die Grenzen ihres Vermögens gehen, befreit sich der Kopf von allem Überflüssigen. Der Gedankenmüll wird abgefahren. Das Chaos aufgeräumt. Leere breitet sich aus wie eine Leinwand, die bemalt werden will. Gedanken lassen sich anlocken, angezogen vom leeren Raum, der ihnen erlaubt, sich zu entfalten, auszubreiten, zu wuchern. Daß starke Muskeln mit schwacher Geisteskraft korrelieren, ist so originell wie ein Blondinenwitz.
Draußen drückt jemand ungeduldig auf die Hupe. Das Geräusch tritt durch die Fenster in den Raum, dreht sich um die eigene Achse und versickert.
Hier drinnen wird das Licht opak. Die Bewegungen frieren ein. Der Film hält an, stolpert weiter, bricht ab. Ein paar Sekunden Entrücktheit, bevor die Welt sich wieder dreht. Es riecht nach Reinigungsspray. Die Gewichte klirren leise. Ein Telefon gibt laut.
Auf dem Weg zur Umkleidekabine geht es sich leicht. Jemand duscht. Eine Schranktür fällt zu. Abtrocknen, anziehen, Lippenstift nachlegen. Hinausgehen.
Alle Muskeln sind durchglüht, durchgelüftet, durchgearbeitet, die Sehnen und Gelenke geschmeidig, der Atem ruhig. Gehen und federn. Über den Bahnhofsvorplatz. Die Taunusstraße hinunter. Vorbei am Asienladen, aus dem es duftet nach Zitronengras und Cumin. Am Jürgen-Ponto-Platz treiben Windwirbel eine Zeitung über die Fläche und wischen den letzten Schweißfilm vom Gesicht.
Der Himmel ist noch immer blau. Die Sonne ist höher gestiegen. Ein Pulk von Angestellten in dunklen Anzügen hastet über die Taunusanlage. Vor dem Frankfurter Hof sitzen Kaffeetrinker in der Sonne.
Der eigene Rhythmus treibt voran, durch die Phalanx der anderen; nicht langsamer, aber ungehetzt. Es geht sich leichter mit solcher Schnellkraft, es ist, als ob die anderen stehenblieben, die sich in Pulks über die Zeil verteilen. Vorwärtsfluten. Vorbeifließen. Vorne sein.
Alles ist intensiver, wenn es langsam geschieht. Die Liebe, zum Beispiel. Aber das ist eine andere Geschichte.
Erschienen in: Martin Maria Schwarz, Ulrich Sonnenschein (Hrsg.), Hessen Langsam - Orte gedehnter Zeit, Frankfurt 2006
© Anne Chaplet 2006
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