Der gute Nachbar
Ein kulinarischer Krimi
 
Theo konnte einfach keine Kreatur leiden sehen.
Auch nicht Sigrun, die hatte er schon beschützt, als sie noch gemeinsam in die Grundschule gingen. Aber seine alte Freundin schüttelte den Kopf und wollte gar nicht mehr damit aufhören. Theo sah sie bekümmert an, während er den Ring Fleischwurst in Wachspapier wickelte und auf die Waage legte.       
„Er war zwar krank – aber ich dachte...“ Sigrun schniefte.
Theo hätte fast mitgeschnieft. Er gab Artikel- und Verkäufernummer ein, nahm die Fleischwurst von der Waage und legte sie daneben auf die Theke.
„Ein paar Jahre hätte ich uns noch gegeben.“
Theo neigte den Kopf und legte die schwere Stirn unter den kurzen dunklen Locken in Falten. „Aber nun leidet er wenigstens nicht mehr“, sagte er mit leiser Stimme.
„Woher weißt du das?“
Theo hätte sich auf die Zunge beißen können. Warum bloß konnte er seinen Mund nicht halten.
„Vielleicht liegt er irgendwo, einsam, hilflos, und wartet auf mich!“
Theo wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Und wenn er ein neues Zuhause gefunden hat?“
„Niemals“, sagte Sigrun unter Tränen, aber mit fester Stimme. „Vom Schinken. Dem mit Rosmarin. Sechs Scheiben, dünn geschnitten.“ Theo legte den prächtigen Rosmarinschinken auf den Schlitten der alten Graef, schaltete die Schneidemaschine ein und ließ die marzipanfarbenen Scheiben behutsam auf das Cellophanpapier gleiten. Sein Rosmarinschinken war berühmt. Ein Spezialrezept, das er einem längeren Aufenthalt in Südfrankreich verdankte. Das war auch schon wieder Jahre her. Man müßte mal wieder Urlaub machen, dachte er, legte die Lage Schinken auf die Waage und tippte ein.
Dann sah er auf. „Darf ich dir noch etwas Gutes tun, Sigrun?“ Essen lenkt ab, glaubte Theo. Essen ist Liebe. Und bei Theo konnte man Liebe kaufen, deshalb kamen sie alle zu ihm, die Nachbarn, seit Jahren. Keiner ging zum Supermarkt zwei Dörfer weiter.
„Ach, Theo.“
Wie schön sie aussieht, so verheult. Theo lächelte sie liebevoll an.
„Eigentlich ist mir ist der Appetit vergangen. Ich mag schon seit Tagen nichts mehr.“ Sigrun legte sich die Hand auf den Leib.
„Aber du mußt doch was essen.“ Er hielt den Kopf schräg und musterte sie. Sie war viel zu dünn.
„Er hat jeden Abend auf meinem Schoß gesessen. Jeden Abend. Immer, wenn der Fernseher eingeschaltet war und ich es mir gemütlich gemacht habe in meinem Sessel. Er sprang hoch, drehte sich ein paarmal und ließ sich fallen. Und dann habe ich ihn gestreichelt, bis die Sendung vorbei war.“
Jetzt liefen ihr die Tränen die Wangen hinunter. Theo reichte ihr eine Papierserviette über die Theke. „Mein armes Häschen“, sagte er und richtete den Blick auf einen imaginären Punkt über ihrem Scheitel. „Ich weiß, was du fühlst.“
Sigrun schneuzte sich. „Ich wußte, du würdest mich verstehen. Nicht so wie Bernd.“
Theo machte beruhigende Laute.
„Ich soll doch froh sein, hat Bernd gesagt, jetzt hätten wir einen Freßsack weniger und könnten mal wieder in den Urlaub fahren, ohne wen suchen zu müssen, der das fette Vieh füttert.“
So etwas Kaltherziges, dachte Theo und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Er kommt nicht wieder“, flüsterte Sigrun. „Ich fühle das. Er ist tot. Mein kleines Mäxchen.“
Klein konnte man Sigruns Kater gewiß nicht nennen. Im Gegenteil: er war so fett, daß er sich kaum noch bewegen konnte. Das Tier litt, ganz offenkundig – unter soviel Liebe. Unter zuviel Liebe. Theo furchte die Stirn, damit sie ihm nicht ansah, was er dachte.
„Ein Pärchen Landjäger“, sagte Sigrun mit belegter Stimme. „Und Bernd möchte von deinem Leberkäs’.“
„Aber gerne“, sagte Theo, wog ab und tippte ein. „Darf’s sonst noch was sein?“
Sigrun schüttelte den Kopf und lächelte ihn aus tränenverhangenen Augen an.
Theo druckte den Bon aus. „Das macht 14 Euro 80“, sagte er. „Ich leg dir noch was bei.“ Er packte ihr ein Stück von seiner Spezialität ein. Ahle rote Wurst. Die Stracke. „Damit du mir nicht völlig vom Fleisch fällst.“
Sigrun verabschiedete sich schneller, als höflich war, wohl, weil Annamaria in den Laden gekommen war. Die beiden Frauen mochten sich nicht, er verstand nicht ganz warum, er fand, seine Kunden sollten sich vertragen, schließlich hatten sie alle etwas gemeinsam: ihn.
Aber man hatte ein langes Gedächtnis hier in Wildenhain. Sigrun hatte Annamaria wahrscheinlich nie verziehen, daß ihr Dackel das dicke Mäxchen gejagt hatte, damals, als der gute alte Nickel noch jagen konnte. Aber mittlerweile war auch Nickel ein ältlicher Kläffer mit Hüftschaden geworden, den die halbwüchsigen Bengels auf ihren Motorrollern „Kampfwurst“ riefen, wenn er nicht schnell genug über die Straße kam.
„Gibt’s was neues von Nickel?“ fragte Theo, als Sigrun gegangen war. Annamaria stand vor der Fleischtheke und schien sich nicht zwischen Rippchen und Solber entscheiden zu können. Sie schüttelte gedankenverloren den Kopf. Annamaria hat den Abschied von ihrem Hund verarbeitet, registrierte Theo befriedigt. Es war ja auch schon einige Wochen her, seit das Tier nicht mehr nach Hause gekommen war.
Zum Trost hatten ihr die Kinder einen Spitz geschenkt, ein dünnes kleines Fellbündel, das sie in der Einkaufstasche bei sich zu tragen pflegte, nur nicht zum Metzger, aus Gründen, die man nachvollziehen konnte.
„Was ist denn mit Sigrun los?“ fragte Annamaria, nicht wirklich interessiert.
Theo hob und senkte die Schultern, während er zwei Pfund Hackfleisch halb und halb abwog. „Mäxchen ist weggelaufen.“
„Der fette Kater? Kann der denn überhaupt noch laufen?“ Annamarias Mitleidlosigkeit gefiel Theo nicht.
„Offenbar weit genug.“ Theo schnitt italienische Salami auf. Annamarias alter Dackel hatte es schließlich auch geschafft, dem häuslichen Paradies zu entkommen. In eine hoffentlich bessere und schönere Hundewelt.
„Ahle Wurst?“ Er hielt ihr einen Stengel seiner hausgemachten Spezialität entgegen.
Annamaria zog die Stirn kraus. „Das vorletzte Mal war sie besonders gut. Aber das letzte Mal ...“
Theo lächelte anerkennend. Annamaria hat eine feine Zunge. „Diesmal ist sie ganz ausgezeichnet geworden. Probieren?“
„Ach, pack schon ein.“ Annamaria suchte in ihrem Portemonnaie, offenbar vergeblich. „Schreibst du’s noch mal an?“
„Natürlich“, sagte Theo und fügte in seiner Kladde den Betrag von heute dem von vor drei Tagen hinzu. Bei Annamaria herrschte diesmal schon zwei Wochen vor Ultimo Ebbe in der Kasse. Aber solange es Theo gab, den guten Nachbarn... Theo lächelte in sich hinein und rundete den Betrag ab, zu ihren Gunsten.
Danach wurde es ruhiger. Mit Pit und Marcus, die sich ihr Mittagessen bei ihm holten – für jeden Leberkäse, zwischen die Hälften eines Brötchens gepackt, dazu eine Dose Bier – hielt er noch ein nettes Schwätzchen, bevor er den Laden zumachte. Samstags immer schon um 13 Uhr. Verlängerte Ladenöffnungszeiten hatte er schließlich die ganze Woche über, es kam immer irgendwer abends noch angedackelt, weil sich der Appetit bei vielen erst in letzter Sekunde zu melden schien. Oder weil man ein bißchen spät auf die Idee gekommen war, daß das Wetter nach einem gemütlichen Grillabend schrie. Nun, irgendwann war auch bei ihm Schluß. Jetzt. Er hatte schließlich noch was anderes zu tun.
Beim Gedanken daran durchströmte ihn Wärme. Was vor ihm lag, war ein Akt der Liebe. Für sein Dorf. Für die Menschen. Für eine bessere Welt.
 
An der Spüle unter dem Fenster des hell erleuchteten, weißgekachelten Raums wusch er sich die Hände, ein Ritual, das er nie versäumte. Dann begann er, die Messer zu schärfen, die auf dem Edelstahltisch bereit lagen. Das Fleischermesser. Das Ausbeinmesser. Die Knochensäge. Das Beil. Er legte Wetzstahl und Messer auf Kante und in der richtigen Reihenfolge wieder ab, sah nach den Abfallkisten unter dem Arbeitstisch und überprüfte, ob die Lochscheibe im Fleischwolf richtig saß. Dann vergewisserte er sich, daß der Kutter sauber war und legte die Gewürze und andere Zutaten zurecht. Endlich schaute er ins Kühlhaus, ob der Saitling auch reichte.
Natürlich. Es war alles so wie immer. Wie es sich gehörte. Aber auch das gehörte zum Ritual.
Und endlich schritt er zum ersten Teil der heiligen Handlung. Mein Akt der Liebe, dachte Theo und lächelte. Wieder öffnete er die Tür zum Kühlhaus. Da hingen sie, die kleinen Leichen. Ausgeblutet, abgezogen, abgehangen. Er griff sich den ersten Kadaver und trug ihn hinüber zum Edelstahltisch.
Seine Bewegungen waren routiniert, unzählige Stallhasen hatte er bereits auf ähnliche Weise präpariert. Erst trennte er mit zielgenauen Beilhieben Kopf und Pfoten ab. Dann schnitt er das Rückenfilet heraus und löste Keulen und Vorderläufe aus. Das Fleisch kam in die rechte Kiste unter dem Tisch, die Knorpel und Knochen und anderen Abfälle in die linke.
Der nächste Kadaver war schon etwas größer. Und zum Schluß verarbeitete er noch das Schweineviertel, das ganz hinten im Kühlhaus lag.
Und jetzt, dachte er befriedigt, der magischen Handlung zweiter Teil. Er trug die Kiste mit den Fleischstücken hinüber zum Fleischwolf und fütterte Stück für Stück hinein. Das Fleisch war zart und leistete kaum Widerstand. Sobald die Auffangschale des Fleischwolfs voll war, warf er das Hack in den blitzenden Rundtrog des Kutters. Als alles Fleisch im Kutter lag, fügte er eine Gewürzpaste aus Pfannensalz, Pfeffer, Kümmel, Muskatblüte und frischem Knoblauch hinzu sowie Salpeter zur Unterstützung der Reife.
Und nun - der magischen Handlung dritter Teil... Theo gönnte sich eine Pause und sah andächtig in den gefüllten Rundtrog. Die Zubereitung von Ahler Worscht unterschied sich von allem, was er in seiner Lehrzeit gelernt hatte. Eine Thüringer Bratwurst zum Beispiel benötigt Eis, damit sich das Brät beim Kuttern durch den Reibungswiderstand nicht erhitzt, dadurch wird es krümelig und ungenießbar. Einmal, ganz zu Anfang, in seiner Lehrzeit, hatte er das Eis vergessen. Das gab eine gewaltige Ohrfeige vom Meister. Theo lächelte in sich hinein. Bei einer anständigen Ahlen Wurst aber ist genau das erwünscht: sie soll bröckelig und mürbe im Biss sein. So wie seine.
Endlich setzte er den Kutter in Betrieb, nur kurz und ganz langsam, sodaß die Sichelklingen Fleisch und Gewürz miteinander vermählen konnten. Der Rundtrog kreiste, die Sichelklingen rotierten. Theos Spezialität, das, was Leib und Seele zusammenhielt, war auf dem Weg der Vollendung. Er pfiff die Anfangstakte aus dem Gefangenenchor von Nabucco. Nach einer Minute stellte er den Kutter ab. Er hob den Deckel, tauchte den Finger ins Brät und testete. Perfekt.
Er schickte ein paar fromme Gedanken zum Herrn über alle Kreaturen, hob den Trog aus der Maschine und füllte einen Teil der Masse in den Zylinder der Wurstpresse. Dann ging er in die Kühlkammer, holte die Schüssel mit dem Saitling und stülpte den Anfang des meterlangen Schafsdarms auf die Tülle der Wurstpresse. „Wie ein Kondom“, hatte der Meister damals gesagt und so seltsam gegrinst dabei. Heute grinste Theo auch. Er hatte einige Jahre gebraucht, bis er hinter das Geheimnis des Kondoms gekommen war.
Theo stellte sich vor die Wurstpresse in Position und preßte das rechte Knie gegen das Pedal, bis genug Brät in den Darm geschossen war. Er drehte jede zweite Wurst vorn und hinten ab, „wie ein Knallbonbon“. Ja, Meister. Gewiß, Meister.
Der alte Erwin war nicht dumm gewesen. Er hatte auch anderes auf Lager gehabt außer dummen Sprüchen. Wesentliches. Weises. Als Theo einmal fast in Tränen ausgebrochen wäre beim Anblick eines zarten, weißwolligen, blutbefleckten Lämmchens, hatte ihn der Meister beiseitegenommen und die Worte gesagt, die alles heilten. „Was man liebt, das ißt man“, hatte Meister Erwin gesagt. „Denn was nicht gegessen wird, stirbt aus.“
Seither verstand Theo, was seinen Beruf ausmachte. Er war das Feuer, das den Savannenboden wieder fruchtbar machte. Ohne ihn verarmte, ja versickerte das Leben. Er brachte die Menschen zusammen mit dem, was sie liebten. Damit das Leben weitergehen konnte.
Theo atmete tief durch. Dies waren die Momente, die ihn glücklich machten.
Nach 64 Stück war Schluß. Jetzt kam des Rituals vorläufig letzter Akt. Er hängte die Würste paarweise über die Stangen des fahrbaren Wurstregals und rollte sie durch den Gang zum Hof und von dort in die alte Scheune.
Dank der mit Lehm verputzten Gefache des Fachwerkbaus waren hier Luftfeuchtigkeit und Temperatur optimal für einen langen, wunderbaren Reifeprozeß. Er stellte das Wurstregal neben den Ständer mit der Vormonatsernte. Die Würste aus der vorvorletzten Produktion hatten nach zehn Wochen bereits die charakteristische rote Färbung angenommen und sahen richtig dünn aus im Vergleich zu den frischen Würsten. Mindestens 40 % Gewichtverlust kalkulierte er ein. Er griff das Regal mit den zuendegereiften Würsten und zog es über den Hof zur Räucherkammer.
Das war ein weiteres Ritual, das er liebte: Er füllte Räuchergold in die Schublade der Räucherkammer, fügte einen brennenden Grillanzünder hinzu und wartete, bis die Flamme erloschen war und das Sägemehl aus Buchenholz zu glimmen begann. Dann hängte er die Würste in die Kammer, stellte die Rauchklappe ein und schloß die Tür zum Räucherofen. Er verharrte eine Weile vor der Räucherkammer und schickte seinem Werk gute Gedanken hinterher.
Müde von der Arbeit war er jetzt und glücklich, wie immer danach. Verträumt säuberte er Kutter und Fleischwolf sowie Edelstahltisch und –spüle, wusch sich die Arme bis zu den Ellbogen und machte die Tür zu dem weißgekachelten Raum sorgfältig hinter sich zu. Alles war gut.
 
Nun nimm schon, dachte Theo und fühlte, wie sein Lächeln langsam einfror, während er dem blonden Bengel ein Stück Fleischwurst hinhielt. Der Knabe runzelte die Stirn, musterte das Stück Wurst, biß sich auf die Unterlippe, schaute dann auf und schüttelte trotzig den Kopf. Sag das doch gleich, dachte Theo, lächelte und lächelte und zog die Hand zurück. Das Stück Wurst wanderte in den Abfallbehälter unter der Theke. Schade drum.
Die Begleiterin des Jungen hatte den Blondschopf mißbilligend angesehen und sah abbittend zu Theo auf. Der lächelte verzeihend. Er mochte keine Kinder, die sich nicht benehmen konnten. Aber er wußte, was er der alten Thieme schuldig war, die jedes Jahr eine Vielzahl hungriger kleiner Feriengäste zu versorgen hatte. Das war gut fürs Geschäft, auch für seines.
„Wenn er meiner wäre...“ Die alte Thieme machte eine bezeichnende Handbewegung.
Den Hals umdrehen? dachte Theo. „Aber aber!“ sagte er.
Die Thieme seufzte. „Gegen so einen Dickkopf kommt man nicht an. Der Junge ißt schon seit zwei Monaten kein Fleisch mehr. Seit er ein Haustier hat.“
„Was hast du denn für ein Schmusetier, mein Kleiner?“ fragte Theo freundlich, während er der Thieme zwölf Schweinekoteletts einwickelte.
„Rosi ist eine Ratte“, sagte der Bursche finster. „Kein Schmusetier. Und ich bin nicht Ihr Kleiner.“
Eine Ratte. Theo hätte sich fast vertippt, als er der Thieme den Bon ausdrucken wollte.
 
Am nächsten Tag sah Theo den Jungen mit einer Horde anderer halbwüchsiger Feriengäste am Bach spielen. Er winkte der Gruppe leutselig zu. Der blonde Bengel starrte. Dann drehten sich drei andere Kinder um und starrten ebenfalls. Theo lachte, winkte noch einmal und ging. Nach ein paar Schritten drehte er sich um. Die Kinder starrten noch immer. Aus irgendeinem Grund waren ihm ihre Blicke unheimlich.
Aber vielleicht lag das auch nur daran, daß seine rechte Hand schmerzte. Vorgestern abend hatte ihm ein Cockerspaniel in den Finger gebissen, den er vor dem „Wilddieb“ gefunden hatte, das Tier wirkte herrenlos, weshalb Theo sich angeschickt hatte, den Hund mitzunehmen. Er war niemand, der wegguckte, wenn es ein Problem gab. Als Dank dafür hatte ihn das liebe Hundchen gebissen – das Tier war ganz und gar nicht so phlegmatisch gewesen, wie es aussah. Und nun pochte die heiße, rotgeschwollene Wunde.
In dieser Nacht schlief er schlecht. Erst als er 30 Tropfen von dem Schmerzmittel geschluckt hatte, das seiner Frau das Sterben erleichtert hatte, dämmerte er ein.
Fast hätte er am nächsten Tag verschlafen. Wahrscheinlich wäre das besser gewesen.
 
Als er seinen Laden aufschloß, standen sie schon vor der Tür, Sigrun und Annamaria und die alte Frau Thieme. Ihm wurde warm. Es war ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden. Aber als er mit zuvorkommender Geste die Ladentür aufriß, fiel ihm der Blick auf, mit dem Sigrun ihn musterte. Ein Blick, der ihm wie eine eisige Faust in die Magengrube fuhr.
„Ich würde gerne mal in dein Kühlhaus schauen“, sagte sie mit fester Stimme. Sie sah ihm in die Augen, während sie das sagte. So hatte sie ihn noch nie angesehen. So – feindselig. Verächtlich. Voller Ekel.
„Aber – warum? Da hängen nur tote Schweinehälften“, sagte Theo, verunsichert. Er hatte doch aufgeräumt? In Gedanken spielte er den vergangenen Samstag durch. Er war sich sicher: alles war an seinem Platz. Die Knochen wollte er zwar erst morgen begraben. Aber da lag keine Gefahr. Keiner hier in Wildenhain konnte das Skelett eines Stallhasen von, sagen wir mal: dem einer Katze unterscheiden.
Doch als er sah, was Annamaria in der Hand hielt, wußte er, das alles verloren war. Sie würden nicht verstehen. Sie würden die Liebe nicht verstehen, mit der er vorgegangen war. Die Behutsamkeit. Die Zärtlichkeit. Und die guten Gedanken dabei.
Annamaria hielt ein rotes Lederband mit silberner Schnalle hoch. „Das haben sie bei dir gefunden, die Jungen!“
Die Jungen? Theo blickte hinter sich. Die Tür zum gekachelten Arbeitsraum war angelehnt. Das Fenster über dem Edelstahltisch stand offen. Der Topf mit der Petersilie, der auf dem Fenstersims gestanden hatte, lag zerbrochen auf dem frisch geputzten Tisch. Verdammt.
Theo versuchte, seine Gesichtszüge zu einem Lächeln zu entspannen. Er drehte sich um und deutete mit dem Kinn auf das Hundehalsband in Annamarias Hand. „Wie schön“, sagte er und strahlte sie an. „Ist Nickel wieder zurück?“
„Nein.“ Auch Frau Thieme lächelte nicht. „Das haben die Buben mit nach Hause gebracht. Sie haben es gefunden, sagen sie. Bei dir.“
„Bei mir?“ Theo tat bass erstaunt. Zugleich versuchte er sich vor Augen zu rufen, was er alles aufgehoben hatte von seinen – Extrazutaten für die „Ahle Wurst“. Die heiligen Reliquien seines Liebesrituals. Er hatte immer etwas behalten, zur Erinnerung. Nicht nur Nickels Halsband, sondern auch das Fell. Ihm wurde übel. Im Kühlhaus hing das auffällige weißsilberne Fell Mäxchens, Sigrun würde es unter allen Umständen wiedererkennen.
Ich kann alles erklären, Sigrun, glaub mir, dachte er. Ich habe nur sein Leiden verkürzt. Es geschah aus Liebe. Denn was man liebt...
Er spürte eine Bewegung hinter sich.
„Halt!“ Theos Stimme klang schrill in seinen Ohren. „Das ist nicht erlaubt!“ Aber Sigrun war an ihm vorbeigestapft, riß die Tür zum weißgekachelten Raum auf, ging hindurch und öffnete die Tür zum Kühlraum. Dann hörte er sie aufschreien.
 
„Er hat... Das glaube ich nicht!“
Sigrun nickte und tupfte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
„Und niemand hat was gemerkt?“
„Er hat mir letztens ein Stück einfach zugesteckt, ich hab’s sogar gegessen, und wenn ich daran denke...“ Sie schüttelte sich theatralisch.
„Aber – warum? Wie kommt ein Mann auf eine solche Idee?“
„Ich habe ihm nie getraut.“ Sigrun machte ein angeekeltes Gesicht. „Schon als Schuljunge hat er mich verfolgt. Und immer so schmierig gelächelt dabei. Er war mir schon damals unheimlich.“
Das Geschehen hatte sich in Windeseile herumgesprochen. Ganz Wildenhain stand Kopf. Die meisten hatten Theo vertraut, er war beliebt, ein begnadeter Metzger, ein guter Nachbar. Wie konnte ein Mann wie er einen solchen Vertrauensbruch begehen? Ein Tabu brechen, eines der stärksten, die es in der heutigen Gesellschaft gab? Alle fragten sich nur eines:
Warum?
 
Theo wußte die Antwort. Aber niemand wollte sie hören. Und so saß er, das Hundehalsband von Annamarias Nickel um die Handgelenke, im Kühlraum und hoffte, daß die Tür aufginge und ihm verziehen würde. Natürlich hätte er sich befreien können, das steife rote Lederband lockerte sich bereits. Aber wie sollte er sich jemals wieder blicken lassen dort draußen bei all den Menschen, die nicht verstanden?
Die Liebe zur geschundenen Kreatur bewegte ihn plötzlich so stark, daß ihm die Tränen kamen. Die Kälte spürte er schon längst nicht mehr und die Dunkelheit tröstete. Irgendwann wich sie einem milden Dämmerlicht, in dem sich Gestalten bewegten. Die eine sah aus wie Mäxchen, der ihn aus grünen Augen anfunkelte – Mäxchen, der geschnurrt hatte auf seinem Arm und auf dem Edelstahltisch, bevor er ihm die Kehle durchschnitt. „Du kommst auch in die Wurst“, sagte das Tier und verzog das Mäulchen zu einem Katzengrinsen. Seltsamerweise tröstete ihn dieser Gedanke.
Und dann schwebte eine andere Gestalt auf ihn zu. Es war Hannah, sie lächelte und winkte, auf ihrem Arm Felix, der Foxterrier. Mit ihm im Arm war sie eingeschlafen, an diesem letzten Abend, nachdem er ihr wie immer ihre Tropfen verabreicht hatte.
Er hat nach dir gewinselt und gejault, tagelang, wollte Theo sagen. Er hat so entsetzlich gelitten. Und du weißt doch – ich ertrag es nicht, wenn jemand leidet. Wenn etwas leidet. Ebensowenig, wie ich dein Leid ertragen konnte.
Hannah winkte und lächelte. Und dann verschwand sie hinter dem grauen Nebel, der sich über ihn senkte.
 
Erschienen in:Lothar Ruske (Hrsg.), Tatorte Hessen kulinarisch, Frankfurt am Main 2006
 
„Ahle Worscht“ ist eine nordhessische Spezialität, eine harte, nicht streichfähige rote Mettwurst aus Schweinehack, die es als „Runde“ (ein Ring) oder als „Stracke“ (gerade Wurst) gibt. Der Name „ahle“ (alte) Wurst soll sich daher kommen, daß es eher die alten (männlichen) Schweine waren, die in Nordhessen bei Hausschlachtungen in die Wurst kamen.
Die Rezepte sind unterschiedlich, meistens wird Salz, Pfeffer, Kümmel, Muskat und Knoblauch verwendet sowie Salpeter zur Unterstützung der Reifung. Wichtig ist ein langer Reifeprozeß von 10 Wochen (die Runde), 15 Wochen (die Stracke) oder gar 6 Monate (die dicke Eichsfelder). In dieser Zeit färbt sich die Wurst rot. Danach kann sie noch für ein, zwei Tage geräuchert werden.