Liebe und Tod in Hattingen
 

Der Geruch nach Eisen, wilder Kamille und Katzenpisse umarmte Marek wie ein feuchtes Handtuch. Das rostige Gitter ächzte unter seinen Schritten. Ein kühler Luftzug kroch von unten herauf und schob ihm die eisigen Finger unter das schweißnasse Hemd.

Der andere lief leichtfüßig vor ihm her, als ob er sich über ihn lustig machen wollte.
Marek stampfte vorwärts. Unwillkürlich paßte sich das Tempo seiner Schritte dem treibenden Bass an, der von der Disco in der Gebläsehalle herüberwehte. Sie liefen jetzt beide im gleichen Rhythmus, er und der andere. Er mußte schneller werden. Den Abstand zwischen ihnen verringern. Den anderen erreichen. Ihn zu Fall bringen. Er hörte sich keuchen, vor Wut und vor Anstrengung. Aber da vorne war es plötzlich still geworden. Er zögerte. Dann blieb er stehen und horchte angestrengt in die warme Nacht.
Sie hatten die Strecke zwischen der Gebläsehalle und dem Berghang fast überquert, nicht unten, über den Schotter, sondern oben, auf dem Inspektionsweg, der über die dicken Gasrohre führte, die sich wie Riesenschlangen in lichter Höhe durch das Gelände zogen. Der andere mußte vom Laufsteg hinuntergestiegen sein. Wohin? Man konnte sich hier nicht verstecken. Marek lächelte verächtlich. Nicht, wenn jemand wie er der Verfolger war. Er kannte jede Nische und jede Niete in der alten Industrieruine. Der Kerl hatte keine Chance.
Er blinzelte hinüber, dorthin, wo er den anderen vermutete. Nichts. Keine Bewegung, kein Geräusch, kein Schatten, Über der Ruinenlandschaft der Henrichshütte ragte der hellerleuchtete Hochofen und überstrahlte seine Umgebung. Marek starrte auf das Kunstwerk aus Eisen und Stahl, bis ihm die Augen tränten. Die Treppen und Gitter und Röhren fügten sich zu einer zerbrechlichen Skulptur, grün und blau angeleuchtet. Und bronzefarben schimmernd da, wo sie sich hochreckten zum Schornstein hin. Wie Zweige an einem gigantischen Christbaum schraubten sich Laufstege einer über dem anderen in die Höhe, gekrönt von einer Art Storchennest. Plötzlich glaubte er Eli dort oben stehen zu sehen, mit wehendem Haar, die Hand ausgestreckt, wie das Burgfräulein, das seinen Ritter zu sich bittet. Marek schüttelte benommen den Kopf und spürte seiner Wut nach. Statt dessen fühlte er Leere und vergebliche Zärtlichkeit.
Dann erlosch das Licht. Es mußte exakt eine Minute vor Mitternacht sein, die Beleuchtung der Henrichshütte schaltete sich immer zur gleichen Zeit aus. Die plötzliche Dunkelheit überrumpelte ihn. Er tappte vorwärts. Unwillkürlich streckte er die Hände aus, aber hier gab es keine haltende Reling. Er stolperte, traf mit der Spitze des rechten Fußes auf eine scharfe Kante, wäre fast gefallen, fing sich wieder, ging weiter, mit einem Mal unsicher. Der Gittersteg unter ihm atmete ein und wieder aus, er ächzte wie ein Mast im Sturm. Ich breche durch, dachte er, die verdammte Ruine bricht unter mir zusammen, der nächste Schritt führt ins Leere, fünf Meter bis zum Aufprall, mindestens.
Er atmete tief durch. Dachte an Eli. Dachte an seine Wut. Sah an seiner Stelle den anderen durch das rostige Gitter brechen. Fallen. Aufprallen. Vergaß seine Angst. Lief weiter.
Von der Gebläsehalle her hörte er Stimmen. Lachen. Rufe. Aus der dunklen Tiefe stieg ein neuer Geruch empor, ein Geruch nach nassem Mörtel, stehendem Wasser, Fäulnis. Und immer noch war nichts zu hören da vorne, keine Schritte, kein Atmen.
Marek blieb stehen und lauschte in die Nacht, bis ihm der Kopf zu zerplatzen drohte. Irgendetwas raschelte, dort, in der Schwärze vor ihm, am Hang. Er ließ vor seinem inneren Auge den vertrauten Grundriß des Hüttenwerks erstehen. Von der Übergabestation, in der Eli und er sich einmal geküßt hatten, nachdem sie vor einem Regenschauer hineingeflüchtet waren, führten Transportbänder Richtung Hochofen. Daneben und darunter lag der Möllergraben. Das war es, was er hier oben roch. Stehendes Wasser. In der Mitte des Grabens, das wußte er, gab es ein tiefes Loch. Wer dort hineinfiel... und die morsche Leiter nicht fand, die nach oben führte... Sein Haß machte einen Buckel und fauchte. In diesem Moment hörte er ihn wieder, den anderen.
Der Kerl schien den überdachten Gang betreten zu haben, der neben den Transportbändern zum Hochofen führte. Wie war er da hineingekommen? Normalerweise war die Tür abgeschlossen. Marek überflog seine innere Landkarte. Wenn er hinabstieg und zu ebener Erde Richtung Hochofen lief, konnte er den anderen abfangen. Er tastete sich vor zur Leiter, die hier irgendwo sein mußte. Endlich fand er die Stelle, wo es hinunter ging vom brüchigen Weg über die Gasrohre. Wieder horchte er in die Nacht. Der andere entfernte sich mit zunehmend sicheren Schritten.
Marek stieg die schmale Eisenleiter hinunter, die sich unter seinem Gewicht zu biegen schien, und lief am Möllergraben entlang. Das Wasser unten im Graben, in dem früher die Einsatzstoffe für den Hochofen zusammengemischt wurden, schillerte im Licht des Halbmondes, der zwischen zwei Wolkenbetten auf dem Rücken lag. Marek dachte an Eli, an ihr Haar im Schein des Mondes, an die silbernen Lichter in ihren Augen, an ihre Lippen, ihre Fingerspitzen.
Aber er wollte nicht an Eli denken. Nur an seinen Haß. Nur an den Wunsch, den anderen zu erreichen, zu fassen, zu versenken. Ihn untergehen zu sehen in der sumpfigen Kloake, ihn betteln und schreien und sterben zu hören.
Er lief schneller, auf den Hochofen zu. Hörte seinen pfeifenden Atem. Hörte die Schritte des anderen, die neben und über ihm auf den rostigen Planken knirschten. Hörte das Blut durch die Adern rauschen. Spürte, wie die Luft vor ihm milchig wurde, gerade so wie ein Frühlingshimmel beim ersten Morgenlicht. Und plötzlich hatte er das Zischen des Dampfes und das Prasseln des Feuers im Ohr und das Geräusch, wenn Eisen auf Eisen trifft. Hörte Männer brüllen, roch Rauch und Teer, sah Loren die steilen Förderbänder zum Hochofen emporächzen und oben ihre Last in den glühenden Schlund schütten. Spürte die Hitze.
Er schüttelte die Bilder ab, die ihm seine Phantasie zuspielten. Er war keine drei Jahre alt gewesen, als der Hochofen ausgeblasen wurde. Er kannte nur die Ruine der Henrichshütte in wechselnden Formen des Zerfalls, erst war sie der Abenteuerspielplatz seiner Clique gewesen, dann stand sie, ihrer Geheimnisse weitgehend beraubt, als Skulptur inmitten der Industriebrache, die sich heute „Park“ nannte.
Jetzt endlich sah er den anderen. Sah ihn die Stege und Leitern hochsteigen, die den Hochofen umgaben wie die Gitter vor den Fenstern und Balkonen spanischer Häuser. Sah ihn langsamer werden mit jedem Schritt. Marek atmete tief ein. Er spürte, wie ihm neue Kräfte zuwuchsen, woher auch immer. Seine Beine pumpten voran, er stürmte die Leitern hoch, hörte die Schritte des anderen, seine hastigen Atemzüge. Schrie etwas, wußte nicht was, spürte die Wut emporsteigen wie rotglühendes Eisen, knisternd und fauchend.
 
*
Er hatte sich verspätet, aber sie würde ihm verzeihen. Marek strich sich die Haarsträhne hinters Ohr, die sich aus seinem Pferdeschwanz gelöst hatte, und betrat das Sommerdeck vor dem Café von Birschels Mühle. Sie trafen sich immer hier. Seit sie miteinander gingen. Seit gestern. Seit einer Ewigkeit. Seit einem verschneiten Apriltag vor zwei Monaten. Er lächelte, als er an ihre erste Begegnung dachte.
Er freute sich auf sie. Aber sie sah ihm nicht entgegen, heute. Sie saß mit dem Rücken zu ihm. Sie saß nicht an ihrem Tisch. Marek spürte sein Herz schmerzhaft schlagen. Sie saß an einem Tisch ganz am Rande des Decks, nahe der Stelle, an der die Ruhr ein paar Stromschnellen hinabrauschte. Sie warf ihre langen dunklen Haare mit Schwung in den Nacken, die sie bei der Arbeit in der Apotheke zu einem Knoten hochsteckte und nur für ihn offentrug... Er schluckte. Er sah sie lächeln. Sie lächelte einen anderen an.
Mit wenigen Schritten war er bei ihr, ließ sich auf den Stuhl neben sie gleiten, legte den Arm um ihre Schultern und küßte sie auf die Wange. Für einen Moment hatte er das Gefühl, sie wäre am liebsten zurückgewichen, aber sie nickte und sagte: „Das ist Marek.“ Der andere Mann hielt ihm die Hand hin.
„Lucius. Lucius van Cleef.“ Der Kerl war mindestens 30, aber er sah nicht schlecht aus. Höchstens ein bißchen feingemacht. Und er legte bestimmt Wert auf seinen tollen Namen. Marek fühlte sich plötzlich nicht richtig angezogen in seiner ausgebeulten Jeans. Er verzog den Mund zu einem schmalen Lächeln. „Hallo Lutz“, sagte er.
„Lucius.“ Eli hatte sich vorgebeugt und lächelte den anderen entschuldigend an. „Er heißt Lucius, Marek.“
Der andere musterte ihn. Marek starrte zurück. Man wußte, was man voneinander zu halten hatte.
Eli plapperte, als ob sie die Spannung am Tisch nicht mitgekriegt hätte. „Lucius renoviert die Villa. Und weißt du, wer dort wohnen wird?“
Die Villa. Hinter dem Mühlengebäude, vor dem sie saßen, und neben dem gigantischen Silo, zwei Prachtbauten aus roten und gelben Klinkern mit Zinnen und Türmchen, stand sie, die weiße Villa, leer, seit er sich erinnern konnte. Eli und er hatten davon geträumt, dort zu wohnen. Und sich geküßt in dem verwilderten Garten. Und waren nur deshalb nicht eingestiegen durch eines der Fenster, weil es daraus nach nassen Wänden und toten Ratten roch.
„Hörst du mir zu?“
„Klar“, sagte Marek und warf das Feuerzeug auf den Tisch, mit dem er gespielt hatte.
„Die Wallerts. Du weißt doch, denen das Kino gehört. Lucius macht den Innenausbau.“
Was man sich in so kurzer Zeit alles erzählen kann, dachte Marek und gab sich unbeeindruckt.
„Die Villa stammt aus dem Jahre 1817. Meine Auftraggeber nicht. Es gibt also viel zu tun.“ Lucius lächelte Eli an. Sie lächelte zurück. Marek hatte plötzlich dieses Gefühl in der Magengrube, das er immer spürte, wenn er glaubte, verloren zu haben, beim Fußball oder im Job. Oder bei Frauen. Nicht Eli, dachte er. Laß es nicht Eli sein.
„Es spukt in der Villa“, sagte er schließlich.
Lucius hob die feinen dunklen Augenbrauen.
„Eine Frau. Man hat sie erst nach Wochen gefunden. Zuletzt war sie in der Villa gesehen worden. Mit ihrem Freund.“
Lucius lächelte. Eli lächelte. Marek fühlte sich wie ein Kind, über das die Erwachsenen nachsichtig schmunzeln. Eli, dachte er. Ich bitte dich, Eli. Aber sie sah ihn nicht an.
„Na dann. Ich muß weiter.“ Marek stand auf, zu hastig, fast wäre der Stuhl umgekippt. Er klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Tisch, eine Geste, von der er wußte, daß Eli sie nicht mochte. „Proletarisch“, hatte sie das mal genannt. Prollig. Na klar, was sollte man denn anderes erwarten vom Sohn eines Hüttenarbeiters, dessen Vater seit dem Ausblasen des letzten Ofens der Henrichshütte arbeitslos war und der seinem Jüngsten den Vornamen des Großvaters gegeben hatte, der im 19. Jahrhundert aus Schlesien ins Ruhrgebiet gekommen war auf der Suche nach Arbeit?
Prollig, dachte Marek. Genau.
 
*
Eli rief erst am nächsten Tag an – morgens, vor der Arbeit. Marek tat gekränkt, obwohl sie sagte, daß es ihr leid täte. „Du warst zu spät und er hat mich angesprochen. Er kommt aus Unna und kennt sich hier nicht aus. Hat mich nach der Geschichte von Birschels Mühle gefragt. Und danach, wo man abends noch hingehen kann in Hattingen. Das war alles.“
„Und? Seid ihr verabredet?“
„Sei nicht blöd.“
„Also – dann bleibt es bei heute abend?“ Es gab Disco in der Gebläsehalle. Sie hatten schon letztes Wochenende beschlossen, hinzugehen – zum tanzen und knutschen und kuscheln. Und vielleicht würde sie danach wieder mitkommen, zu ihm, nach Hause, in sein Bett. Die Sehnsucht nach ihrer zarten Haut unter seinen Fingerspitzen machte ihm weiche Knie. Mit fliegenden Fingern bezog er das Bett mit frischer Wäsche. Eigentlich wäre das noch nicht nötig gewesen, schon nach zwei Wochen. Aber es würde ihr gefallen. Wenn sie es überhaupt bemerkt, dachte Marek und biß sich auf die Lippen. Dabei tat er es für sie. Nur für sie. Er würde alles für sie tun.
Der Tag zog sich hin. In der Zulassungsstelle war die Hölle los, am ersten richtigen Frühjahrswochenende schienen sich alle neue Autos gekauft zu haben. Die ganze Arbeit blieb an ihm hängen, weil Pitt sich krankgemeldet hatte. Wieder mal. Wie immer bei schönem Wetter. Der Simulant. Und dann rief Sven an, kurz vor Feierabend, ausgerechnet. „Du hast es versprochen!“ Svens Nörgelei ging ihm auf den Geist, aber er hatte ihm tatsächlich versprochen, ihm beim Flottmachen seiner alten Mühle zu helfen. Es war Mai, es war warm draußen, alle machten ihr Motorrad frisch um diese Zeit. Aber bei Svens Mühle war nichts mehr zu holen.
Er war ölverschmiert und müde, als er nach Hause kam. Natürlich merkte er erst, als er in der Dusche stand, daß kein Shampoo mehr in der Flasche war. Und natürlich schnitt er sich beim Rasieren. Natürlich fehlte an seinem besten Hemd der oberste Knopf. Und natürlich sprang seine alte Kiste nicht gleich an. Als er in der Gebläsehalle einlief, war er schweißgebadet. Und dann – keine Eli. Er fummelte sein Handy aus der Jeanstasche und wählte ihre Nummer. „Dieser Anschluß ist zur Zeit nicht erreichbar.“ Ihm stieg das Blut in den Kopf. Nicht Eli, dachte er und wollte nicht an das denken, was er am meisten fürchtete. Aber es half nichts, er sah sie vor sich, hingebungsvoll an einen anderen gelehnt, den Kopf zurückgelegt, die Augen geschlossen.
„Träum nicht!“ Lucca stellte sich ihm in den Weg, breitbeinig, ein gutmütiges Grinsen auf dem Gesicht.
„Eli gesehen?“
Lucca schüttelte stumm den Kopf, aber es kam Marek so vor, als ob der Kumpel verlegen wegzugucken versuchte. Er wandte sich ab. Er brauchte kein Mitleid. Und er würde sich auch nicht zu den anderen an die Bar stellen, zu Jens und Mike, die waren immer allein, soffen sich zu und starrten den Weibern hinterher, die sie nicht kriegen konnten. Marek nippte an seinem Bier und ließ sich durch die große Halle treiben.
Seit ein Teil der alten Gebläsehalle renoviert worden war, gab es hier alle Naselang Party. Ü-30-Parties, aber ihm war es egal, wenn die anderen älter waren als er. Die meisten kannte er sowieso. Er kannte so ziemlich alle Nasen in Hattingen, sogar die aus Sprockhövel. Das hatte mit dem Job zu tun. Zur Zulassungsstelle kamen sie alle.
Marek nickte und grüßte sich durch die Menge und suchte doch nur eine. Aber Eli ließ sich nicht blicken.
Als er Lucius sah, war es schon kurz nach elf. Es war, als ob seine unklare Wut endlich ein Ziel gefunden hätte. Marek bahnte sich einen Weg durch die schmusenden Pärchen, direkt auf den anderen zu, der zwar das richtige Alter hatte, aber viel zu elegant gekleidet war für die Disco und gelangweilt guckte.
„Hallo Lutz.“
Lucius hob die Augenbrauen.
„Eli hat dir wohl gesagt, wo hier was los ist?“
„Hier ist was los?“ Lucius tat, als ob er sich suchend umguckte.
„Wo ist sie?“ Mareks Wut auf den anderen steigerte sich, als er seine Stimme zittern hörte.
„Wer? Eli? Woher soll ich das wissen!“ Jetzt sah Lucius ihn an. „Aber wo wir hier gerade so nett zusammenstehen...“ Marek ließ sich von dem anderen am Ellenbogen nehmen und an den Rand der Tanzfläche bugsieren.
„Du hast da vorhin etwas erzählt.“
Marek sah ihn von der Seite an. Lucius wirkte plötzlich gar nicht mehr blasiert. „Was soll ich schon erzählt haben?“ antwortete er vorsichtig.
„An spukende Frauen in verfallenen Häusern glauben wir zwar alle nicht, aber...“ Lucius guckte fragend.
Marek fühlte sich plötzlich versöhnlich. Der Mann war allein gekommen, ohne Eli. Und die – hatte wahrscheinlich wieder vergessen, das Handy zu laden. Hatte Überstunden machen müssen. Wurde von ihrer Mutter nicht weggelassen. Er konnte sich plötzlich alle möglichen und meist entschuldbaren Gründe vorstellen, warum sie nicht gekommen war. Seine Eifersucht war unbegründet. Albern. Unwürdig.
„Natürlich nicht“, sagte er. „Aber wer die Geschichte von Birschels Mühle kennt...“
„Erzähl doch mal“, sagte Lucius, winkte dem Kellner und deutete auf Mareks leeres Glas.
„Wenn du Zeit hast für fast siebenhundert Jahre?“
Lucius drückte ihm das frische Bierglas in die Hand und nickte ihm aufmunternd zu.
Wußte Lucius von Eli, daß er für die Geschichte Hattingens die zweitbeste Adresse war? Die beste war sein Vater, der sich seine Zeit mit dem Studium der Geschichte Hattingens vertrieb. Marek war aufgewachsen mit all den Histörchen und Gruselstories am Rande der alten Handelsstraße, des Hellwegs, und der Ruhr. Wie Graf Friedrich von Isenberg im Jahre 1225 den Erzbischof von Köln ermorden ließ. Wie er dafür in Köln aufs Rad geflochten und die Isenburg geschleift wurde. „Von Herzen brav, doch wild war der Graf“ – Marek kannte die Moritat über das mittelalterliche Drama noch immer auswendig. Wie Graf Adolf von der Mark auf der Höhe gegenüber der zertrümmerten Isenburg die Burg Blankenstein gründete, deren Burgmänner regelmäßig in Hattingen einfielen und die Stadt wieder und wieder zerstörten. Wie der Hofschulte von Haus Kliff sich den märkischen Rittern entgegenstellte – vergebens. Wie die Schultheißen von Haus Kliff – ein Amt, das seit dem 13. Jahrhundert erblich war – die Bauern ausnahmen.
Marek holte tief Luft. „Birschels Mühle ist in ihrer jetzigen Form 1902 entstanden. Aber die Geschichte der Mühle ist älter, viel älter.“
Fast 700 Jahre. In denen die Schultheißen von Haus Kliff die Bauern zwangen, ihr Getreide nur in ihrer Mühle zu mahlen. In denen sie den Hattingern mit hohen Getreidezöllen das Geld abknöpften. In denen sie immense Reichtümer angehäuft haben mußten. „Wer weiß“, hatte sein Vater an dieser Stelle der Erzählung immer gesagt. „Was sich wohl heute noch findet in den Resten von Haus Cliff.“
Marek nahm einen kräftigen Schluck Bier. „Das Gebäude, das vorher an der Hattinger Schleuse stand, hieß Haus Cliff. Ein paar Mauern davon stehen noch, hinter dem jetzigen Mühlengebäude. Es wird erzählt, daß es noch umfangreiche Gewölbe und Kellergeschosse dort gibt. Niemand hat sie je gefunden. Aber die Leiche des Mädchens, das in der Villa spuken soll – die lag an einer der Mauern.“
Marek blickte auf. Lucius lächelte. Lucius van Cleef. Der Name. Haus Cliff. Van Cleef. Marek runzelte die Stirn.
„Danke, mein Freund. Das also meinte Eli, als sie sagte, es sei ihr unheimlich dort.“
Marek schoß das Blut ins Gesicht. Lucius’ Bemerkung ließ nur eine Interpretation zu.
„Du warst mit Eli da? Warum?“
Er hat ihr die Villa gezeigt, dachte Marek. Sie hat ihm was über die Geschichte von Birschels Mühle erzählt. Ganz einfach. Vergiß deine blöde Eifersucht. Aber Lucius lächelte – spöttisch.
„Wo ist sie“, flüsterte Marek. „Wir waren verabredet.“
Lucius Lächeln vertiefte sich. „Mach dir keine Sorgen. Sie ist weggelaufen, deine kleine Nutte.“
„Wovor? Vor dir? Was hast du mit ihr gemacht? Was?“ Die Zunge klebte Marek am Gaumen, seine Stimme war heiser, er konnte kaum atmen.
„Na was schon. Du kennst sie doch. Sie fordert es doch geradezu heraus.“
Ihre weichen Lippen. Ihre festen Brüste. Ihr wunderbarer kleiner Hintern. Marek wußte plötzlich, was gemeint ist, wenn ein Mann rot sieht.
„Ach, da ist ja mein Kumpel. Man sieht sich“, sagte Lucius, legte einem älteren Glatzkopf den Arm um die Schulter und ging lächelnd zur Bar.
Blind vor Wut und Schmerz und Eifersucht kämpfte sich Marek durch die Menge nach draußen. Er lehnte sich an die Wand neben der Tür und atmete tief ein. Und dann beschloß er, zu warten. Auf was genau, wußte er erst, als Lucius eine Stunde später aus der Tür trat. Allein.
 
*
Am nächsten Morgen ging er nicht zu Arbeit. Er war die ganze Nacht über wach geblieben, hatte seine Tasche gepackt und gewartet. Als es klingelte, wußte er, daß sie ihn holen kamen. Er nahm die Tasche und öffnete die Tür.
Zwei Männer standen draußen, den einen kannte er. Martin Esser von der Kripo, er war der Freund einer Freundin von Eli, sie hatten sich im Frühjahr kennengelernt, als er zum dritten Mal mit Eli aus gewesen war. Martin sah bedrückt aus.
„Können wir reinkommen?“
Marek nickte. Er brachte keinen Ton heraus. Martins Kollege, dessen Namen er nicht verstanden hatte, schloß die Wohnungstür hinter ihnen und folgte Marek und Martin in die Küche. Alle drei blieben stehen. Es gab nur zwei Stühle am Küchentisch, und auf dem einen lag ein Haufen Autozeitschriften.
„Es tut mir leid, dir das mitteilen zu müssen.“ Martin sah ihn nicht an.
Marek blickte von einem zum anderen und verstand nicht. Wieso tat es ihm leid, einen Mörder zu verhaften? „Ich...“ Weiter kam er nicht.
„Eli wurde heute morgen gefunden. In der Ruhr, an der Hattinger Schleuse. Sie ist in das Gestrüpp geschwemmt worden, vor den Stromschnellen. Es tut mir sehr leid.“
Marek sagte nichts. Gar nichts. Dafür schrie es in seinem Inneren. Es schrie und schrie und schrie. Eli, schrie es. Laß es nicht Eli sein. Nicht Eli.
„Wir wissen nicht, was passiert ist. Sie ist gestern nachmittag ertrunken, so wie es aussieht. Aber wie und warum – und ob sie allein war...“ Martin hob die Schultern und ließ sie wieder fallen.
Er faßt sie an. Er will sie küssen. Sie hat Angst. Sie wehrt sich. Stell dich nicht so an, sagt er. Sie läuft weg. Er hinterher. Sie schlägt nach ihm. Er greift nach ihr. Er...
Marek hörte sich ächzen. Der Kerl hat Eli umgebracht. Ich wußte es. Ich wußte es die ganze Zeit. Er straffte sich und machte einen Schritt auf Martin zu. „Ich war es“, wollte er sagen. Nehmt mich mit. Ich muß hinter Schloß und Riegel. Ich habe Eli gerächt, noch bevor ich wußte, daß sie tot ist.
Martin legte ihm die Hand auf den Arm und guckte verlegen. „Marek, du weißt ja, wir müssen das fragen...“
Natürlich. Natürlich mußten sie. Marek nickte.
„Wo warst du zwischen 15 und 18 Uhr gestern nachmittag?“
Die Frage traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Es war doch nach Mitternacht, wollte er schon sagen. Die Beleuchtung des Hochofens geht immer um Mitternacht aus. Aber dann begriff er. Sie verdächtigten ihn – ihn! – mit Elis Tod zu tun zu haben. Ihm schossen die Tränen in die Augen.
Martin hob beschwichtigend die Hand. „Marek, nimm es nicht persönlich, wir müssen...“
Wir müssen das fragen, natürlich. Marek gab Antwort. Er hatte die Zulassungsstelle um 17 Uhr verlassen, danach hatte er versucht, Svens Motorrad zu reparieren. Um 19 Uhr war er zu Hause gewesen. Man würde das natürlich überprüfen. Das war ihm egal. Er wartete auf die nächste Frage, die Frage, die kommen mußte – wo warst du gestern nacht? Man hat dich gesehen, auf der Ü-30-Party, du hast mit Lucius van Cleef gesprochen, ganz freundlich, wie es schien, bis du irgendwann hinausgestürmt bist, ohne den Kumpels auf Wiedersehen zu sagen.
Aber die beiden verabschiedeten sich. „Mein Beileid“, sagte Martin und hielt ihm die Hand hin.
 
*
Der Fall beschäftigte die Zeitungen tagelang. Eli war nicht ertrunken. Sie war erschlagen worden. Spuren eines Kampfes fanden sich am Fuß einer der efeubewachsenen Mauern des alten Hauses Cliff. Genau dort, wo man schon vor Jahren die Leiche einer jungen Frau gefunden hatte. „Der Mädchenmörder“, titelten die Zeitungen und „Wer wird die nächste sein?“
Mareks Vater tischte nun aller Welt wieder die Geschichten vom unermeßlichen Reichtum des Hauses Cliff auf und daß sich hinter Birschels Mühle noch heute die alten Keller und Gewölbe befänden, in denen, wer weiß, ein gewaltiger Schatz lagerte. Was der Tod von Eli damit zu tun haben sollte, wußte er allerdings auch nicht zu sagen.
Und dann meldete sich Alban zu Wort, der älteste Penner von Hattingen, der immer so tat, als ob das eine Planstelle wäre. Er hatte etwas gesehen am Tag von Elis Tod, bevor er sich ins Delirium soff, das ihn ins Krankenhaus brachte und für über eine Woche außer Gefecht setzte. Er hatte Eli mit einem Mann gesehen. Mit Marek? Nie im Leben. Mit einem gutaussehenden Mann. Mit einem gutgekleideten Mann. Mit einem Mann, den sie Lutz nannte oder so ähnlich. Der hatte sie festgehalten, als sie weglaufen wollte und gelacht dabei. Mehr hatte Alban nicht gesehen, der hinter Birschels Mühle im Gras gesessen und die Reste einer Flasche Wodka in sich hineingefüllt hatte.
Man suchte nun nach einem gewissen Lutz, bis die Wallerts endlich die richtige Eingebung hatten. Ihnen war der Innenarchitekt abhanden gekommen, ein Mann, der sich anerboten hatte, die alte Fabrikantenvilla gegenüber von Birschels Mühle zu restaurieren. „Wir hatten uns zwar gewundert“, sagte der alte Wallert der Presse. „Aber Sie wissen doch, woran unser Gemeinwesen krankt: die Leute sind nicht mehr zuverlässig. Also haben wir gedacht – besser gleich als später.“ Er machte eine wegwerfende Geste.
Man fand Lucius van Cleef, als endlich der ergiebige Landregen aufhörte und die ersten Liebespaare sich unter dem Hochofen der Hütte einfanden, zum Küssen. Er schwamm mit von Gärgasen geblähtem Leib im Möllergraben. Die Kripo befand auf Selbstmord nach dem Mord an Eli, da es für Fremdverschulden keinen Anhaltspunkt gab. Der Fall war abgeschlossen. Die Hattinger Hysterie legte sich.
 
*
Nur Mareks Vater blieb bei seiner Behauptung, van Cleef habe nach dem Eingang zu den geheimen Gewölben von Haus Cliff gesucht. Allein, wie der Mann hieß: Lucius van Cleef! Das konnte nur ein Nachfahre der Schultheißen vom Haus Cliff gewesen sein. Ein Mann, der dem Familiengeheimnis auf der Spur war. Den Eli – ja, so mußte es gewesen sein, ganz sicher! bei seinen Nachforschungen überrascht hatte. Der sie deshalb mundtot habe machen müssen.
Alle fanden die Geschichte spannend. Niemand glaubte sie. Bis auf Marek. „Wenn die blöde Kuh nicht so aufdringlich gewesen wäre“, hatte Lucius geflüstert, kurz nach Mitternacht unter dem Hochofen der Henrichshütte, bevor er zum zigsten Mal wieder zurückgefallen war in das tiefe Wasserloch im Möllergraben, aus dem man ohne Hilfe nicht herauskam. Marek hatte dabei gestanden und zugesehen, wie das erst wütende Strampeln des Ertrinkenden matter wurde. Hatte seinen heiseren Rufen gelauscht, die niemand hörte außer ihm. Hatte gewartet und den Mann nicht aus den Augen gelassen. Bis zum letzten Atemzug.
Lucius van Cleef, das konnte er beschwören, war ganz von allein ertrunken.
 
*
Marek stand regungslos vor der weißen Villa, die im Mondlicht wie ein Märchenschloß aussah. Er glaubte, ihre Stimmen zu hören. Sie riefen nach ihm, die beiden Frauen, die dort spukten. Ruft nur, dachte Marek und drehte sich fort. Ihr hättet besser geschwiegen.
Unten glitt die Ruhr durch ihr Flußbett und schlüpfte murmelnd über die Stromschnellen am Wehr. Jetzt gab es nur noch einen, der wußte, was es zu wissen gab. Über Haus Cliff.
 
© Anne Chaplet 2006
in: Reinhard Jahn, Herbert Knorr (Hrsg.), Mord am Hellweg III, Dortmund 2006