Wer will es schon beim Arbeiten gemütlich haben? Nicht Susanne Heger. Arbeit ist Arbeit und gemütlich mach ich es mir woanders, war ihre Devise. Die meisten Menschen verstanden das – nur nicht Ulrike Sievers. Das wäre im Prinzip egal gewesen, wenn nicht eine Umorganisationsmaßnahme bei Halfmann und Co. KG zu Anfang des Jahres die schicksalhafte Folge gehabt hätte, daß Susanne Halfmann und Ulrike Sievers ein und dasselbe Büro zu teilen hatten, von montags bis freitags, von 9 bis 17 Uhr, den ganzen langen Januar und den Februar und den März über und ein Ende war nicht abzusehen.Ulrike stellte Blumen auf Susannes Schreibtisch, immer dahin, wo sie im Wege waren. Sie zündete Duftkerzen an, obwohl Susanne schon mehrmals einen asthmatischen Anfall vorgetäuscht hatte. Sie brachte Kuchen mit, trotz Susannes Diabetes. Sie kochte Kräutertee, gegen den Susanne allergisch war. Sie beträufelte sich alle paar Stunden mit ätherischen Ölen, sodaß das Büro wie Sauna roch.
Und heute früh hatte Susanne ein Nest aus grüner Holzwolle auf dem Schreibtisch vorgefunden, exakt dort, wo normalerweise ihr Terminkalender lag – wo er hingehörte, verdammt! – dachte Susanne. Darin lagen zwei Eier, das eine bräunlich, das andere rötlich gefärbt, wahrscheinlich mit irgendwas eklig Gesundem wie Zwiebelschalen und Malventee, umgeben von Keksen, die ebenso naturbelassen, also selbstgebacken, aussahen. Und in der Mitte thronte, mit einem geradezu bösartigen Grinsen, wie sie fand, ein bunt eingewickelter Schokoladenosterhase.
„Frohe Ostern!“ Susanne drehte sich langsam um. In der Tür stand Ulrike, in der linken Hand einen Topf mit schmerzhaft gelben Narzissen, in der rechten eine Gießkanne aus babyrosa Plastik. Susanne hätte am liebsten die Augen zugemacht. Ulrike liebte es nicht nur gemütlich im Büro, sie pflegte auch eine aufdringliche Lebensfreude, die sich in farbfroher Kleidung, einem quietschenden Begrüßungslachen, Fotos von niedlichen Tieren am Computermonitor und unerbittlicher Zuneigung zur Schöpfung ausdrückte.
„Es ist doch noch gar nicht ...“ hörte Susanne sich hilflos stammeln. Ostern war erst in einer Woche.
„Mir egal! Freuen kann man sich doch jetzt schon, oder?“ Ulrike strahlte und stellte den Topf mit den Narzissen – Susanne atmete scharf ein und wieder aus – nicht auf ihren Schreibtisch, wenigstens das nicht, sondern auf die Fensterbank. Mitten zwischen die anderen Blumentöpfe, deren Inhalt Ulrike aufopfernd hätschelte: Orchideen in allen Farben und Größen, in Töpfen, die in einer Art Strumpf aus grünem Plastik steckten und mit Namensschildern versehen waren. Miltonia. Oncidium. Ascocenda. Susanne kannte die Namen auswendig, so oft schon hatte sie in hilfloser Wut auf die bunten Schilder an den noch bunteren Pflanzen gestarrt.
Susanne haßte Orchideen. Susanne haßte Zimmerpflanzen. Sie haßte Gemütlichkeit im Büro.
Und als ihr die Säure vom Magen hoch in die Kehle stieg, wurde ihr klar, daß sie Ulrike haßte, mitsamt ihrer Yogakurs-Fröhlichkeit, ihren Lebenshilfeweisheiten, ihrer „Ich bin 47, na und?“-Haarfarbe und ihren Betriebsnudel-Anfällen, denen Susanne verdankte, daß sie zu ihrem 45. Geburtstag, über den sie gerne gnädig hinweggegangen wäre, von der gesamten Abteilung Karten für „Pomp, Duck and Circumstance“ geschenkt bekam. Für zwei Personen. Als ob nicht jeder wußte, daß sie allein war. Aber vielleicht hatte Ulrike gehofft, sie würde sie mitnehmen?
Susanne schüttelte sich, während sie Ulrike zusah, die leise summend ihre Orchideen versorgte. Sie hatte die Karten ihrer Nichte geschenkt, die sich kindisch freute und ihr noch Wochen später von dem „unvergeßlichen Abend“ vorschwärmte.
Endlich gab sie sich einen Ruck und räumte energisch das Hasennest zur Seite, rückte den Terminkalender wieder an seinen Platz und ließ den Computer hochfahren. Nein – es fehlte ihr nicht an Lebensfreude. Aber sie verschwendete ihre Glücksmomente nicht auf die Stunden im Büro. Die waren für anderes da. Susanne checkte die E-Mails und arbeitete eine nach der anderen ab, während Ulrike sich am Telefon „für den netten Abend“ bedankte, sich nach der Gesundheit einer Freundin erkundigte, ihrer Tochter gute Ratschläge für den ersten gemeinsamen Urlaub mit dem Freund gab und lässig „Längst erledigt!“ säuselte, als jemand von der Redaktion sich nach dem Autorenhonorar erkundigte, das schon vor sechs Wochen hätte angewiesen werden sollen.
Natürlich hatte sie das nicht „längst erledigt“. Susanne kannte das schon. Ulrike log gern und reichlich. „Die Wahrheit macht nicht warm“, hatte sie gesagt, als Susanne sie darauf angesprochen hatte. Einmal – danach nie wieder. Sie vermied es, überhaupt noch mit Ulrike zu reden. „Sauertöpfisch“, nannte Ulrike das gegenüber Kollegen.
Nein, es war nicht sauertöpfisch. Es war der letzte Versuch, den Betriebsfrieden zu waren. Es war der letzte Versuch, zu verhindern, daß sich Bahn brach, was da aufgestaut lauerte: ein ungeheuerlicher Schrei aus Wut und Haß. Das Leben war schön, bevor Ulrike kam. Man machte seine Arbeit und freute sich auf den Feierabend. Heute war das Leben vergiftet.
Susanne hob den Kopf und sah das Büro vor sich, wie es sein könnte: ein einsamer, aufgeräumter Schreibtisch, ein ordentlicher Ablageschrank, alles an seinem Platz. Keine selbstgefertigten Häkeltücher über der Lehne des Schreibtischsessels, keine Weihnachtskugeln an der Schreibtischlampe, keine Kinderbilder an der Wand, und keine – KEINE! – Zimmerpflanzen auf der Fensterbank.
An diesem Abend beschloß Susanne, ihr Leben zu ändern.
Am nächsten Tag kochte sie den Tee.
Am übernächsten Tag brachte sie Kuchen mit.
Ein paar Tage später lud sie die Kollegin zu einem Glas nach Feierabend ein.
In der Woche darauf ging sie mit Ulrike in die Kantine.
Als die Kollegin sich krank meldete, schickte sie Blumen.
Als Ulrike blaß und ein paar Kilo leichter wieder auftauchte an ihrem Arbeitsplatz, zeigte sie sich besorgt.
Als sie nach der Teepause mit Magenkrämpfen zum Betriebsarzt ging, berichtete Susanne, sie habe das gleiche gegessen und habe keinerlei Beschwerden.
„Kümmere dich um meine Blumen“, sagte Ulrike schwach, als man sie nach Hause schickte, zum Auskurieren. Ihr Blick fiel auf die Orchideen, deren Blätter gelb geworden waren.
„Und nicht zuviel gießen, hörst du?“
Natürlich nicht, dachte Susanne und leerte ihren Teebecher aus – in den Topf mit dem Odontoglossum, wie sie es seit Wochen heimlich tat. Nie wieder. Ich werde Tigerlilly vertrocknen lassen. Ganz wie die widerlich fleischfarbene Phalaenopsis. Das Oncidium. Die Miltonia. Denn es wird niemanden mehr geben, der mit mir Tee trinkt. Nicht in diesem Büro.
Wie sie Ulrike kannte, würde sie die Chance ergreifen, die ihr der Abteilungsleiter angeboten hatte, der sie schon lange loswerden wollte: Frühverrentung! Sie haben doch sicherlich noch andere Interessen im Leben als die Arbeit, Frau Sievers, oder?
Susanne lächelte in sich hinein. Sie auch. Als sie an jenem Abend beschlossen hatte, ihr Leben zu ändern, war sie gründlich vorgegangen. Sie hatte sich beim Abteilungsleiter kundig gemacht, wie und wo man am geschicktesten den Jagdschein erwerben konnte. Der Abteilungsleiter, den sie seither Horst nannte, war bekannt für seine Leidenschaft fürs Pirschen auf Hoch- und Niederwild. Mittlerweile studierte Susanne nach Feierabend für ihren Schein und ging am Wochenende mit Horst in den Wald, wo er sie gründlich und mit Hingabe auf die Prüfung vorbereitete. Sie mochte noch immer keine Zimmerpflanzen. Aber sie hatte in den letzten Monaten viel gelernt. Über Convallaria majalis, eine wohlriechende Lilienart, auch Maiglöckchen genannt. Nach Verzehr treten Übelkeit, Durchfall, Herzrhythmusstörungen und sinkender Blutdruck auf. Über Heleborus niger, auch Christrose, genannt, über die sich Ulrike zuletzt ganz besonders gefreut hatte – man konnte die Pflanze auch im Topf verschenken. Bei Verzehr von Pflanzenteilen Tod durch Atemlähmung möglich. Aber es genügten auch Durchfall, Herzschwäche und Atemnot, wie man bei Ulrike gemerkt hatte.
„Meine kluge Susanne“, nannte Horst sie, als sie die Prüfung mit Bravour bestand.
„Ich möchte den Job von Michael Pfleiter“, erwiderte sie mit fester Stimme.
Horst nickte ergeben. Er hatte es gern friedlich im Büro. Unter fast allen Umständen.
(c) Anne Chaplet 2006
erschienen in: Hanne Kulessa (Hg.), Grüne Liebe grünes Gift, Frankfurt am Main 2006
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