Kalter Kaffee
 

Morgen, ihr Schönen!“ Bert Wassmann stand in der Tür, ein Tablett in den Händen, über dem sich heißer Dampf kräuselte. „Wart ihr auch brav am Wochenende?“
Sibylle schaute auf, während er mit einem lockeren Fußtritt die Tür hinter sich zustieß. „Hallo Bert. Sind wir doch immer. So brav wie du.“
Sie lächelt, dachte Carla und wandte den Blick sofort wieder ab. Das kokette Aas. So wird man den guten Bert nie los. Bert und sein Tablett, an diesem wie an jedem anderen Morgen. Sie spürte, wie ihr Magen nervös wurde. Das flaue Gefühl würde sich ausbreiten, bis sich der Magenboden hob, bis es zu brennen anfing, bis ... Sie starrte auf den Monitor. Die Zahlen auf dem Bildschirm begannen zu verschwimmen.
„Na, meine Schöne? Kein Zucker, viel Milch, wie immer, stimmt’s?“ Er stellte ihr mit Schwung den Becher vor die Nase, fast wäre die hellbraune Flüssigkeit über- und auf die Computertastatur geschwappt. Carla sah hoch. Berts Gesicht schwebte über ihr wie eine rosa Grapefruit. Er hatte die linke Augenbraue hochgezogen. Und dann zwinkerte er mit dem Augenlid. Exakt einmal. Wie immer.
„Danke“, flüsterte Carla.
Bert beugte sich zu ihr hinunter, bis sie seinen Atem riechen konnte. Er roch nach Kaffee, der zu lange warmgehalten worden war. Ihr Magen krümmte sich.
„Für dich tu ich doch alles, Süße“, flüsterte er mit verschwörerisch gesenkter Stimme zurück.
Carla schloß die Augen, hielt die Luft an und wartete, bis die Tür hinter ihm zugefallen war.
„Komm, hab dich nicht so.“ Sibylle klang amüsiert.
Carla riss die Augen auf. Sibylle hatte ihren Kaffeebecher in beide Hände genommen und nahm einen tiefen Schluck. Kalt ist er, dachte Carla. Der Kaffee. Wie üblich.
„Er meint es doch nett.“
Das ist ja das Problem, dachte Carla.
„Er hat das schon immer so gemacht. Auch, als Gisela noch da war. Die hat das geliebt. Und er kann sich gar nicht vorstellen ...“
Daß irgend jemand das Nettgemeinte nicht nett finden könnte. Daß einer nicht dankbar wäre, wenn er jeden Morgen diese widerlich bittere und dazu auch noch lauwarme Plörre serviert bekommt, die man in diesem verdammten Büro Kaffee nennt. Daß einem Menschen mit funktionierenden Magennerven die Säure in den Hals steigt, wenn er auch nur riecht, was Bert jeden Morgen verteilt. In bunten Bechern mit vielen Herzchen drauf. Als ob er außer den Magennerven gleich noch den Sehnerv beleidigen wollte.
„Wenn’s dir nicht paßt ...“ Sibylle zuckte die schmalen Schultern und zeigte mit dem Daumen zum Fenster. „Raus damit!“
Einen winzigen Moment lang verspürte Carla die aberwitzige Lust, der lieben Kollegin den Kaffee über den blonden Scheitel zu schütten. Dann stand sie auf und trug den Becher, sorgfältig auf Armeslänge gehalten, hinaus zur Teeküche, wo sie den Kaffee ins Spülbecken schüttete und Wasser aufsetzte für einen Tee.
Während der Wasserkocher zu summen begann, starrte sie in den Spiegel über der Spüle. Die Augen zu groß, das Gesicht zu blaß. Wie eine Eule, dachte sie. Aber Martin fand ihre Augen schön. Und ihre Hände. Ihre Stimme. Hatte er jedenfalls gesagt – nach dem dritten Bier.
Ach geh! Was ist schon zu erwarten von einem Mann, der es seit fünf Jahren aushält in diesem Laden hier, wisperte eine boshafte innere Stimme. Haftnagel & Co. KG, Visitenkarten, Briefpapier, Klebeetiketten. Größter Arbeitgeber im Umkreis von Katzwinkel. Wer hier freiwillig bleibt, der hat doch längst keine Ansprüche mehr ans Leben.
Carla nickte sich mißmutig zu. Sie arbeitete erst seit einem Jahr hier. Aber wenn alles so weiterginge, würde sie noch in zehn Jahren Berts Nettigkeiten und Sibylles Nichtigkeiten ertragen müssen. Nie wäre sie freiwillig hier gelandet, hier, in tiefster Provinz, wenn sie Köln nicht hätte verlassen müssen. Wieder stieg der Schmerz in ihr hoch, drückte gegen die Luftröhre, preßte ihr das Wasser in die Augen.
Wenn sie nicht hätte fliehen müssen aus Köln, weil alles sie erinnerte. Und weil sie sich Großstadtmieten einfach nicht mehr leisten konnte.
An ihren ersten Arbeitstag bei Haftnagel und Co. KG erinnerte sie sich noch immer; viel zu gut erinnerte sie sich an diesen Montag im Februar, an einen naßkalten Tag, der mit Blitzeis begonnen hatte. Sie war zu früh dagewesen, eifrig-bemüht, wie eine typische Streberin. Sibylle hatte sie vom ersten Moment an spüren lassen, was sie davon hielt, wenn jemand sich totarbeiten wollte, wie sie das nannte. Und dann kam schon Bert.
„Danke!“ hatte sie höflich gesagt, als Bert vor ihr stand mit einem dampfenden Becher in der Hand und sie anstrahlte und „Das ist aber mal ne Überraschung!“ sagte. „Danke! Das ist sehr lieb! Aber ich trinke nur Tee!“
„Ach, son Kaffee am frühen Morgen kann doch nicht schaden. Wenn man so blaß ist wie Sie. Das macht wach.“ Er hatte Sibylle verschwörerisch zugegrinst. „Ist ne gute Sorte, selbst gekauft.“
„Wirklich sehr nett. Aber ...“
„Kostet auch nix. Das spendiert der Betrieb.“ Bert stellte ihr den Becher auf den Schreibtisch. Der Geruch hatte sie schwindeln gemacht, sie war aufgestanden, hatte sich auf den Schreibtisch gestützt, hätte fast den Becher umgestoßen.
Das spöttische Lächeln von Sibylle hatte sie noch gesehen, auch das verständnislose Gesicht Berts. Und dann war sie aus dem Zimmer gelaufen. Und seither ...
Das Wasser kochte. Sie goß es in die Kanne mit den Teeblättern und wartete zwei Minuten, bevor sie umgoß. Dann ging sie mit Kanne und Teetasse über den Flur.
Als sie ins Büro kam, tat Sibylle, als würde sie konzentriert arbeiten. „Du könntest ruhig mal ein bißchen nett zu ihm sein“, sagte sie nach einer Weile.
„Ich hab ja nichts gegen ihn“, antwortete Carla schwach. „Es ist nur ...“
„Ich weiß. Du verträgst keinen Kaffee.“ Sibylle bewegte ihre Finger über die Tastatur, den Blick auf den Monitor gerichtet. Sie klang gelangweilt.
„Es bekommt mir einfach nicht. Ich ...“ Carla hörte sich zu. Sie mußte auf Sibylle wirken wie damals, am ersten Tag. Übereifrig. Viel zu sehr darauf bedacht, nicht anzuecken. Widerlich.
„Du machst dich gerne wichtig. Stimmt’s?“ Sibylle sah auf, den Blick über ihre schmale Lesebrille hinweg auf Carla gerichtet. „Du glaubst, du wärst was anderes. Was besseres.“
„Sibylle, komm ...“
„Und jetzt, wo du mit Martin ausgehst ...“
Eifersüchtig, dachte Carla und der Druck in ihrer Kehle löste sich. Fast hätte sie gelacht. Sibylle ist eifersüchtig. „Was hat denn Martin damit zu tun?“
„Er soll Abteilungsleiter werden, habe ich gehört.“ Sibylle starrte wieder auf den Computerbildschirm. „Da hast du es dann bald nicht mehr nötig, dich mit einem Bürojob abzugeben.“
„Martin und ich ...“ Carla schluckte. Sie hatten sich beim Betriebsfest miteinander unterhalten und zwei Wochen später hatte er sie eingeladen, ins Kao Lak. Als sie hinterher bei Manfred’s noch ein Bier tranken, waren sie Sibylle über den Weg gelaufen, die mit einer Freundin da war. Seither „gingen“ sie miteinander, meinte jedenfalls Sibylle.
Carla war sich da gar nicht sicher. „Martin und ich sind gute Freunde, mehr nicht“, sagte sie mit fester Stimme.
Sibylle lachte. Es klang nicht glücklich.

Es war Frühling geworden, ohne daß sie es mitgekriegt hätte. Aber die Tage wurden länger und ihre Stimmung gelöster. Manchmal war sie ohne irgendeinen besonderen Grund glücklich. Es dauerte eine Weile, bis sie sich zugab, daß das an Martin lag.
Irgendwann merkte sie, daß sie etwas vermißte, wenn keine Email von ihm sie begrüßte, nachdem sie morgens im Büro den PC hochgefahren hatte. Irgendwann fiel ihr auf, daß sie schon nach drei Stunden auf eine neue SMS von ihm wartete. Und daß sie sich Sorgen machte, wenn er einmal nicht mittags in die Kantine kam und sich zu ihr an den Tisch setzte. Wenn er sie zwei Tage lang nicht gefragt hatte, wann sie wieder ausgehen würden und er ihr damit die Gelegenheit genommen hatte, ihm abzusagen. Und irgendwann ging sie wieder mit ihm aus. Irgendwann ließ sie sich von ihm küssen. Irgendwann küßte sie ihn zurück.
Es dauerte noch drei Wochen, bis sie mit ihm nach Hause ging. Martin wohnte in einem Neubau mit Dachterrasse, ein typisches Singleappartement, dachte Carla, als er sie mit großer Geste in den Wohnraum bat, einen großzügigen Raum mit Aussicht und Kamin. Der Platz im Schlafzimmer reichte wahrscheinlich gerade mal für ein Bett und die Küche höchstens für ein Essen aus der Mikrowelle. Aber alles war ihr lieber als ihre eigene dunkle Wohnung mit dem Duschbad, das nach Schimmel roch.
„Schampus?“ fragte Martin.
Schampus. Um Himmelswillen. Glaubte er wirklich, sie sei mit sowas zu beeindrucken? Am liebsten wäre sie gegangen.
Martin mußte ihr angesehen haben, was sie dachte. Er kam aus der Küche zurück mit dem Korkenzieher in der einen und einer Weinflasche in der anderen Hand. Der Wein war gut - ein Frühburgunder von der Ahr. Daß er Geschmack zu haben schien, tröstete. Vielleicht war er ja auch in anderen Bereichen sensibel.
„Empfehlung eines Freundes“, sagte er nach dem ersten Schluck und schmatzte mit den Lippen. „Guter Stoff, oder?“
Sie nickte, schloß die Augen und nahm einen weiteren Schluck. Nach dem zweiten Glas ließ sie es zu, daß er ihr beim Einschenken die Hand aufs Knie legte. Sein Kuß schmeckte nach Waldbeeren und Rauch. Seine Haut roch nach Vanille.
Und seine Zahnpasta war erträglich.
Am nächsten Morgen erwachte sie mit einem Gefühl tiefer Ruhe, das sie lange nicht mehr gespürt hatte. Alles ist gut, dachte sie. Sie war wieder zu Hause, in Köln. Die letzten Jahre waren ein schlechter Traum gewesen. Irgendwo rauschte Wasser. Jemand sang. Gleich würde die Tür aufgehen, und ...
Als sie sich wieder ins Kissen kuscheln wollte, merkte sie, daß dies nicht ihr Zuhause war und noch nicht einmal ihre eigene schäbige Wohnung. Und der da unter der Dusche sang ...
Martin, dachte sie. Vielleicht war er doch der richtige. Dann schlief sie wieder ein.
Sie erwachte von einem Geruch, den sie kannte. Sie kannte ihn gut, viel zu gut. Ein Geruch nach verschmortem Gummi. Nach benutzten Damenbinden. Ein ekelhafter, widerlicher, abstoßender Geruch. Blitzschnell wurde sie wach, hellwach. Sie setzte sich auf und strich sich die Haare aus dem Gesicht.
Da stand er, im Pyjama, die Pyjamajacke geöffnet, die Brust dunkel behaart bis tief unter den Bauchnabel. In seltsamem Kontrast dazu das blonde Haar. Martin lächelte schüchtern und sie sah in seine blauen Augen und spürte ein sehnsuchtsvolles Ziehen im Unterbauch. Sie dachte an die gestrige Nacht, an seine Zärtlichkeit, seine Geduld, seine Ruhe und hätte am liebsten zurückgelächelt. Aber sie wußte, was es war, das er jetzt hinter seinem Rücken hervorholte, mit einem Gesicht, als ob er am liebsten „Überraschung!“ rufen würde. Ein Becher, weiß, mit roten Herzchen. Dampf stieg auf und kräuselte sich über dem Becher. Martin kam näher und hielt ihn ihr hin, ganz unbeholfen, wie ein Kind, das seiner Mutter eine Freude machen will.
„Kein Zucker, viel Milch, wie immer, stimmt’s?“
Carla spürte, wie ihr heiß wurde. Und dann kalt. Und dann wurde ihr schlecht. Sie stürzte an Martin vorbei ins Badezimmer und erbrach sich. Gut, daß wenigstens seine Zahnpasta erträglich war.

Am Montag kam sie das erste Mal zu spät ins Büro. Sibylle saß bereits am Schreibtisch, hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt, die Beine auf die Tischplatte gelegt und die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Sie mußte die ganze Zeit die Tür beobachtet haben, denn ihre Blicke begegneten sich, sobald Carla im Raum stand.
„Na? Wie war’s?“
„Wie war was?“ fragte Carla zurück, vollautomatisch.
„Na, eure Verabredung.“
Woher wußte sie das, die falsche Schlange?
„Mit Martin, ihr wart verabredet am Samstag, er hat es mir erzählt, er wollte dich ins Erno’s einladen.“
Martin. Er hatte es Sibylle erzählt. Er hatte mit ihr gesprochen. Sie hatte mit ihm gesprochen. Carla spürte die Wut in sich hochsteigen wie brennende Magensäure.
„Du Schäfchen, ich kenne Martin seit dem Kindergarten, ist doch ganz normal, wenn er mit mir spricht, oder?“
Klar. Seit dem Kindergarten. Natürlich. Auf dem Land kannte jeder jeden, wußten alle alles. Da blieb nichts verborgen. Wer mit wem und wer gegen wen. Wahrscheinlich wußte Sibylle auch, welche Zahnpasta Martin benutzte. Die Wut brannte sich vorwärts, durch ihre Kehle nach oben. Wahrscheinlich würden bald alle wissen, welche Stellung sie im Bett bevorzugte und wann es den ersten Krach gab.
Besser, daß es so gekommen war, auch wenn es weh tat.
„Was hat er dir noch erzählt?“ Carla versuchte, kühl zu bleiben. Aber sie ahnte es längst.
„Och – nichts. Er hat mich ausgefragt, wenn du es genau wissen willst.“
Carla atmete tief ein. „Und was wollte er von dir wissen?“
„Na, was du gern hast. Welche Angewohnheiten. Was du gerne ißt oder trinkst. Sowas halt.“ Sibylle zuckte mit den schmalen Schultern.
Die Wut war oben angekommen und drängte heraus. „Und du hast ihm gesagt ...“
Sibylle lächelte jetzt, ein dünnes Lächeln. „Na, wie du morgens gerne den Kaffee trinkst.“
Kein Zucker. Viel Milch. Wie immer.

Niemand konnte sich die Tat erklären. Carla Wirthgen selbst äußerte sich nicht dazu. Ihr Freund sagte aus, sie sei schon am Wochenende so seltsam gewesen.
Erst eine Woche später brach Carla Wirthgen ihr Schweigen. „Ich hasse Milchkaffee“, sagte sie.

© Anne Chaplet 2006
erschienen in: Ralf Kramp (Hrsg.), Schwarzer Tod. Koffeinhaltige Kurzkrimis, kbv-Verlag 2006