Manchmal stelle ich mir vor, wie das wäre: reich sein. So richtig reich wie der Onkel von Julius, der hat sogar ein Flugzeug. Ich will aber gar kein Flugzeug. Ich will ein Riesenrad. Und einen Bude mit Zuckerwatte und Popcorn. Dann lade ich alle Kinder ein und wir fahren den ganzen Tag hoch und runter und essen Popcorn und trinken Cola. Klar, daß die Erwachsenen nicht mit dürfen. Dazu sind sie ja Erwachsene. Mama traut sich eh nicht. Manchmal, wenn wieder Rummel ist, kommt sie mit auf den Rummelplatz und zum Riesenrad, aber dann will sie nicht einsteigen, auch wenn ihr die Männer auf die Beine starren und ihr Komplimente machen. „Die Aussicht ist so schön, gnädige Frau“, sagen sie und versuchen, ihr in den Ausschnitt zu gucken. Ich finde es blöd, wenn sie dann so lächelt und schön tut. Aber das blödeste ist, daß sie total nervt, wenn ich mir dann endlich eine Karte gekauft habe und alleine fahren will. Kaum sitze ich in der Gondel, schnattert sie los. „Bist du auch angeschnallt, Daniel. Wird dir auch nicht schlecht, Daniel. Lehn dich nicht so weit raus, Daniel. Iß nicht soviel Zuckerwatte.“ Noch schlimmer ist es, wenn Vati mit ist. Der traut sich auch nicht ins Riesenrad, aber er will immer, daß ich winke. Das finde ich genauso blöd. Ich habe keine Angst und ich will auch nicht winken. Riesenradfahren ist das Schönste, was es gibt. Und es ist wirklich gar nichts dabei! Erst ruckelt es ein bißchen und manchmal quietscht es auch und dann steigt man hoch, ganz leicht. Es gibt natürlich Mädchen, die kreischen, wenn es immer höher geht. Dumme Gänse. Die tun immer, als ob das wer weiß wie gefährlich ist. Aber mir passiert nichts. Und es ist doch toll, wenn es unter den Fußsohlen kribbelt. Und wenn die Gondel schwankt, weil der Wind weht. Dann kreischen sie wieder, die Mädchen. Dabei ist es so schön, wenn es still wird, je höher wir kommen. Man hört nur noch den Wind und das Quietschen, wenn die Gondeln schaukeln. Dann lehne ich mich an die Reling und schaue zu, wie alles kleiner wird unter mir. Und ich winke nicht, auch wenn Vati unten steht, ich bin doch kein Kind mehr. Und ich würde auch niemandem auf den Kopf spucken, wie es Julius macht. Das ist richtig eklig. Es geht los. Ich sitze allein in der Gondel, das ist das allerschönste. Langsam, langsam geht es nach oben. Alle da unten starren uns hinterher. Von oben sieht Mama in ihrem Faschingskostüm aus wie die Lehrerin aus Harry Potter, die immer so streng guckt, aber in Wirklichkeit ganz lieb ist. Und der Mann hinter ihr ist so dick, daß er sich als Bierdose verkleidet hat. Nach einer Weile sieht man nur noch weiße Gesichter. Und dann – kann man ganz weit sehen, über den Rummelplatz hinweg bis zur Stadt. Ich weiß, welcher Turm zur Katharinenkirche gehört und wo St. Marien steht. Und plötzlich in der Ferne der Fluß, ganz hell und schimmernd. Wenn sie bloß nicht so kreischen würden, die Mädchen unter mir. Da ist mir das Pärchen zwei Gondeln weiter lieber, auch wenn die sich ablecken wie blöd, aber sie sind wenigstens still dabei. Ich habe heute morgen angezogen, was ich immer anziehe zu Karneval. Also seit letztem Jahr. Einen Zauberhut und einen Zaubermantel, der unsichtbar macht. Ich wäre gerne unsichtbar, jetzt, hier oben. Und dann – fliegen können. Wie das wohl wäre? Wenn man aufsteht und sich auf die Bank in der Gondel stellt und die Arme ausbreitet und ... Gleich sind wir ganz oben. Die Menschen sind so winzig geworden, man kann sie gar nicht mehr auseinanderhalten. Alles ist schön klein – nur ich nicht. Ich mag das nämlich gar nicht, wenn Mama „Kleiner“ zu mir sagt. Und wenn Tante Ines mich „Lütter“ nennt. Ich bin für meine zehn Jahre ganz schön groß und könnte Julius auf den Kopf spucken, wenn ich das nicht so eklig fände. Das Spucken, meine ich.
Man sieht alles hier oben. Sogar die gigantisch großen Monstertiere weiter hinten im Park. Den Mammut und den Dino – die sehen richtig harmlos aus von hier oben, wie Plastikspielzeug. Im vorigen Jahr hab ich mich vor denen noch gefürchtet. „Du Baby“, hat Julius gesagt, als ich es ihm erzählt habe. Ich hätte ihm am liebsten eine gescheuert. Und dann habe ich ihm gar nichts mehr erzählt – daß ich nachts geträumt hab, von den Zähnen, die der Dino hat. Oder daß mich das Mammut mit seinem Rüssel packt und in die Luft schleudert. Aber die leben ja nicht. Und echt sind sie auch nicht. Julius hat behauptet, die wären ausgestopft. Aber das geht ja gar nicht, die sind doch ausgestorben! Ich habe meinen Vater gefragt, und der hat gesagt: natürlich sind die nicht ausgestopft. Man hat sich vorgestellt, wie sie ausgesehen haben könnten, und hat das dann nachgebaut. Gruselig ist es trotzdem. Aber Angst hab ich keine mehr. Hoffentlich halten sie das Rad gleich an, wenn ich oben bin. Manche Kinder haben Angst und glauben, sie kämen nie wieder runter. Mir macht das nichts, ich würde am liebsten bleiben. Man kann ein bißchen schaukeln und den Kopf nach hinten legen und in den Himmel gucken und sich einbilden, daß man fliegt. Oder runterspucken auf die Leute da unten – aber das würde ich nie tun. Höchstens auf den Dino. Wie weit man sieht. Und man sieht auch das, was man nicht sehen soll. Beim Mammut hat jemand die Hosen runtergelassen und sich hingehockt. Das macht man nicht. Das machen nur Kinder. Und alte Leute. Und da läuft jemand, da unten, hinterm Dino. Eine Frau in einem hellen Kleid. Sie dreht sich um. Es ist jemand hinter ihr her. Der sieht aus wie der Gorilla, den wir im Zoo gesehen haben letztes Jahr. Der sah richtig furchterregend aus mit seinen dunklen Augen und dem Riesenmaul. Gar nicht wie ein Schimpanse. Von den Schimpansen stammen wir ab, hat der Biolehrer behauptet, aber ich glaube das nicht. Vati sieht ganz anders aus. Und ich – ich habe mal versucht, mich an einer Hand von Ast zu Ast zu schwingen. Ich war ganz schnell wieder unten. Und Julius hat gelacht. Der Gorilla da unten läuft hinter der Frau her. Das gefällt mir nicht. Der ist fast so schnell wie sie. Der ist schneller. Der hat sie. Der hat sie gepackt, und ... Jetzt halten sie das Rad an. Jetzt, ausgerechnet. Verdammt! Weiterfahren! Hilfe! Guckt doch mal, da vorne! Die blöden Mädchen. Äffen mich nach. Und das Pärchen knutscht einfach weiter. Tut doch was! Da! Der Gorilla! Die Frau! Er nimmt sie in den Arm. Nein, er schüttelt sie. Jetzt fällt sie hin. Er ... Verdammt, sie rührt sich nicht mehr! Mama! Vati! Hört mich denn niemand? Der Gorilla! Vielleicht frißt er sie auf! Wann dreht sich das Riesenrad endlich wieder? Ich will hier runter! Jetzt hat er sie sich über die Schulter gelegt, wie einen Sack. Sie läßt die Arme runterhängen und die Haare und die Beine und rührt sich nicht. Der schleppt die weg. Gorillas sind unheimlich stark und unheimlich gefährlich, wenn sie einmal böse geworden sind, hat unser Biolehrer gesagt. Und wenn das jetzt gar kein echter Gorilla ist? Sondern so falsch wie der Dino, aber dafür lebendig? Ein Mann im Affenkostüm? Hiiilfe! Warum hört mich niemand? Und wieso dreht sich das blöde Riesenrad nicht weiter? Ich muß aus der Gondel raus! Ich muß runter! Es muß doch jemand helfen! Ich trau mich nicht. Mir wird gleich schlecht. Wenn ich erst unten bin ...
Mama hat mir nicht geglaubt, kein Wort hat sie mir geglaubt. Niemand hat mir geglaubt. Die Lehrerin nicht. Julius sowieso nicht, der hat nur blöde gelacht. Aber dann haben sie in der Schule erzählt, daß man eine Leiche gefunden hat im Spreepark. Eine Frau, furchtbar zugerichtet soll sie gewesen sein. Irgendetwas hat sie gebissen, hat der Biolehrer unserer Lehrerin zugeflüstert, aber Julius hat es trotzdem mitgehört und allen erzählt. Das war sie! Ganz bestimmt! Aber sie haben mir einfach nicht geglaubt. Mama meint, ich hätte eine blühende Phantasie. Und ich sollte nicht soviel aufschneiden. Die Geschichte mit der Schlange im Schulklo hätte sie noch gut in Erinnerung. „Affen töten keine Menschen“, hat sie gesagt, in diesem Ton, den ich nicht ausstehen kann. „Außerdem gibt es hier keine.“ Und wenn es ein verkleideter Mann war? „Es ist Fasching, Daniel“, hat sie gesagt. „Da verwechselt man schon mal was. Und wenn du mir nicht erzählt hättest, daß du das alles vom Riesenrad aus gesehen hast ...“ Sie hat den Kopf geschüttelt und mich so angesehen, wie ich es nicht mag. So – mitleidig. „Du weißt doch: das Riesenrad im Spreepark ist schon lange außer Betrieb.“ Und dann hat sie etwas gesagt, das richtig weh getan hat. „Sei doch endlich mal ein großer Junge.“ Hat mir durchs Haar gewuschelt, was ich hasse. Und Vati hat gesagt: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.“ Morgen geh ich wieder hin. Ich finde ihn, den Affen.
© 2005 by Anne Chaplet. Erschienen in: Iris Grädler (Hrsg.), Mordsgeschichten. Neue Krimigeschichten aus aller Welt, 2006
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