Das will man doch wissen, als Krimiautorin: wie kriminell ist die Wirklichkeit?
 
Das will man doch wissen, als Krimiautorin: wie kriminell ist die Wirklichkeit? Und schreibt sie die besseren Geschichten? Schon deshalb greift man zu einem Buch, das im Untertitel Erkenntnisse über „das skrupellose Netzwerk aus Politikern, Top-Managern und Justiz“ verspricht. Jürgen Roths Geschichten vom Sanierungsfall Deutschland berühren die Massenseele: das Buch katapultierte sich in wenigen Wochen ganz weit nach oben in die Bestsellerlisten. Hier ist alles versammelt, was da schwärt unter der fröhlich fußballtrunkenen schwarzrotgoldenen Oberfläche: gekaufte Politiker, bestechliche Beamte, abhängige Staatsanwälte, perfide Banker, Immobilienhaie, Drogenhändler, Schutzgelderpresser, Heuschrecken, Ratten und Schmeißfliegen. Hier wird die Welt beschrieben, wie man sie sich immer schon vorgestellt hat.
Also jede Menge Stoff für den Krimi Deutschland? In der Tat sind die Fälle, von denen Roth berichtet, trostlos bis erschreckend. Die Lektüre stimmte bedrückend – wäre da nicht der Empörungssound des Volksaufklärers, der bei jedem Blick in einen weiteren Abgrund der Schändlichkeit „Siehste!“ruft. Wo alles vorhersehbar ist, kommt keine Spannung auf. Die Quintessenz der Lektüre verblüfft deshalb auch nicht weiter: jeder einzelne Sündenfall steht fürs Ganze, für den „schleichenden Niedergang der demokratischen Kultur in Deutschland.“ Jeder Beweis dafür wird als Nagel in den deutschen Sarg gehämmert.
Ein Tatsachenbericht? Nein, ein Manifest. Und Stoff für einen „wahren“, einen „realistischen“ Krimi? Erst recht nicht. Spannung entsteht aus dem Einzelfall, dem Dilemma, dem Konflikt, etwa zwischen Rechtsbewußtsein und Bereicherungslust. Bei Jürgen Roth aber ist das Unheil alternativlos. So ist die Welt dann doch wieder nicht. Man darf aufatmen.

Anne Chaplet über: Jürgen Roth, Der Deutschland-Clan. Das skrupellose Netzwerk aus Politikern, Top-Managern und Justiz, Eichborn-Verlag 2006