Der schnelle Erfolg der Münchner Polizei im Fall Moshammer läßt um die Zukunft ganzer Berufszweige zittern, um die es sicherlich in unterschiedlichem Ausmaß schade ist. Stirbt nun das Verbrechen aus? Und – bange Frage! Haben wir Krimiautoren ab heute nichts mehr zu schreiben? Ach, man sollte weder zuviel erwarten noch zuviel befürchten. Niemand hat etwas dagegen einzuwenden, daß Gewalttäter schnell gefaßt werden – insbesondere jene, deren Temperament oder Neigung Wiederholung befürchten lassen. Doch verändert der Münchner Fahndungserfolg schon die Welt? Heute bereits ist die Aufklärungsquote bei Gewaltverbrechen hoch – und womöglich ist das größere Problem nicht selten, eine Gewalttat überhaupt zu erkennen. Nicht immer wird der Arzt, der einer 88jährigen den Totenschein ausstellt, auf die Idee kommen, es könne auch ein Verwandter mit dem Kopfkissen nachgeholfen haben. Da hilft kein DNA-Kataster. Und wenn es gar um das geht, was man „Beziehungstat“ nennt, wenn der Täter also im näheren Umkreis des Opfers zu vermuten ist, wird man am Tatort von einem ganzen Genspurengewitter „Verdächtiger“ empfangen werden. Auch in diesem Fall hat das psychologische Gespür und das ermittlungstechnische Geschick unserer Kriminalisten mitnichten ausgesorgt – und wäre die vollständige Erfassung der Bevölkerung nutzlos. Sie hülfe vielleicht im Falle jener Serientaten, bei denen die Auswahl der Opfer zunächst keine Rückschlüsse auf den Täter zuläßt, der überdies bislang noch nirgendwo polizeilich auffällig geworden ist. Nur: trotz allerhand spektakulärer Mordserien sind diese Täter eine winzige Minderheit, auch wenn sie die Phantasie am meisten beschäftigen, scheint doch die motivlose Tat auf „das Böse“ schlechthin zu deuten. Nur in Krimis spielen sie eine große Rolle. Denn hier kann sich der Roman noch einmal als Zweikampf des Guten gegen das Böse inszenieren. Doch diese Geschichten gehören zum Schwächsten, was das Genre zu bieten hat: Stories, in denen, wie etwa Dr Tony Hill in den Geschichten Val McDermids, hypersensible Intuitive wahnsinnigen Serienmörder nachstellen, in die sie sich zum Schaden ihrer Seelenruhe „einfühlen“ müssen, weil es sonst keine brauchbaren Hinweise gibt. Über einen Serienmörder schreibt, wem sonst nichts einfällt. Das Genre selbst hat vom Triumph des genetischen Fingerabdrucks nichts zu befürchten. Schon längst haben wir es ja nicht mehr überwiegend mit Whodunnits zu tun, die um eine charismatische Ermittlerperson kreisen, die wie Sherlock Holmes oder Nero Wolfe weder DNA Spuren noch Intuition brauchen, setzen sie doch rein auf die Logik der Tat, die ihr Supergehirn mit Leichtigkeit nachvollziehen kann. Vor allem in der amerikanischen Literatur wimmelt es nur so von Technikern der Aufklärung wie Gerichtsmedizinern (Patricia Cornwell) und Anthropologen (Kathy Reichs); gibt es Madenforscher (Mark Benecke) und „Profiler“, die der Intuition ein wissenschaftliches Korsett verpassen. Ach, vielleicht wäre es sogar von Vorteil, wenn sich die in Deutschland so beliebten Romanermittler mit Depressionen und Diabetes weniger um ihre eigene Befindlichkeit und um die Schlechtigkeit der Welt kümmern würden, sondern ihre Techniker auf Trab brächten? Das ersparte uns übersensible Polizisten, die täglich an den Fundort einer Mädchenleiche pilgern (Ake Edwarson) oder Lebensweisheiten über den Untergang Schwedens verbreiten (Henning Mankell) und uns glauben machen, es hinge von der Tagesform unserer Kriminalkommissare ab, ob ein Verbrechen aufgeklärt wird. Aber muß denn ein Kriminalroman überhaupt realistisch sein? Wie oft wohl haben Menschen den perfekten Mord geplant und erfolgreich ausgeführt – und wie oft im Vergleich haben Schriftsteller ihn erfunden? Die Attraktivität des Krimis in Worten, Bildern und Ton liegt nicht in seiner Wirklichkeitstreue, sofern damit die Statistik gemeint ist. Eine Mordrate, wie sie Mankell einem kleinen schwedischen Örtchen namens Ystad angedichtet hat, gibt es gottlob nirgendwo auf der Welt. Ein Kriminalroman führt uns, wenn es gut geht, Wirklichkeit auf ganz andere Weise vor Augen: er ist eine um ein Gewaltverbrechen kreisende Versuchsanordnung, in der Menschen unter Druck zeigen müssen, was und wer sie sind. Der Krimi kreist um das Beste und die Bestie im Menschen. Die DNA-Analyse führt ihn höchstens wieder zurück zur klassischen Spielaufstellung: Wenn als Täter nur infragekommt, wer DNA-Spuren hinterlassen hat, haben wir wieder ein Setting wie in den alten britischen Landhauskrimis. Im geschlossenen Raum ist ausgeschlossen, was alle hoffen: der Täter könne von außen gekommen sein. Aber das wissen Ermittler und Krimiautoren ja schon längst: der Täter ist „einer von uns“ – weshalb wir nicht nur wissen wollen, wer es war, sondern auch, warum es geschah. Das, und nicht sein Realismus, macht den Krimi zum modernen Gesellschaftsroman.
erschienen in: Die Welt, 19. Januar 2005
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