Ladykracher
 

Wichtig blickende Männer blähen ihre Nüstern, pumpen die Backen auf, spitzen die Münder, nicken oder schütteln die Köpfe, schlürfen, mampfen und spucken und kritzeln dann mit ernster Miene große Sätze in kleine Notizbücher. Kommt Ihnen bekannt vor? Genau: Was Sie hier sehen, ist eine Weinprobe. Die soll keinen Spaß machen, sondern Resultate zeitigen. Hier arbeiten Kenner, keine Lebemänner. Ein Kenner kennt seine Weinjahrgänge wie andere Männer die Spiele der deutschen Fußballbundesliga seit 1945. Vor allem aber kennt er kein Pardon.
Außer, er trifft auf ein nettes junges Mädchen aus Bersenbrück oder aus einem anderen bemitleidenswerten Ort im Norden. Dann wird er weich und belehrig: erzählt, daß das Riechen das wichtigste ist beim Weingenuß, weshalb auf duftende Seife und Parfüm zu verzichten sei; daß der Geschmack im Mund an zweiter Stelle steht, weshalb der Kenner jeden Schluck hin und her rollt, damit er mit all den vielen kleinen Geschmacksknospen, die dort lauern, in Berührung kommt (Achtung! Keinen Lippenstift benutzen!) und daß die Kehle keine Rolle spielt. Trinken? Nein danke!
Das versteht auch ein Mädchen aus Bersenbrück: Schluß mit lustig. Vorbei die Zeiten, in denen popelinejackenbekleidete Rentner zur Weinprobe in feuchte Keller einfielen, wo man ihnen Stoff vorsetzte, der sie alsbald in laute Gesänge ausbrechen ließ. Wir haben gelernt! Wein ist eine viel zu wichtige Sache, um Spaß dabei zu haben.
Für eine professionelle Weinprobe mag das übrigens gelten. Aufs Leben übertragen, könnte nichts falscher sein. Schlimmer noch: die Verwechslung von Erkenntnissuche und Lebensfreude hat nicht den großartigen deutschen Winzern und ihren wunderbaren Getränken genutzt, sondern den heimlichen Verächtern der Rebe. Das sind diejenigen, die das ver- und einkaufen, was in der mittelprächtigen Gastronomie als „Wein“ ausgeschenkt wird. Eine Katastrophe. Früher mal mag das jene süße Plörre gewesen sein, die als Liebfrauenberg sprichwörtlich und literaturfähig geworden ist - Seniorinnengesöff, bestens geeignet als Tapetenkleber. Heute weiß schon der junge Mensch, der an der süßen Nachkriegsware unter Garantie noch nie auch nur gerochen hat: Weiß oder rot, egal, nur: Trocken muß er sein! Was er sich damit einhandelt und gegebenenfalls versäumt, hat er nie gelernt.
Mag also das Zeuchs auch noch so sauer schmecken – „Das muß so“, sagt der Gastronom und irgendein Wichtigtuer fügt unter Garantie hinzu, Weintrinken wolle eben gelernt sein, es sei denn, man begnüge sich mit gefälligem Durchschnitt. Nach dieser Belehrung läßt sich jede Frau die Unsitte gefallen, daß im Restaurant stets dem Mann die Weinkarte vorgelegt wird, nicht ihr. Das Resultat kennen wir. Vielleicht wären wir weiter, ließe man sie in Zeiten, in denen die Frauen selbst bezahlen, auch den Wein auswählen.
Denn mag der harte Mann als Rollenmodell auch weltweit ausgespielt haben: Beim Weintrinken kommt er wieder voll zum Tragen. Wein muß man sich erarbeiten, sagt er etwa, wenn seine Liebste neben ihm am Tisch den zarten Mund verzieht. Der erschließt sich nicht gleich, sagt er kennerisch und natürlich traut sich seine Begleiterin nicht, einen Fehlton zu vermuten – woher denn auch? Sie ist es ja nicht anders gewohnt, zumal in den landläufigen Restaurants auch Wein mit Korkfehler gnadenlos ausgeschenkt wird, da das nette weibliche Bedienungspersonal im Zweifelsfall mit stolzer innerer Überzeugung sagen würde: „Keine Ahnung! Ich trinke sowas nicht.“ Recht hat sie – sowas kann man auch nicht trinken, diesen obskuren Stoff, bei dem womöglich reine Natur ist, was man gnädigerweise als Korkfehler verdächtigen möchte. Da muß schon knallhart sein, wer das aushalten will.
Und so verkaufen in unheiliger Allianz mediokre Winzer, geschmacklose Wirtsleute und harte Männer der Damenwelt Weinbotschaften aus dem wilden Westen: Da muß man durch. Das tut nur beim ersten Schluck noch weh.
Was einmal so gelernt wurde, nimmt man mit, auch ins besserere Restaurant. Da heißt es dann: Ein großer Jahrgang, der braucht Zeit. Vielleicht ist er ja noch ein bißchen verschlossen, der kommt noch, sollst mal sehn. Sicher, der ist gewöhnungsbedürftig, er entspricht eben nicht dem Massengeschmack. Gut Ding will Weile haben. Schmecken tut auch Coca Cola. Der hat ganz viele Punkte im (Eichelmann, Parker, Hachette, Gambero Rosso). Der muß nicht schmecken, der war teuer und ist Kultur.
Und Kultur. Muß. Weh. Tun.
Wir sind auch beim Wein im Lande von E und U. E macht Mühe, ist also prima, und U ist Spaßkultur, also nur was für die plebs. Weshalb auch ernstzunehmende Literatur, wer hätte das nicht schon in der Schule gelernt, nicht eingängig oder süffig sein darf, nein, sie sei sperrig, sie muß erarbeitet werden, biedert sich nicht an, bleibt widerspenstig, erschließt sich nicht gleich, hat Potential, auch wenn sie noch nicht schmeckt. Alles andere wäre ja Wohlfühlliteratur, also was für Frauen, die Hera Lind lesen und nach den Empfehlungen von Elke Heidenreich Bücher kaufen. Unterhaltungsliteratur! Eingängige Ware vom Fließband, ohne individuelle Handschrift, Massenware eben fürs gerade mal alphabetisierte Volk!
Und Wohlfühlen ist hierzulande nicht erlaubt, wie uns modern möblierte Großstädte vor Augen führen, deren Architekten das bloß Schöne für mindestens faschistoid halten und mit hergebrachten Sehgewohnheiten solange brechen, bis einem ganz übel ist. Wir leben in einem Land, in dem die permanente Belehrung über die „richtige“ Art, die Welt zu verstehen und zu genießen, noch immer zum guten Ton gehört, es sei denn, man begibt sich in die Gefilde des Massengeschmacks, so, wie ihn die Fernsehmacher verstehen. Dort hat man längst aufgegeben, den Menschen für mehr als gerade mal praktisch bildbar zu halten.
Kein Wunder, daß manch einer den Weg des geringsten Widerstands sucht. Für diese Klientel beglückt uns die Weinindustrie mit Anzeigen, in denen vor allem Frauen herzlich lachen, weil sie im Glase tatsächlich nichts vermuten müssen, was sie quälen könnte und weil das Getränk einen weder mit Lagenbezeichnung, Jahrgang, Rebsorte oder Winzernamen belästigt. Die Folge, wie es ein Winzerwitz kolportiert: junge Frau fragt im elsässischen Weingut, ob Mme Mayer auch Pinot Grigio anbiete. Ja, sie habe auch Ruländer, antwortet diese. Nein, es müsse schon Pinot Grigio sein. Grauburgunder also? Die Antwort kann man sich denken.
Wenn Weinkennerschaft zur geheimen Spezialwissenschaft unvorteilhaft auftretender alter Männer gemacht wird, die sich das auch noch – man sieht es ihnen an! – hart erarbeiten mußten, sollte man sich nicht wundern, wenn Jüngere zur einfachen Alternative greifen: es kostet nicht wirklich viel, hat einen einprägsamen Namen und schmeckt immer gleich.
Dabei liegt zwischen dem prätentiösen „Das muß erarbeitet werden!“ und dem „Das liest und säuft sich weg wie nichts“ ganze Welten, nicht nur in der Literatur. Es ist richtig: Frauen haben nicht nur beim Lesen einen anderen Geschmack. Der beschränkt sich indes genausowenig auf den heiteren Frauenroman wie auf die milde Liebfrauenmilch, auch wenn Frauen mehrheitlich nicht zu bemoosten Flaschen neigen, denen man nur etwas abgewinnt, wenn man ihren Preis kennt. Zwischen den Bomben aus Bordeaux und dem „Der tut nichts“-Wein aber gibt es unendlich viel zu entdecken.
Die besten Winzer Deutschlands sind im Bündnis mit den Frauen, deren Sensorien keine schweren Kracher brauchen, um zu erblühen, keine Roten, die vor lauter Tanninen nicht gehen können, keine breiten Weißen, fett vom Holzfaß. Laßt sie doch ihre Bordeaux-Weine und kalifornischen Chardonnays trinken, die Herren. Uns Frauen seien die Ladykracher gegönnt: Weine wie ein Riesling von, sagen wir: Haag, Dönnhoff, Breuer, die schon heute schmecken und dennoch jedes Jahr eine andere Note anschlagen, wenn man ihnen erlaubt, im dunklen Keller ihre aufregenden Reifeprozesse zu vollziehen. Oder Weine wie ein Spätburgunder von Fürst oder Meyer-Näkel, die zeigen, was ein Roter sein soll: eine Sinnesorgie für Nase und Gaumen. Die meisten dieser Weine müssen nicht gehätschelt werden, sie brauchen keine mühsamen Routinen und keine Zaubersprüche, bis sie sich entfalten (auch wenn es sich empfiehlt, sie wie einen guten Liebhaber langsam zu genießen). Sie teilen ihre Größe gleich mit, ohne damit aufdringlich zu sein; sie gewinnen an Charakter, wenn man ihnen Zeit läßt.
Mit Weinen ist es wie mit Kerlen: nicht hinter jeder rauhen Schale steckt ein überraschender Kern und guter Charakter sollte kein Geheimnis sein, das sich bloß dem Kenner erschließt.
Also nur Mut, die Damen!

Erschienen in der „Zeit“, Wein Spezial, 15. April 2004.