Über Jo Nesbø: Das fünfte Zeichen
 
Das Wasser läuft durch die Böden und Wände eines Hauses, dringt in die Außenwand, deren Putz Rosshaar und Schweineblut enthält, ein Sachverhalt, an den sich Legenden knüpfen. Das Wasser weicht eine Zeitung vom 11. Juli 1898 auf, in der von einem Mordfall die Rede ist, dringt durch die Decke und tropft in den Kochtopf von Vibeke Knutsen, wo es gerinnt. Unter der Dusche in der Dachwohnung des alten Hauses findet die Polizei eine Leiche. Weitere folgen.
Von der ersten Seite an ist man drin im Geschehen. Der Norweger Jo Nesbo ist ein Meister darin, Spannung aufzubauen und zu halten. Liegt es daran, daß der Mann nicht nur vom Schreiben, sondern auch von Ökonomie und Musik etwas versteht? „Das fünfte Zeichen“, der fünfte Roman mit Harry Hole, dem Ermittler mit mehr als einem Problem, ist hervorragend geschrieben und makellos übersetzt von Günther Frauenlob. Wer skandinavische Autoren an Henning Mankell und Arne Dahl mißt, tut ihnen Unrecht. Hier ist einer am Werk, der etwas wagt, sprachlich und inhaltlich.
Daß moderne Helden, die unbestechlichen Ermittler der Kriminalpolizei, mittlerweile als gebrochene Figuren gezeichnet werden, sind wir gewohnt. Die meisten saufen, na und, haben ein ungeordnetes Sexualleben oder keins, dafür Diabetes. Nesbo geht einen Schritt weiter.
Tom Waaler und Harry Hole untersuchen den Fall – Tom, der karrieregeeignete Superermittler und Harry, der alkoholkranke Unglückswurm, der seinen Kollegen mit rachsüchtigem Mißtrauen verfolgt. Die Tote ist erschossen worden, ihr wurde am lebenden Leib der Zeigefinger abgeschnitten. Als man eine weitere Leiche findet, der ein Finger fehlt, beginnt man einen Serientäter zu vermuten – erst recht, als Hole auf ein Zeichen aufmerksam wird, das bei jedem Opfer zu finden ist.
Über Serienmorde schreiben Autoren, denen sonst nichts einfällt. Nesbo spielt mit dem Klischee, demzufolge ein Serientäter eines sensiblen Ermittlers bedarf, der sich intuitiv hineinfühlt in die Wahnvorstellungen des Täters. Auch Harry Hole geht auf einen Trip, der ihn an seine Grenze führt. Aber dabei entdeckt er keinen Irren, sondern einen intelligenten Täter, der eine Serie vorspiegelt, um den einen Mord, auf den es ihm ankommt, zu vertuschen. Zugleich kommt Harry Hole seinem Widersacher auf die Schliche. Nicht alle Bullen leiden an der Welt und dem ungewollten Mitleid nicht nur mit den Opfern, sondern auch den Tätern. Es gibt auch welche, die ihre Macht mißbrauchen und die Welt auf ihre Weise zu retten versuchen: durch Selbstjustiz.
Das atemberaubende Finale ist nichts für schwache Nerven, vor allem nicht für Leute, die sich vor Fahrstühlen fürchten, zum Beispiel vor den alten Dingern, denen mit den Schiebegittern vor der Tür. Aber es ist nicht die blutrünstige Auflösung des Falls, sondern die Sprache des Autors, die den Leser verfolgt und ihm den Schlaf raubt.
 Jo Nesbø, Das fünfte Zeichen, aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob, Claassen, Berlin 2006, 499 Seiten