Über Elizabeth George und Klüpfel und Kobr
 
Was verbindet Krimi-Bestseller? Manchmal gar nichts – außer daß ihre Leser sie lieben. Der dritte Kommissar-Kluftinger-Fall „Seegrund“ von Klüpfel und Kobr ist etwas völlig anderes als der neueste Inspektor-Lynley-Roman „Wo kein Zeuge ist“ von Elizabeth George. Dennoch haben beide etwas gemein…
 
Ein halbtoter Taucher, ein blutender See und ein jahrzehntealtes Geheimnis aus finsteren Zeiten, dem ein paar alte Kämpfer noch immer auf der Spur sind: das ist der neue Fall für Kommissar Kluftinger. Daß er ihn löst, scheint unwahrscheinlich – denn Kluftinger ist nicht von dieser Welt. Als Urgestein aus dem Allgäu zieht er eine ordentliche Portion Kässpatzen zu Hause bei Erika den zugigen Herausforderungen des modernen Lebens allemal vor. Zigarillorauchende Kolleginnen sind ihm ebenso unheimlich wie die japanische Freundin seines Sohnes, ganz zu schweigen von Internet, Ebay oder einer modernen Skiausrüstung. Kaum zu glauben, daß man unseren Mann von 50plus noch nicht in den Vorruhestand ausgemustert hat – und kaum zu glauben, daß er auch in diesem mysteriösen Fall eine schlüssige Lösung findet.
Der Bestsellerfolg des Autorenduos Volker Klüpfel und Michael Kobr ist eines der erfreulichen Wunder des Literaturbetriebs, den man immer mal wieder verdächtigt, nur noch Klone der Vorjahresbestseller auszuspeien – weil sich die Leser ja angeblich nur am Bekannten und Bewährten orientierten. Die beiden Allgäuer Mittdreißiger aber, der eine Lehrer, der andere Kulturredakteur, zeichnen ihren Helden und seine Landschaft so unverwechselbar, kauzig und detailgetreu wie Jacques Berndorf seine Eifeldramen. Also ein Inspector Columbo-Klon aus der deutschen Provinz? Ach nein. Wenn Kluftinger ein Vorbild brauchte, dann wäre das Agatha Christies Miss Marple: auch der genügte genaue Kenntnis der Provinz und ihrer Gesetze. Fazit: wer es gern etwas skurril und ländlich mag, wird gern mit Kluftinger kuscheln.
Und was hat das jetzt alles mit Elizabeth George zu tun? Mehr, als augenscheinlich ist. Auch die Romane der Amerikanerin mit Liebe zu Großbritannien haben etwas von einem Regionalkrimi. Georges Stärke sind die Beschreibung von Menschen und Landschaft mit ihrer Geschichte, ob es dabei etwa um die pakistanische Enklave in Großbritannien geht oder um den Nachhall der deutschen Besatzung der Insel Guernsey während des zweiten Weltkriegs. Sicher – die ersten Dramen um den adligen Inspektor Lynley orientierten sich zunächst, ganz wie die Melrose-Plant-Krimis ihrer Kollegin Martha Grimes, am Vorbild des Lord Peter Wimsey der unübertroffenen Dorothy Sayers. Doch mittlerweile hat sich Elizabeth George vom skurrilen britischen Adelsmilieu gelöst, ihre Romane sind realistischer geworden. Heldinnen wie die sture, dickköpfige, wenig hübsche Detective Constable Barbara Havers sind an die Seite und manchmal auch an die Stelle der blaublütigen Ermittler und Forensiker mitsamt ihrer anstrengenden Gattinnen getreten. Im neuesten, dem 13. Roman (trefflich übersetzt von der deutschen Bestsellerautorin Rebecca Gablé und ihrem Mann) zeigt die George, daß man mit einem Serienmörder auch intelligenter umgehen kann als es das Profiler-Getue anderer Serienmordspezialisten erahnen läßt: In Londoner Stadtteilen werden farbige Halbwüchsige tot aufgefunden, was zunächst niemanden bei der Polizei sonderlich interessiert. Erst, als die skurril drapierte Leiche eines weißhäutigen Knaben aufgefunden wird, vermutet man ein Serienverbrechen. Jetzt muß Winston Nkata ran, ein farbiger Detective Sergeant, der dafür sorgen soll, daß man der Polizei keine rassische Vorurteile unterstellt.
Wie George politisches Ränkespiel und Sozialkritik, multiethnische Realität und realitätsblindes Gutmenschentum, Momentaufnahmen Londons und das unruhige Privatleben ihrer Hauptpersonen miteinander verknüpft, ist meisterhaft wie immer. Der überraschende Schluß aber zeigt, wie radikal George sogar unter ihrem Stammpersonal aufzuräumen bereit ist – längst hat sie den mit exzentrischen Adligen bestückten Landhauskrimi hinter sich gelassen.
Und damit sind wir wieder beim Anfang: daß die Leser sowohl dem altertümlich-schrulligen Kluftinger als auch der nüchtern-realistischen Barbara Havers zu Bestsellerehren verholfen haben, zeigt, daß sie sich eben nicht nur mit dem Ewiggleichen zufrieden geben, sondern neben dem ständigen Neuerfinden des Genres auch dessen behutsame Weiterentwicklung honorieren.
Fazit: Keine Angst vor Bestsellern!
 
Volker Klüpfel/Michael Kobr, Seegrund. Kluftingers neuer Fall, 340 Seiten, Piper/München
Elizabeth George, Wo kein Zeuge ist. Ein Inspector-Lynley-Roman, deutsch von Ingrid Krane-Müschen und Michael J. Müschen, 795 Seiten, Blanvalet/München 2006