„Der Spion, der aus der Kälte kam“, ein Thriller aus der Welt der Geheimdienste im Kalten Krieg, hat ihn 1963 weltbekannt gemacht. Kurz nach dem Bau der Mauer, in nur wenigen Wochen, ist die Geschichte des britischen Agenten Alec Leamas entstanden, der im Machtspiel zwischen Ost und West auf der Strecke bleibt. Der Autor, David Cornwell, hockte mitten in einer Lebenskrise in einer Wohnung in Königswinter – wir kennen ihn unter seinem Nom de Guerre John le Carré. Das Buch war stilbildend für die umfangreiche Literatur, die sich vom Kalten Krieg nährte, es ist ein Klassiker des Genres und sein Autor der Übervater.
So wie damals hat er nie wieder geschrieben. Doch auch sein neuestes Buch trägt die Handschrift eines Profis: man steht schon auf der ersten Seite an der Seite des Helden, dem es auch nach dem Ende des Kalten Kriegs so ergeht wie Alce Leamas. Noch immer wird mit allen schmutzigen Tricks um die materielle und politische Macht gekämpft.
Bruno Salvador heißt der Held und Ich-Erzähler. Er ist Konferenzdolmetscher für die vielen, zum Teil wenig bekannten Sprachen des Ostkongo, ein ordentlicher britischer Staatsbürger, der mit einer Journalistin aus besten Kreisen verheiratet ist. Eine schöne Karriere für den ein bißchen eitlen Sohn eines irischen Missionars und eines namentlich nicht bekannten kongolesischen Dienstmädchens, aufgewachsen in Süd-Kivu am östlichen Kongo, einem zentralafrikanischen Paradies „aus dunstverschleierten Seen und vulkanischen Bergen, smaragdgrünen Weiden, üppigen Obsthainen.“ Nach dem Tod des Vaters landete er in einem Internat für katholische Waisen in Sussex, wo Pater Michael mit harter Hand das Talent für Sprachen förderte, das sein Schützling zeigte. Dieses Talent wird dem Aufsteiger Salvador zum Verhängnis, als der britische Geheimdienst ihn anheuert, eine inoffizielle Konferenz zu dolmetschen, auf der britische und afrikanische Politiker über die Zukunft des krisengeschüttelten, aber mit Rohstoffen reich gesegneten Kongos verhandeln.
Denn er dolmetscht nicht nur. Die Briten sind vor allem daran interessiert, zu erfahren, was die drei versammelten kongolesischen Parteien außerhalb des Sitzungssaals von sich geben. Zwischen den Sitzungen hetzt der junge Dolmetscher also in den Keller, um im gründlich verwanzten Haus alle auszuspionieren – das kann nur er, denn die afrikanischen Teilnehmer wissen nicht, daß er sie auch dann versteht, wenn sie sich hinter den entlegensten afrikanischen Dialekten verstecken.
Salvo aber kommen während dieses Dienstes am britischen Vaterland die Moral und die Liebe zum kongolesischen Mutterland in die Quere, die sich in der Leidenschaft zur kongolesischen Krankenschwester Hannah manifestiert. Er gerät beim Kampf um den Kongo zwischen die Fronten und verschwindet schließlich, nicht zuletzt dank einer unvernünftigen Liebestat von Hannah, in einem „Sonderaufnahmeeinrichtung“ genannten britischen Gefängnis.
John le Carré ist nicht nur ein politisch denkender und moralisch empfindlicher Schriftsteller, er beschert seinen Lesern stets auch jenen Mehrwert, dessentwillen das Genre so beliebt ist: man lernt viel über Menschen, Dinge und Begebenheiten, die einem unvertraut sind. Fast ein bißchen zuviel erfährt man in diesem Buch über den Kongo, oder sagen wir: vielleicht nicht zuviel, aber auf eine nicht immer leicht verdauliche Weise. Es bekommt Dialogen nicht, wenn sie lediglich dem Übermitteln von Botschaften dienen.
Doch wer bei all der politischen Aufklärung nicht den Faden verliert, wird mit einem melancholischen Schluß belohnt: In „Geheime Melodie“ gibt es zwar kein Happyend und die Welt ist nicht besser geworden. Aber die Liebe wäret ewiglich. Und das ist ja auch schon mal was.
John le Carré, Geheime Melodie, List, Berlin 2006, 415 S.
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