Über Gianrico Carofiglio: In freiem Fall
 
Gianrico Carofiglio ist als Staatsanwalt in Bari mit der Mafia befaßt. Das ist an sich schon spannend. Darüberhinaus ist er ein in Italien sehr erfolgreicher Autor von Kriminalromanen. Der zweite um den Anwalt Guido Guerrieri ist jetzt auf deutsch erschienen. Er enttäuscht manche Erwartungen und erfüllt andere aufs schönste.
Denn einen Bericht aus der Welt des Paten, aus einer Männerwelt der Familienehre und Fememorde, liefert Carofiglio nicht. Sein Roman spielt vor allem in einer Welt starker, aber einsamer Frauen und sensibler, aber ein bißchen feiger Männer. Der netteste Feigling heißt Guido Guerrieri, ist Anwalt in Bari; lebt allein, aber nicht richtig; kann kochen, jedenfalls einigermaßen; liest, wenn er nicht einschlafen kann, in Adornos Minima Moralia, und kann T. S. Eliot zitieren. Er kennt seine Schwächen, zu denen nicht zuletzt ein unausgeglichenes Temperament gehört: mal buckelt er voreilig, mal plustert er sich zum Racheengel auf. Aber als ihm Schwester Claudia, eine auffallend burschikose Nonne, den Fall der Martina Fumai vorstellt, eine Frau, die behauptet, vom Sohn eines der mächtigsten Männer der Stadt mißhandelt, vergewaltigt und verfolgt worden zu sein, nimmt er den Auftrag ohne Zögern an. Ein Ringen um die Wahrheit und um das Leben der jungen Frau beginnt, das seine Höhepunkte im Gerichtssaal erfährt, wo Guerierri von der klugen, aber einsamen Oberstaatsanwältin Alessandra Mantovani unterstützt wird. Die Gerichtsszenen geraten Carofiglio besonders fesselnd, natürlich: ein Staatsanwalt kennt sich nunmal aus mit den Regeln und den Riten, den Tricks und Durchstechereien; mit den Eigenheiten der Richter und den Eitelkeiten von Verteidigern und Staatsanwälten. Aber über weite Strecken lebt das Buch von seinem Helden, einem Frauenversteher mit Gespür und einer sensiblen Nase, die riecht, ob jemand Angst hat oder ob er lügt.
Und so gibt es durchaus erotische Schwingen zwischen ihm und den attraktiven Frauen, mit denen er umgeben ist: nicht nur mit der ebenso kämpferischen wie traurigen Staatsanwältin, auch mit der hübschen Klägerin und der enigmatischen Nonne, die eine seltene und höchst gefährliche Kampfsportart beherrscht. Aber da ist schon Margherita, die verständnisvolle Lebensgefährtin, mit der er zwar nicht die Wohnung, aber das Haus teilt und von der er, in einem finalen Akt der Befreiung, das Fallschirmspringen lernt.
In diesem Roman sind nicht das Verbrechen oder gar die Verbrecher das wirklich Spannende. Es geht um die immer wieder triste Geschichte von Kindesmißbrauch und Gewalt gegen Frauen, und die Männer, die Täter, erwecken kein Interesse. Es sind die Details, die vielen Nebenszenen, die uns mitgehen und mitleiden lassen mit Guido Guerrieri, dem zum Glück wenigstens einige wenige positive Männergestalten begegnen: etwa Pupuccio il Nero, ein Dieb und Versicherungsbetrüger. Oder ein Drogenhändler, der den Anwalt nächtens in tiefster Depression tröstet – durch ein schönes, gründliches, gemeinsames Männerschweigen. Und vor allem Inspector Tancredi, der dafür sorgt, daß es im blutigen Finale wenigstens für Guido und die Nonne halbwegs gut ausgeht.
Der Anwalt und sein Autor Gianrico Carofiglio haben vor allem eines: Gefühl. Da macht es nichts, daß ein starker Weißwein 14 Prozent hat – und nicht 14 Grad. Erheben wir das Glas auf eine der sympathischsten Gestalten des neuen italienischen Kriminalromans!
 
Gianrico Carofiglio, In freiem Fall, aus dem Italienischen von Claudia Schmitt, Goldmann, 221 Seiten
 
 
Persönliche Warnung:
Wenn Sie Bücher mögen, in denen die Heldin schon morgens den Bourbon in sich hineinkippt und Langärmliges tragen muß, weil sie zu einfallsreichen Selbstverstümmlungen neigt; in denen Mütter am Münchhausensyndrom leiden und ihre Kinder mißhandeln; Teenager schön und grausam sind und der Serienmörder mit den Zähnen seiner Opfer... – nun, darüber schweigen wir – also wenn Sie das alles mögen: kein Problem. Das gibt’s. Das Buch heißt „Cry Baby“ und stammt von der amerikanischen Autorin Gillian Flynn.